Unbestechlich kreativ

von Jens-Paul Wollenberg

Am 15. März wurde Ry Cooder 70 Jahre alt. Doch wenn man ihn live erlebt, will man das einfach nicht glauben. Er strahlt noch immer eine unbändige Kraft aus.

Schon am Anfang der 1970er Jahre überzeugte er mit ersten Langspielplatten die Musikwelt. Er
entdeckte Liedgut von Woodie Guthrie, Lead Belly, Sleepy John Estes, Jesse Stone oder Sidney Balley wieder und bearbeitete es, ohne dessen Originalität zu vernachlässigen. Erweckt wurde Cooders Begabung schon in Kinderjahren, als sein Vater ihm liebevoll Gitarrengriffe beibrachte.

Nach einem Unfall seines Sohnes – der kleine Ryland verlor während eines Spiels mit einem scharfen Gegenstand sein rechtes Augenlicht – schenkte ihm der Vater eine Gitarre und zu seinem achten Geburtstag eine Langspielplatte des Bluessängers Josh White. Die faszinierte ihn so sehr, dass er begann, die Bluesakkorde nachzuspielen. Zwei Jahre später war es ihm vergönnt, auf einer echten „Martingitarre“ unterrichtet zu werden. Zu jener Zeit wuchs sein Interesse an der traditionellen Folkmusik Amerikas. Er suchte nahegelegene Folk- bzw. Blueskneipen auf, um Konzerte von Blind Willie Johnson oder Sleepy John Estes zu erleben.

Während sich in den Sechzigern viele junge Musiker in Bands zusammenfanden, um der Beat- bzw. Rockmusik zu huldigen, bevorzugte Cooder stillere Töne, deren Reiz er in der Virtuosität akustischer Instrumente fand. So traf er sich oft mit Joseph Spence, einem Meister auf der Slidegitarre, der ihm das Fingerstyle- und Bottleneckspiel beibrachte. Auch erlernte er nebenbei das Spiel auf Banjo und Mandoline, die er bald beherrschte und das ihn bereits als Sechzehnjährigen bekannt werden ließ. So bekam er rasch das Angebot, die damals sehr bekannte Sängerin Jackie DeShannon zu begleiten, bis „Taj Mahal“ auf ihn aufmerksam wurde, mit dem Ry Cooder dann die Band „Rising Sons“ gründete. Die Band verschmolz authentisches Songmaterial aus Blues, Rock und Folk, was den Plattenproduzenten überhaupt nicht passte. Es erschien nur die Single „The Devil‘s Got My Woman“, in der Cooders Spiel auf der Slidegitarre aufhorchen ließ. Die LP kam erst 1992 als CD „Rising Sons feat. Taj Mahal And Ry Cooder“ auf den Markt.

Die Gruppe überzeugte vor allem durch ihre Livekonzerte in den unzähligen Clubs von L.A. oder als Vorband von Soulgrößen wie Otis Redding. 1966 löste sich das Ensemble auf, jedoch blieb die Freundschaft zwischen Mahal und Cooder erhalten.

1967 wurde Ry Cooder Mitglied in der „Magic Band“ von Captain Beefheart, wo er maßgeblich am Kultalbum „Safe as Milk“ beteiligt war. Doch hier, wie so oft auch später, kam es zwischen den individualistischen Exzentrikern zu Problemen. Denn das dadaistische Bluesverständnis Beefhearts stieß bei dem sensiblen Zwanzigjährigen nicht auf Verständnis. Er verließ die „Magic Band“, um bei Phil Ochs oder Ron Nagle als Rhythmusgitarrist mitzuwirken. 1970 erschien Cooders erstes Soloalbum, das durch sein unverwechselbares Bottleneckspiel geprägt ist. Auch gesanglich überzeugte er mit Lockerheit.

So luden ihn die Rolling Stones in die Studios, in denen Cooder gemeinsam mit dem Team um Mick Jagger und Keith Richards an mehreren Aufnahmen beteiligt war: 1969 „Performance“, ebenfalls 1969 „Let It Bleed“, 1971 „Sticky Fingers“ sowie 1972 „Jamming with Edwards“. Der Song „Country Honk” von der LP „Let it bleed” (eine folkige Version des Superhits „Honk Tonk Woman“) soll übrigens von Ry Cooder kreiert worden sein. Überhaupt ist anzunehmen, dass Cooder großen Einfluss auf die Superband ausübte. Auch stand zur Debatte, die Nachfolge des verstorbenen Brian Jones anzutreten, doch auch hier hielt sich Cooder zurück. Er war nie geneigt, sich einem Ensemble zu unterwerfen, sondern blieb ein unbestechlich kreativer Musikant, der seinen eigenen Weg gehen wird.

Des Weiteren tauchte er bei Studioaufnahmen von Randy Newman, Gordon Lightfoot oder Arlo Guthrie auf. 1972 erschien Cooders zweite LP „Into the Purple Valley“ und auch seine dritte, „Boomers Story“, unter Mitwirkung von Sleepy John Estes und des begnadeten Schlagzeugers Jim Keltner, der auf fast allen Platten Cooders trommelte. Das Cover des vierten Albums „Paradise And Lunch“ präsentiert Cooder als lässigen Cowboy. Diesmal fand er gesangliche Unterstützung in Bobby King, Gene Mumford, Bill Johnson, George McCurn, Walter Cock, Richard Jones, Russ Titelman sowie Karl Russel.

Nach einem Cooder-Konzert in Honolulu machte er Bekanntschaft mit dem populären Hawaiigitarristen Gabby Pahina, der u.a. mit dem mexikanischen Akkordeonist Flaco Jimenez an der Produktion des vierten Albums „Chicken Skin Music“ von 1976 beteiligt war. Mit dem gleichnamigen Projekt folgte eine Welttournee. 1978 erschien sein erstes Jazzalbum, das maßgeblich dem Ragtime verschrieben ist. Sein bis dahin erfolgreichstes Album trägt den Titel „Bop Till You Drop“ (1979) und war das erste Rockalbum überhaupt, das digital eingespielt wurde. Auf dieser Platte gastieren neben Jim Keltner und dem Multiinstrumentalisten David Lindney die Jazzsängerin Chaka Khan, Bobby King, Milt Holland und Ronnie Baron.

Ab 1980 komponierte und produzierte Cooder bis Anfang der Neunziger fast ausschließlich Filmmusik, die auch in die Läden kam. Der für den Spielfilm „Paris Texas“ von Wim Wenders 1985 komponierte Soundtrack wurde zum Welterfolg. Erst Ende der Achtziger begann Cooder, sich wieder als Songwriter zu etablieren. Die Platte „Got Rhythm“ überzeugt durch einen mitreißenden Mix aus Soul- Rock- und Folkeinflüssen.

1993, nach dem Scheitern des von der Supergruppe „Little Village“ angekündigten Plattenprojektes mit John Hiatt, Nick Lowe und Jim Keltner, verlagerte sich Cooders Interesse. Er begann, sich auf Musik asiatischer, afrikanischer und karibischer Herkunft zu konzentrieren. So kam es zur Zusammenarbeit mit dem indischen Sitarvirtuosen Vishna Mohan Bhatt, dessen spirituelle Spielweise sich buchstäblich seelenverwandt mit Cooders meisterhaft gespielter Gitarrentechnik ergänzte. 1993 erschien ihr gemeinsames Werk „A Meeting By The River“.

Als nächstes folgte ein Plattenprojekt mit dem malinesischen Sänger und Gitarristen Ali Farka Touré, der unter die Haut gehende Gesänge in Stammessprache präsentierte. Auch diese Scheibe, „Talking Timbuktu“ von 1994, besticht durch ihre beruhigende Wirkung.

Cooders größtes musikalisches Erlebnis hieß jedoch „Buena Vista Social Club“. Trotz des Embargos der USA gegen Kuba und des Risikos, hohe Geldstrafen zahlen zu müssen, erfüllte er seinen langersehnten Wunsch, mit den noch auf Kuba lebenden Protagonisten der urwüchsigen Son-Musik, Vorreiter des späteren Salsa, ins Studio zu gehen. Mit 22 einheimischen Musikerlegenden, die sich auf Grund ihres hohen Alters längst vom Bühnenbetrieb zurückgezogen hatten, produzierte er ein grandioses, berauschendes Kunstwerk voller Lebensfreude, das wie ein percussiv-phonetisches Gewitter karibischer Urwüchsigkeit daherkommt. Die gleichnamige Tournee durch Europa ermutigte Wim Wenders, einen Dokumentarfilm zu realisieren, die weltweit auf große Resonanz stieß und Kubas Musik zum Kultstatus verhalf. 2005 brachte Ry Cooder das Album „Chavez Ravine“ heraus, eine sehr sozialkritische Platte, gewidmet den Mexikanern, die in den Fünfzigerjahren aus Chavez Ravine, einem Vorort von Los Angeles, vertrieben wurden.

Auch die 2007 erschienene CD „My Name Is Buddy“ setzt sich mit sozialpolitischen Themen auseinander. Auf diesem abwechslungsreichen Folkalbum, das sehr an seine Langspielplatten aus den frühen Siebzigern erinnert, beschreibt er das trostlose Schicksal der verarmten Land- und Industriearbeiter Nordamerikas – unter Verwendung alter Gewerkschaftssongs, des Blues der Baumwollpflücker, von Bluegrass und Liedern der Bürgerrechtsbewegung. Musikalische Unterstützung bekam er von Folkheroen wie Pete und Mike Seeger, Roland White, Paddy Maloney von den irischen Altfolkies „Cheeftrains“ oder Juliette Commagare.

Ry Cooders kreative und unbestechliche Schaffenskraft hält an. Dabei ist er gerade erst 70 geworden.