Marxistischer Historiker aus Leidenschaft

Zum Tod von Werner Berthold
von Prof. Dr. Mario Keßler

Sauberkeit in der Wissenschaft, im persönlichen Auftreten und in der politischen Haltung – diese Trias war wohl das, was den Leipziger Historiker Werner Berthold vor allem ausmachte. Den ersten Nachweis dieser Sauberkeit musste er schon – höchst unfreiwillig – als Heranwachsender erbringen: Der 1923 in einer Leipziger Arbeiterfamilie Geborene weigerte sich standhaft, irgendeiner Organisation des Nazistaates beizutreten. Noch vor dem Krieg nahm er Kontakt zu einem Widerstandskreis um den Japanologie-Studenten und späteren Professor Gerhard Mehnert auf. Der Einberufung zur Wehrmacht konnte er sich nicht entziehen, doch die Gefangennahme durch die Amerikaner in Frankreich wurde zu einem Glücksfall: Im Gefangenenlager von Lyon wurden die französischen Sicherheitskräfte auf den jungen Antifaschisten aufmerksam. Nach einer zweijährigen Lagerschulung kehrte Werner Berthold nicht nur mit exzellenten Französischkenntnissen, sondern auch mit profunder Kenntnis der antifaschistischen Geisteskultur nach Leipzig zurück. Der vor dem Krieg als Graphiker ausgebildete Berthold nahm 1948 die Chance wahr, in einem Vorkurs das Abitur zu erwerben. Von 1950 bis 1954 studierte er Philosophie, Geschichte, Politische Ökonomie und Erwachsenenbildung.

Als Student war Werner Berthold der SED beigetreten. 1951 strich ihn die Partei aber aus ihren Reihen. Dies bedeutete: Er hatte ihr nie angehört. Berthold kannte seinen Orwell gut genug, um zu wissen, dass seine Zukunft in der DDR nun aufs Äußerste gefährdet war. Doch der Weggang in den Westen kam für ihn nicht infrage. Er wusste aber wohl bis zuletzt nicht, in welchem Maß die gerade erst ins Leben gerufenen Organe der Staatssicherheit Leben und Laufbahn des überzeugten Marxisten zu zerstören trachteten.

Der Grund für die schäbige Behandlung lag in Werner Bertholds Solidarität mit seinem Lehrer Walter Markov. Der gebürtige Slowene weigerte sich, in das Horn der Verleumder zu stoßen, die in Josip Broz Tito nach dessen Widerstand gegen Stalin einen „Faschisten“ sahen, und Berthold tat es Markov gleich. Doch so wie Markov letztlich seine Professur behielt, so konnte Berthold nach großem Einsatz von Ernst Bloch und Ernst Engelberg die akademische Laufbahn, wenngleich mit Hindernissen, fortsetzen. Ernst Engelberg nahm ihn als seinen Assistenten am Institut für deutsche Geschichte an. Dort schrieb Werner Berthold, der inzwischen wieder der SED angehörte, 1960 seine Dissertation über die Geschichtsbilder von Friedrich Meinecke und Gerhard Ritter, die Granden der westdeutschen Nachkriegs-Geschichtsschreibung. Ein aussagekräftiges Zitat Ritters verwendend, erschien die Arbeit 1964 unter dem Titel „Großhungern und gehorchen“ als Buch. 1970 kam die drei Jahre vorher als Habilitationsschrift angenommene Arbeit „Marxistisches Geschichtsbild, Volksfront und antifaschistisch-demokratische Revolution. Zur Vorgeschichte der DDR-Geschichtswissenschaft und zur Konzeption der Geschichte des deutschen Volkes“ als Buch heraus. Mit beiden Graduierungsschriften hatte sich Werner Berthold als Kenner der Historiographie-Geschichte ausgewiesen, und so nimmt es nicht wunder, dass ihn die Leipziger Universität 1969 zum außerordentlichen Professor und vier Jahre später auf den Lehrstuhl für dieses Fachgebiet berief. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten publizierte Berthold eine lange Reihe von Büchern und Aufsätzen über Trends in der internationalen Geschichtsforschung – weit über die Emeritierung 1988 hinaus. Seine wissenschaftliche „Feuertaufe“ erhielt er 1960 auf dem Weltkongress der Historiker in Stockholm. Auch dort setzte er sich mit der bundesdeutschen Geschichtsforschung auseinander und zeigte biographische Kontinuitäten einiger ihrer führenden Fachvertreter vom Kaiserreich über die von ihnen ungeliebte Weimarer Republik, den „Staat Hitlers“ bis zur Bundesrepublik auf. Darob von einem der Gescholtenen angegriffen, erhielt Berthold überraschend Unterstützung von dem damals noch sehr konservativen (später linksliberalen) israelischen Historiker Yakov Talmon, der Berthold hinterher beiseite nahm und ihm zuflüsterte: „Wir wissen, wie sich der Herr unter Hitler verhalten hat – und wir wissen auch, wie Sie, lieber Herr Berthold, sich damals verhalten haben.“ Seitdem wurde Werner Berthold ein auf internationalen Tagungen oft gern gesehener, von manchen aber auch gefürchteter Diskutant, der in mehreren Sprachen ein stets beeindruckendes Detailwissen offenbarte.

Auf eine ganz andere Weise war Werner Berthold verehrt und zugleich gefürchtet: als Leipziger Hochschullehrer und als akademischer Prüfer. In seinen Vorlesungen prasselte ein derart geballtes Wissen auf die Studierenden ein, dass man mit dem Schreiben kaum mitkam. Berthold war freundlich, geduldig, wiederholte die Dinge so lange, bis alle es „mitbekommen“ hatten. In den Zwischen- und Hauptprüfungen war er allerdings sehr streng – und war ganz erstaunt, als ihm dies der Verfasser dieser Zeilen später sagte. Doch profitierten Generationen von Geschichtsstudenten von dem, was bei ihm zu lernen war. Von seiner geistigen Offenheit zeugt die Freundschaft zum amerikanischen Historiker-Ehepaar Georg und Wilma Iggers. Gegen alle Widerstände holte er beide regelmäßig nach Leipzig, wo sie – eine Ausnahme in der DDR – mit seinen Doktoranden und Studenten frei diskutieren konnten. Immer wieder wies er darauf hin, welches reiche Erbe der Geschichtswissenschaft, aber auch der Literatur und Philosophie der verschiedenen Völker uns zum Studium aufgegeben sei; und es sei ein ebenso großes Privileg wie intellektuelles Vergnügen, diese Studien betreiben zu können. Uns kam es als Studenten so vor, als wisse er einfach alles über die gespeicherte Geistesgeschichte der Menschheit. So war es wohl auch.

Werner Berthold wurde mir vom akademischen Lehrer zum treuen Freund, mit dem zu debattieren ebenso lehrreich wie vergnüglich war. Unsere Zusammenarbeit erreichte ihren Höhepunkt im gemeinsamen Buch „Klios Jünger. 100 Historiker-Porträts von Homer bis Hobsbawm“, das 2011 in der Leipziger Akademischen Verlagsanstalt erschien. Angeregt hatte die Publikation Karlen Vesper, die uns auf der Geschichtsseite des „Neuen Deutschland“ die Gelegenheit gab, vorab einen Teil der dort behandelten Persönlichkeiten vorzustellen. Werner Bertholds einstiger Schüler Gerald Diesener, der inzwischen der Akademischen Verlagsanstalt vorstand, unterstützte sofort die Idee seines Lehrers, die Porträt-Sammlung einem erweiterten Leserkreis zu präsentieren.

Solange es seine Kräfte zuließen, blieb Werner Berthold wissenschaftlich und publizistisch aktiv, vor allem in der Leipziger Rosa-Luxemburg-Stiftung. Doch nicht nur dort wird sein Tod, der den 93-Jährigen am 8. April nach längerer, zuletzt schwerer Krankheit traf, als großer Verlust empfunden werden.

Prof. Dr. Mario Keßler arbeitet am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und unterrichtet je ein Semester im Jahr an der Yeshiva University in New York.