Ellenbogen statt Schulterschluss

von Ruslan Yavorski

Die Debatte über Arbeitsmigration ist im Wahljahr in Deutschland neu entflammt. Hauptgründe infolge der uneingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit für die neuen osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten und die EU-Schuldenkrise werden aber absichtlich in den Schatten gestellt.

Deutschland hat eine lange Einwanderungsgeschichte. Anders als Frankreich oder Großbritannien hat das Land kein koloniales Erbe. Deswegen kommen Migranten nicht aus ehemaligen Kolonien, sondern aus verschiedensten Ländern in die BRD. Arbeitsmigranten, die in den 1950-70er Jahren nach Westdeutschland kamen, bildeten die erste größere Gruppe von Einwanderern nach dem Zweiten Weltkrieg. Im nächsten Jahrzehnt folgten vor allem deren Familienangehörige. In den letzten 30 Jahren änderte sich jedoch die Einwanderungsstruktur. Es gelangten Flüchtlinge nach Deutschland, außerdem Hundertausende jüdischer Kontingentflüchtlinge und Millionen Spätaussiedler aus Osteuropa. Seit der Einführung der uneingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit für die neuen EU-Mitgliedstaaten kommen auch die „EU-Arbeiter“. Im vergangenen Jahr zogen ca. 800.000 EU-Zuwanderer gegenüber den 330.000 Asylsuchenden nach Deutschland. Im gleichen Zeitraum haben mindestens 500.000 Personen Deutschland demzufolge verlassen.

Eine „privilegierte“ Schicht der Migranten bildet sich durch die ausländischen Absolventen der deutschen Hochschulen und die Besitzer der Blauen Karte der EU mit einem Hochschulabschluss und einem bestimmten Mindesteinkommen. Als Exportweltmeister ist die deutsche Wirtschaft auf hochqualifizierte Fachkräfte mit Migrationshintergrund angewiesen. In der Regel haben die „klassischen“ Einwanderer andere Qualifikationen als Einheimische und konkurrieren zunächst kaum mit ihnen um die gleichen Stellen. Häufig übernehmen sie zunächst Arbeiten weit unter ihrem Qualifikationsniveau, die kein Einheimischer machen will. Das gilt weltweit. So arbeiten Arbeitsmigranten aus Lateinamerika in den Vereinigten Staaten in Aushilfsjobs in der Gastronomie. Rumänische Saisonarbeiter zerteilen auf niedersächsischen Schlachthöfen Schweinehälften. Und in Russland machen Zentralasiaten einen Großteil der Knochenarbeit in der Bauindustrie. Doch auch wenn Einwanderer einer höherqualifizierten Arbeit nachgehen, verdrängen sie die Einheimischen in der Regel nicht, sondern ergänzen deren Arbeit.

Die OECD sieht insgesamt optimistisch, dass man in Deutschland „die Integration immer besser und schneller hinbekommt als früher: die sehr gute Lage am Arbeitsmarkt, die Verbesserungen der Integrationspolitik an wichtigen Stellschrauben, eine frühzeitige Erfassung von Kompetenzen, niedrigere Verwaltungshürden bei fehlenden Dokumenten oder schwer nachweisbaren Qualifikationen“. Nach deren Auffassung „dauerte es früher ca. 15 Jahre, bis Migranten bei der Beschäftigungsquote auf Inländer-Niveau waren. Nun seien fünf bis sechs Jahre realistisch“. Der WSI Report der Hans-Böckler-Stiftung deckt eine traurige Geschichte der überwiegend niedrigqualifizierten Gastarbeitern auf, dass „sich aus den in Deutschland verbleibenden Gastarbeitern eine dauerhafte Unterschicht im Arbeits- und Wohnungsmarkt bildet. Auch im Alter sind diese am unteren Rand der Gesellschaft überrepräsentiert und erhalten deutlich niedrigere Renten als die Deutschen, tragen ein extrem hohes Armutsrisiko und wohnen bescheiden.“ Die neue Generation hat es schon leichter, weil „jeder dritte Deutsche mit Migrationshintergrund Abitur hat. Damit haben sie einen höheren Bildungsstand als diejenigen Deutschen, die nicht aus dem Ausland stammen“.

Auch wenn die persönlichen Eigenschaften der Mitbürger mit Migrationshintergrund mit dem Arbeitsmarkt konform sind, werden sie oft von der deutschen Gesellschaft nicht akzeptiert. Obwohl laut einer Studie der Bertelsmann- Stiftung jeder Migrant pro Jahr durchschnittlich 3.300 Euro netto bringt, bleibt die Mehrheit der Deutschen den Migranten gegenüber eher skeptisch und auf Distanz. Auch in deutschen Büros, Werken und nicht zuletzt in den Behörden bildet sich gegen Einwanderer eine breite Front, wo von einem proletarischen Schulterschluss keine Rede sein kann. Um sozialer Kälte zu entgehen, sind Zuwanderer wiederum gezwungen, eigene Parallelgesellschaften zu bilden.

Es ist mit Bedauern vor dem 1. Mai im Jahr 2017 festzustellen, dass die von Marx und Engels erhoffte proletarische internationale Solidarität in der heutigen deutschen Konsumgesellschaft praktisch tot ist. Eine konsumorientierte Ellenbogenphilosophie, die massenmedial vermittelt wird, hat sich in Deutschland in den letzten 40 bis 50 Jahren durchgesetzt. Mit weitgehenden Folgen der Defragmentierung der Gesellschaft. Die „new liberal“-Strategen können darauf stolz sein, dass der moderne deutsche Homo Economicus immer mehr dem Spruch „Homo homini lupus est“ (Der Mensch ist des Menschen Wolf) treu wird und damit den schleichenden Rechtsruck der Gesellschaft vorantreibt.

Und die Spirale dreht sich weiter: da die Einwanderer sich auf der persönlichen Ebene gesellschaftlich nicht akzeptiert fühlen, tun sie sich schwer, sich in dieser Ellenbogengesellschaft sprachlich, sozial und arbeitsmäßig zu integrieren. Parallelgesellschaften entstehen nur dort, wo „Schulterschluss“ ein Fremdwort ist.

Ruslan Yavorski kam vor 18 Jahren als Student nach Deutschland