Kein Nachruf, aber ein Zufall

von Peter Porsch

Manchmal spielt der Zufall wirklich verrückt. In der Hitze des Abends suche ich eines Donnerstags im Juni noch eine Einschlaflektüre und stoße auf ein kleines Büchlein aus dem Jahre 1990. Herausgeber Klaus Staeck, Titel: Goldene Worte von Kanzler Kohl, Vorwort von Dieter Hildebrandt, Nachwort vom Herausgeber. Ich vertiefe mich zuerst in die Zitatensammlung, danach in den Schlaf, werde am nächsten Morgen wach und erfahre am Vormittag, dass eben dieser Goldene-Worte-Sager, dieser Kohl verstorben ist. Der Hype um den Toten ist in vollem Gange, als ich facebook aufmache und andere Nachrichtenseiten im Netz. Die Sonne scheint einen Augenblick stehen geblieben zu sein ob des Verlustes eines großen Europäers und möglicherweise sogar des größten Deutschen der vergangenen Jahrhunderte. Größer als Marx jedenfalls, denn folgt man Kerlen von der Jungen Union, so sollten alle Straßen und Plätze, die an Karl Marx erinnern, nun den Namen Helmut Kohls tragen. Kurz überlege ich, ob ich mich auch in die Reihen der Würdiger einreihen sollte – als Unwürdiger mit würdigen Worten. Die Worte wollen jedoch nicht kommen. Es würgt etwas; das am Vorabend Gelesene und Erinnertes. Hatte der Mann nicht Mitglieder der PDS einst als „rot-lackierte Faschisten“ bezeichnet. Die Kontrolle ergibt, dass er das sehr wohl getan, damit aber den Sozialdemokraten Kurt Schumacher zitiert hat. Das macht es nicht wirklich besser. Zu Gorbatschow meinte er, „er versteht etwas von PR; der Goebbels verstand auch etwas von PR. Man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen.“ Klaus Staeck liefert dieses Zitat auf Seite 150. Es stammt aus einem Interview mit Newsweek von 1986. Störung und Störer konnte der große Europäer nicht leiden. Staeck beweist es mit mehreren Zitaten. Ein Beispiel mag genügen: „Die organisierten Dreckschleudern in allen Lagern sind sowieso wie eh und je in Bewegung.“ (bei Staeck Seite 119, entnommen der Frankfurter Rundschau vom 28.8. 1986) Diese Dreckschleudern waren Kohl „spätpubertäre Nachgeburten der Weltrevolution.“ (Staeck, Seite 118, aus Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt vom 7. 12. 1986) Könnte ja sein, ich gehörte dazu. Kohl wusste, „Man muss spät ins Bett gehen und früh aufstehen, wenn man den Sozialismus besiegen will.“ (Staeck, S. 107, Der Spiegel, 23. 8. 1976) Das trifft. Sozialistinnen und Sozialisten haben etwas verschlafen und mussten böse erwachen. Da hat Kohl wohl recht. Ob seine Nachfahren aber nicht auch einmal verschlafen könnten? Aufpassen, liebe Gegnerinnen und Gegner der sozialistischen Lösungen der Weltprobleme! Es ist ein guter Rat und durchaus im Sinne Helmut Kohls. Dieser verkündete ja am 29.12.1983 im „Stern“: „Wir sind dankbar für jeden Ratschlag, aber es muss ein guter sein.“ (Staeck, Seite 109)
Weil wir schon bei den Toten sind: Erich Honecker gehört ja schon längere Zeit dazu. Ich erinnere mich aber noch eines Anrufs eines Journalisten, der wissen wollte, was ich zu Honeckers Tod sagen würde. Nun, ich empfahl dem Journalisten doch bei Helmut Kohl anzurufen. Den hatte Honecker besucht, jener hat ihn mit seiner gesamten Ministerriege und der dazugehörigen Menge Sekt empfangen. Mich hatte der Staatsratsvorsitzende nie zu Hause beehrt. Was sollte ich also sagen? Freilich, der Versuch Honeckers, mit der Bundesrepublik Deutschland ins Vernehmen zu kommen, war auch eine mutige Tat von vielleicht weltpolitischer, aber zumindest europäischer Dimension. Wie man hörte war die sowjetische Führung gar nicht davon angetan. Deutschlandpolitik sollte allein ihr vorbehalten bleiben. Hat das je wer in den Nachrufen zu Honecker gewürdigt? Er stand wahrscheinlich zu klein auf dem Foto neben dem großen Kohl.
Alles erwägend, beschloss ich auf eine Reaktion zu Kohls Tod zu verzichten. Klaus Staecks Nachwort von 1990 war meiner Meinung nach bereits ein nicht zu übertreffender Nachruf. „Eine ausufernde Persönlichkeit benutzt ihren Körper als Waffe. Neben ihm werden immer mehr Leute zu Liliputanern. … Immerhin bündelt kaum jemand alle Vorurteile so gut wie er und wird damit selbst zur Bündelung aller Vorurteile.“ (Seite 188) Nach Staeck ist Helmut Kohl „das schwarze Loch der CDU geworden: Bei einem wie immer gearteten Abgang würde er selbiges hinterlassen.“ (Seite 190) Es ist so weit!