Wahlen dringend erwünscht

Reinhard Heinrich hat mit einer Freundin, die in Venezuela lebt, über die aktuelle Lage dort gesprochen – und weiß nun auch, was davon bei uns ankommt und was nicht

Den alten Spruch: „Linke vermehren sich durch Zellteilung“ konnte man schon lange vor facebook zumindest im Westen bestätigt finden. Und so ist es vernünftig und verdienstvoll, dass es hier parteiübergreifende linke Diskussionsgruppen gibt, in denen man zumindest die Standpunkte und Überzeugungen der anderen erfährt und seine Meinung selbst sagen kann. Doch auch an diesem „linken runden Tisch“ bei facebook gibt es Streit.

Was dabei trotz dieser guten Bedingungen auffällt, ist neben einer gewissen eingeübten Verbissenheit hier und da die Verwendung von Schubladen für Andersdenkende. Schnell wird man als „Putinist“, „Querfrontler“, „Israelfreund“ oder „Antisemit“ eingetütet, gern auch abwechselnd, wenn man nur die zweite Seite eines dialektischen Widerspruches zur Sprache bringt. Aber immerhin: Sie lassen jeden reden, wie ihm der linke Schnabel gewachsen ist.

Was dabei auffällt, ist die kritiklose Einbettung „linken“ Denkens in die Datenbasis, die von den Nachrichtenagenturen frei Haus geliefert wird. Ein Psychologieprofessor der Universität Kiel macht darauf aufmerksam, dass unsere öffentlich-rechtlichen Medien hauptsächlich von Nachrichtenagenturen leben, die ihrerseits zu 80 Prozent von kommerziellen PR-Agenturen beliefert werden. Das bedeutet im Klartext: Was uns als Nachricht erreicht, wird von Geldgebern entschieden, die sich die Vertretung ihrer Interessen etwas kosten lassen.

Von Venezuela erfährt man also, was „dienlich“ ist. An diesem Land ökonomisch stark interessierte Kreise lassen uns wissen, was wir wissen sollen. Man kann das aber unterlaufen – in Zeiten des Internets. Wenn man nur will, und Kontakte auf die andere Seite des Erdballs hat. So konnte ich meine Freundin Regina erreichen, die seit geraumer Zeit in Venezuela lebt und die politischen Vorgänge aus der Nähe beobachtet.

Ein Interview über 6 Stunden Zeitzonendifferenz

Regina, wenn wir die regelmäßigen Proteste der Opposition gegen die Regierung Maduro über unsere Medien präsentiert bekommen, dann fühlen sich zumindest ältere Semester an Chile 1973 erinnert. Damals fanden „Hungermärsche“ wohlgenährter Bürgerfrauen statt, die mit nagelneuen Töpfen klappernd durch die Straßen Santiagos zogen, um gegen die Regierung Allende zu protestieren. Am Ende stand die Pinochet-Diktatur. Was läuft gegenwärtig bei Euch?

Auch hier sind die Leute von der Opposition mit Töpfen ausgestattet worden, dazu wurden auch hier seit Jahren – seit der Wahl von Maduro – die Leute von den Führern der ultrarechten Parteien über das Fernsehen aufgerufen, mit Töpfen auf die Straße zu gehen. Im Reichenviertel sind die Faschisten unterwegs, überschütten Leute mit Benzin und zünden sie an. Geführt werden sie von Capriles, der sich selbst offen Faschist nennt, und dem Parteiführer der Primero Justicia, einer ultrarechten Partei, mit seinen Leibwächtern. Darüber wird natürlich nicht berichtet. Die USA führen gerade vor der Küste Venezuelas militärische Übungen durch und drohen mit Invasion, Trump will es jetzt wissen und hier eine Parallelregierung installieren, das ist seine Idee. Da sind aber noch Putin und die Chinesen.

Empfinden die Leute auf der Straße die Herrschaft Maduros nun als Diktatur, wie das Fernsehen bei uns behauptet?

Das kommt darauf an. Die Opposition nennt es Diktatur, die Regierungsanhänger nennen es Demokratie. Maduro wurde demokratisch gewählt. Proteste sind von der USA organisiert, gesteuert von der CIA

Wie ist es denn nun wirklich mit dem Hunger?

Hungern muss keiner, weil Grundnahrungsmittel, die für den Venezolaner wichtig sind, vom Staat subventioniert sind. Sie werden jedoch im großen Stil nach Kolumbien gebracht und dort teuer verkauft. Das betrifft hauptsächlich Speiseöl und Pan Harina (Maismehl, aus denen Arepa gemacht werden, das sind runde Maisfladen), sozusagen das Frühstücksbrötchen der Venezolaner. Brot zu bekommen ist im Moment wieder etwas schwierig, weil Brot vorgeschriebene Preise hat und auch das Mehl subventioniert ist. So wird gesagt, es gebe kein Mehl, was mich zur täglichen Diskussion im Bäckerladen provoziert, weil es alles gibt, wozu man Mehl braucht, in Hülle und Fülle. Aber nur Produkte, deren Preise eben nicht vorgeschrieben sind. Es gibt auch alles, aber verteuert auf dem Schwarzmarkt. Das alles gehört aber zu dem Programm der USA, das Land in die Knie zu zwingen. Man will eben ran an den dicken fetten Kuchen Erdöl, Gas, Gold, Uran und und …

Im Moment gibt es keine Transporte, aber auch damit geht man hier geduldig um. Es soll auf Biegen und Brechen ein Bürgerkrieg provoziert werden. Noch kann Maduro die Menschen immer wieder davon abhalten und ruft zu Frieden auf. Vor ein paar Tagen wurde sogar das „Justiz- und Friedens-Ministerium“ angegriffen, mit einem gestohlenen Hubschrauber und Granaten aus Kolumbien. Maduros höchstes Ziel heißt „Frieden“. Deswegen gibt es das „Friedens-Ministerium“ und der Angriff soll die Kriegserklärung sein.

Abschließend noch ein schönes Beispiel für den „runden linken Tisch“: Ein Hummer-Geländewagen, damit werden auch die bezahlten Terroristen angeliefert. Du weißt sicher, was so ein Auto kostet, oder? Die Botschaft auf der Heckscheibe heißt übersetzt: „Maduro, uns plagt der Hunger“. Gut, dass der Besitzer deswegen aber noch nicht sein Auto verkaufen muss!