Sie gehört zur „ersten Reihe“

Die Biografie über die Antifaschistin Judith Auer erschien in erweiterter Auflage. Eine Rezension von

von Wulf Skaun

Stephan Hermlins „Die erste Reihe“ (1951) trug im Bücherschatz meiner Kindheitstage die laufende Nummer 19. Und obwohl sehr viel Lesestoff nachkam, blieb mir des Dichters Gedächtnis an 30 junge antifaschistische Widerstandskämpfer stets in besonderer Erinnerung. „Dreißig stehen für Tausende“, hatte Hermlin all jenen ein Denkmal gesetzt, die ihr Leben im Ringen um eine friedliche und gerechte Welt gegeben hatten: „Sie waren die erste Reihe …“ Nicht alle ihre Namen seien öffentlich bekannt gewesen, und noch viele andere würden sein kleines Buch später ergänzen, hoffte er.

Ruth und Günter Hortzschanskys Biografie über Leben und Tod der Antifaschistin Judith Auer (1905?1944) erfüllt Hermlins Erwartung. 2004 erstmals erschienen, liegt „Möge alles Schmerzliche nicht umsonst gewesen sein“ nun in zweiter, deutlich erweiterter, Auflage vor. Ich gestehe, bis dahin von Judith Auer nichts gewusst zu haben, obwohl Straßen in Berlin, Leipzig und Jena ihren Namen tragen. Dank Hortzschanskys ist das nun anders: Die aus einer Künstlerfamilie stammende, musikalisch Hochbegabte kämpfte eng mit Anton und Aenne Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Bästlein gegen Naziherrschaft und Krieg an und gehört füglich zu Hermlins „erster Reihe“.

Das Buch mischt sachliche Dokumentation über Judith Auers Entwicklung von der verständnisvollen Gefährtin an der Seite eines Jungkommunisten zur bewussten, aktiven KPD-Widerstandskämpferin gekonnt mit bewegend-emotionaler Schilderung ihres nicht immer einfachen privaten Alltags als Ehefrau und Mutter einer geliebten Tochter. Dass diese Dramaturgie den Leser überzeugt, liegt weitgehend in den biografischen Besonderheiten der beiden Autoren begründet. Ruth Hortzschansky ist die 1929 geborene Tochter der Buchheldin, die Mut und Kraft für ihre gefährliche illegale Arbeit immer wieder auch aus Liebe zu ihr und für ihre Zukunft schöpfte. Ehemann Günter Hortzschansky machte sich als Historiker mit der Erforschung der deutschen Arbeiterbewegung bis 1945, Schwerpunkt Ernst Thälmann, einen Namen. Diese Sach- und Fachkompetenz beider Verfasser verleihen der Schrift aber auch eine Aussagekraft, die weit über das persönliche Schicksal ihrer Hauptgestalt hinausgeht und ein allgemeingültiges Bild von Kampf und Opferbereitschaft, von Erfolg und Niederlage, von Hoffnung und Verzweiflung, von Leben und Tod einer antifaschistischen jungen Generation zeichnet. Doch vermittelt das Buch freilich zuallererst die packende und berührende, bisweilen schmerzliche Bekanntschaft mit der außergewöhnlich sensiblen wie kämpferischen Judith Auer. Die Aufnahme originaler Briefe und Aufzeichnungen der klugen und tapferen Antifaschistin, die so gern ihre musisch-kulturellen Neigungen gelebt hätte, doch durch barbarische Henkerhand sterben musste, mehrt den Wert der Neuauflage durch höchste Authentizität. Sie lässt den aufgewühlten Leser in Judith Auers letzte Worte an ihre Tochter Ruth einstimmen: „Möge alles Schmerzliche nicht umsonst gewesen sein.“

Ruth und Günter Hortzschansky: „Möge alles Schmerzliche nicht umsonst gewesen sein“. Von Leben und Tod der Antifaschistin Judith Auer 1905-1944. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage. Berlin: trafo [2017]. 265 S., 38 Ill. EUR 19,80.