Venceremos! Inti-Illimani und Victor Jara

von Jens-Paul Wollenberg

Der 11. September, ein ganz gewöhnlicher Spätsommertag, wird heute oft als schwarzer Tag bezeichnet. Er erinnert an die Terroranschläge in New York im Jahr 2001 – dabei wird allerdings in der Regel außer Acht gelassen, dass sich schon einmal ein einem 11. September ein blutiges Ereignis ereignete, das hiesige Medien allerdings kaum beachteten. An diesem Tag im Jahr 1973 stürzte das chilenische Militär mit maßgeblicher Rückendeckung der USA die demokratisch gewählte Regierung um Salvador Allende, der dann dem Terror Augusto Pinochets zum Opfer fiel. In dieser Zeit tourte die damals sehr populäre Politfolkgruppe „Inti-Illimani“ quer durch Europa; in Italien erreichte sie die Schreckensnachricht von der Ermordung des Präsidenten durch die Pinochet-Junta. Weil der Band sogleich die Wiedereinreise verboten worden war, zeigten sich die italienischen Behörden solidarisch und boten ein ständiges Wohn- und Bleiberecht. Inti-Illimani fanden in Rom ein neues Zuhause.

Die Gruppe hatte sich 1967 gegründet, bestehend aus fünf „Noch-Studenten“ der technischen Hochschule in Santiago de Chile. Die Gruppe wurde rasch populär, da es ihr spielerisch gelang, durch wiederbelebte alte indianische Musik auf sich aufmerksam zu machen. Sie griffen zu den Instrumenten, die der einfachen traditionellen Volkskunst der lateinamerikanischen Ureinwohner entsprachen. Trotz der Ignoranz der öffentlichen Rundfunkanstalten, die die Folkmusik als zweitklassig abwerteten, wagten sie den Weg in die Öffentlichkeit, traten vor Studenten, bei linksorientierten Festivals und in kleineren Konzertsälen auf. Inti-Illimani begannen ihre Karriere ganz unten und ahnten nicht, dass sie alsbald die später „Weltmusik“ genannte Szene gewichtig bereichern würden. 1968 produzierten sie erstmalig Studioaufnahmen für den Folksampler „Voz para el camino“, was so viel bedeutet wie „Sing auf den Steinen der Straße“, und „Por la CUT“, gemeint ist die Gewerkschaft „Central Union de Trabajadores“. Ab 1969 widmeten sich Inti-Illimani zusehends politischen Inhalten. So fanden sich im Repertoire ihrer ersten Langspielplatte mexikanische Lieder der Revolution und spanische Lieder des Widerstands. Auch auf ihrer zweiten LP „Inti Illimani“ von 1969 bewiesen sie Haltung mit einer Huldigung des lateinamerikanischen Freiheitskämpfers Simon Bolivar aus Caracas, und der Hymne des Unidad Popular „Venceremos“ (Wir werden siegen) aus der Feder Claudio Iturras und des Komponisten Sergio Ortega (Diese Platte erschien 1974 auch bei Amiga unter dem Titel „Viva Chile“). Im gleichen Jahr verließ Mitbegründer Pedro Yanéz die Gruppe, um solistische Wege einzuschlagen. Für ihn kam Ernesto Pérez de Arca zum Ensemble, das nun aus folgenden Mitgliedern bestand: Jorge Coulon (Gitarre, Rumbakugeln, Panflöte, Gesang), Horacio Duran (Madoline, Cuatro, Gesang), Horacio Salinas (Gitarre, Bandurria, Gesang), Max Berru (Bombo, Percussion, Gesang). Pérez de Arca spielte die alte Bambusflöte der Inca und sang ebenfalls abgöttisch.

Während des nahenden Wahlkampfs unterstützten Inti-Illimani das linke Parteienbündnis „Unidad Popular“, und nach dessen Sieg wurde ihr Kandidat Salvador Allende 1970 zum Präsidenten Chiles gewählt. Im gleichen Jahr produzierte die Gruppe die LP „Canto al Programa“ (Lieder für das Parteiprogramm). Ab 1971 erweiterten sie ihr Repertoire, indem sie inhaltlich politisch aktuellere Themen in ihre Anden-spezifische Folklore einfließen ließen, ohne deren Authentizität zu beschädigen. Dabei bekamen sie Unterstützung von befreundeten Poeten und Liedermachern wie Patricio Manus oder Victor Jara, auch vertonten sie Gedichte von Pablo Neruda, Ruben Lenno oder Claudio Iturra.

1973 erfuhren sie schließlich von italienischen Kollegen, was sich in ihrer Heimat Chile abspielte. Zurückkehren durften sie nicht. Im Exil begannen die Chilenen, Protestaktionen zu organisieren, um mit ihren Liedern einen kulturellen Beitrag zum Sturz des Militärregimes zu leisten. Doch was sich derweil an Grausamkeiten in Chile abspielte, konnte das Ensemble zu diesem Zeitpunkt nicht erahnen. Am 11. September bekam ihr Freund, der Poet und Liedermacher Victor Jara, in Valparaiso das Angebot, anlässlich einer Vernissage in der Technischen Universität der Stadt ein Konzert zu geben. Doch während der Vorbereitungen wurde das Objekt von der chilenischen Armee umstellt, und es folgte ein Massaker an etwa sechshundert Studenten und weiteren Teilnehmern, die entweder sofort ermordet oder in das Fußballstadion von Santiago de Chile deportiert wurden. Unter den letzteren war Victor Jara. Als versuchte, Lieder anzustimmen, um seine Mitinhaftierten zu ermutigen, wurde er von den Soldaten zusammengeschlagen. Man zertrat seine Gitarre und brach ihm die Handgelenke. Mit letzter Kraft, vom Schmerz geplagt, sang er „Venceremos“. Wie und wann er hernach ermordet wurde, ist unbekannt, jedenfalls wurde er durch Maschinengewehrsalven getötet.

Victor Jara galt und gilt als wichtigster Cancionero, also Liedermacher, Chiles. Er war ein leidenschaftlicher, streitbarer Idealist, dessen Herz radikal links schlug, dessen Texte den Verlierern und Unterdrückten dieser Welt, aber auch den Arbeitern gewidmet sind. Persönlich hingegen befand er sich im ständigen Konflikt zwischen seiner Berufung als politisch aktiver Texter und Sänger und jenen Antrieben lyrischer Kreativität. Seine Poesie ist kein vordergründiger Kompromiss zwischen diesen beiden Positionen und nicht nur Mittel zum Zweck. So erlangten einige seiner Songs Weltruhm.

Geboren worden war Victor Jara am 28. September 1938 in Chilán als Sohn eines Landarbeiterehepaars. In Santiago besuchte er eine Priesterschule, mit achtzehn Jahren begann er ein Studieum an der Theaterhochschule. Ab 1963 arbeitete er als Regisseur in mehreren Theatern und begann erste Lieder zu schreiben. Gemeinsam mit der Sängerin Violeta Parra gründete er die Interessensgemeinschaft „Das neue chilenische Lied“ (La Nueva Canción Chilena) mit Init-Illimani, Tiempo Nuevo, Isabel Para, Quilapayún, Angel Pana und Patricio Manns.

1966 erschien seine erste Langspielplatte „Canto o humana“, drei Jahre lang leitete er die Gruppe „Quilapayún“. 1968 ging Jara für ein Jahr nach Europa, um Theaterwissenschaft zu studieren; nach seiner Rückkehr beschloss er allerdings, dem Theater den Rücken zu kehren, um sich als politischer Liedermacher zu etablieren. 1971 erhielt er den Kulturpreis „Lauro de oro“ (vergoldeter Lorbeer) als bester Komponist und Texter zugesprochen.

Das Repertoire von Inti-Illimani enthielt viele Texte Jaras, die sie in ihren späteren Schaffensperioden auch zeitgenössischer musikalisch umsetzten. Wenn die spanischen Texte auch nicht überall in Europa verstanden wurden, stießen doch die bis dahin ungewohnten Klänge lateinamerikanischer Folklore auf beachtliche Resonanz, und die Platten, die hauptsächlich in Italien produziert wurden, verkauften sich sehr gut. Inti-Illimani war übrigens das erste Ensemble, das originale indianische Volksinstrumente wie Bambusflöten, Cajones (kastenförmig und aus Peru stammend, inzwischen ein beliebtes Ersatzschlagzeug) oder das equadorianische Saiteninstrument Rondadores einsetzte.

Während ihres langjährigen Aufenthalts in Italien mit der beinahe vergeblichen Hoffnung, ihre Heimat wiedersehen zu können, entschlossen sich die Bandmitglieder, nicht gänzlich zu verzweifeln, sondern wenigstens den in Europa lebenden lateinamerikanischem Emigranten – meist aus Chile oder Argentinien stammend – einen Hauch von Heimatgefühl zu vermitteln. So fanden sie in den Gedichten Pablo Nerudas von Nicolás Guilléns die passenden Lyrics, die ebenfalls bei linksorientierten Initiativen und deren sehr gut besuchten Folkfestivals auf großes Interesse stießen.

In den 80er Jahren wuchs in Chile ein enormer Drang nach Befreiung von der Diktatur. Aktivisten im Untergrund, internationaler Protest und Boykotts trugen dazu bei, dass die Macht Pinochets zu bröckeln begann. 1988 stimmte die Mehrheit in einer Volksabstimmung gegen eine weitere Amtszeit Pinochets, und die politische Situation veränderte sich zusehends. Tausende Exilanten wagten sich auf den langersehnten Rückweg. Auch die Gruppe Inti-Illimani kehrte am 18. September 1988 zurück. Die Nachricht vom Tag ihrer Ankunft verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und so wurden sie schon am Flughafen wie Popstars gefeiert.

Das Pinochetregime musste Stück für Stück den großen Protestkundgebungen hauptsächlich linksorientierter Parteien und Gewerkschaftsverbände weichen. Kurz darauf traten Inti-Illimani beim „Amnesty-International-Konzert“ im argentinischen Mendoza auf, bei dem auch Weltstars wie Tracy Chapman, Yesson N’dour, Bruce Springsteen und Peter Gabriel zugegen waren. Es folgte eine langerwartete Tournee durch ganz Chile, bevor die Gruppe im Dezember 1989 während der ersten Präsidentschaftswahl nach der Schreckensherrschaft Pinochets für den Oppositionskandidaten Patricio Aylwin ein Konzert gab. Aylwin gewann.

Nach all den politischen Ereignissen konzentrierten sich Inti-Illimani nun mehr denn je auf den unerschöpflichen Kosmos der Weltmusik. Dabei lieferten die Musiker auch als Solisten einen bedeutenden Soundtrack für die jüngste Geschichte Chiles. Venceremos!