Hommage an Ernst Werner

23. Jour fixe erinnert an den großen Leipziger Mediävisten
von Wulf Skaun

Das Sto lat-Gedenkjubiläum muss noch warten. Ernst Werner, der 1993 verstorbene große Leipziger Mediävist, war Jahrgang 1920. Dennoch stand er im März beim 23. Jour fixe im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Den auch international hochgeschätzten Historiker zu würdigen, war seinen Schülern, Mitarbeitern und Nachfolgern in der Mittelalterforschung, Klaus Peter Matschke und Sabine Tanz, auch ohne biografische Pointe eine Herzensangelegenheit. Und Jour fixe wäre nicht der unkonventionelle Gesprächskreis, böte er ab und an nicht auch sehr speziellen Stoffen und Anliegen die Bühne zu horizonterweiternder Debatte. Von Bernhard von Clairvaux und Petrus Venerabilis von Cluny oder Scheich Bedr ed-din und Bürklüce Mustafa dürfte nicht nur der Autor dieser Zeilen das erste Mal gehört haben. Dass die Bibliothek der Leipziger Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen dennoch bis auf den letzten Platz gefüllt war und etliche Wegbegleiter des Altrektors der Karl-Marx-Universität Leipzig (1967?1969) der Hommage an ihn beiwohnten, rechtfertigte den Mut der Jour-fixe-Veranstalter Manfred Neuhaus und Klaus Kinner zu exotischer, altvorderer Thematik. Zumal Referenten und Disputanten aktuelle Bezüge zu einer von sozialen und nationalistischen Antagonismen zerrissenen Gegenwart herstellten.

Ihr akademischer Lehrer Ernst Werner, so Sabine Tanz, habe seine Schüler gemahnt, Fragen der Jetztzeit stets in die Vergangenheit „zu reproduzieren“ und von dort den Brückenschlag zurück vorzunehmen. Die Referentin resümierte Forschungen zu Antihumanismus und Intoleranz im hochmittelalterlichen Abendland des 12. Jahrhunderts und führte beispielhaft das Wirken von Bernhard von Clairvaux und von Petrus Venerabilis Cluny an. Als Kontrahenten führten die Kreuzzugsprediger einen erbarmungslosen Machtkampf gegeneinander. Humanismus und Toleranz als Bewegungsformen ihrer Strategie und Taktik akzeptierten und praktizierten beide immer nur dann, wenn sie ihren je eigenen Interessen dienten: Utilitarismus als Zweck. Antithetisch beleuchtete Klaus-Peter Matschke die Idee der Humanitas und Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone des 15. Jahrhunderts und ließ sie in persona von Scheich Bedr ed-din und Bürklüce Mustafa aufleben, Ernst Werners einstigen zentralen „Forschungssubjekten“. Die hatten es, zum allgemeinen Erstaunen, auch dem Juristen und Hobbyhistoriker Roland Wötzel (Martin Luther!) angetan. Sein spontaner Redebeitrag bereicherte die Ausleuchtung des Themas.

Dass das ziemlich entlegene und mitunter auch sperrige Spezialwissen den Bildungshorizont der Jour-fixe-Teilnehmer weiten konnte, war zuvörderst dem Moderator des Abends, Gerhard Hoffmann, zu danken. Angesichts der vielfältigen politischen, sozialen und religiösen Prägungen der mittelalterlichen Akteure und ihrer oft unverständlichen Denk- und Handlungsmuster seien zwei Aufgaben zu meistern, um diese zu verstehen: die grundlegenden konkreten historischen Zusammenhänge zu definieren und von daher zu erkunden, wem Humanismus und Toleranz nützen sollen. Der ausgewiesene Mediävist, als Schüler des Geehrten selbst bestens vertraut mit dessen Theorien und Thesen, baute so manche Erklärungsbrücke, über die das lernwillige Auditorium zu erhellenden Einsichten gelangte. Indem er seine Moderation zu einer Podiumsdiskussion mit den Referenten ausweitete und sie allgemeinverständlich auf den Punkt brachte, schärfte sich für alle der Blick auf Ernst Werners Schule, kristallisierten sich Übereinstimmungen, aber auch Differenzen in der geschichtswissenschaftlichen Betrachtung bei Klaus-Peter Matschke, Sabine Tanz, ihm selbst und ihrem anerkannten Lehrmeister heraus.

In der Diskussion würdigten mehrere Redner Ernst Werner als Hochschullehrer, Forscher, Publizisten und Kollegen. Altrektor Horst Hennig nannte seinen Vorgänger im Amt einen aufrichtigen Menschen, brillanten Gelehrten und engagierten, selbstlosen Streiter für die Wohlfahrt der Karl-Marx-Universität, ihrer Wissenschaftler und Studenten, der höchsten Respekt verdiene. Wolfgang Geier erinnerte an die besondere Wertschätzung der Studenten für den Mediävisten und an seine wissenschaftliche Autorität auch bei ausländischen Kollegen und Gremien. Schließlich würdigte Horst Möller Ernst Werners historisch-interpretative Expertenrolle als Mitherausgeber eines ins Deutsche übersetzten Koran bei Reclam Leipzig (1968) und seine seit 1966 mehrfach aufgelegte Monographie „Geburt einer Großmacht ? die Osmanen“ als herausragende Leistungen für eine breitere Öffentlichkeit.