Erasmus, Europa und linker Internationalismus

Vergangenheit prägt. Wir waren damals „späte Studenten“, vielleicht die älteste Studentengeneration, die bis dato je den Weg zur Uni fand. „Die Wende“ schwemmte tausende nicht mehr ganz so junge Leute ins Direktstudium – auch ich, der ich mich längst auf ein Fernstudium eingestellt hatte, freundete mich kurzfristig mit der Idee eines Direktstudiums an. Das Abi an der Volkshochschule hatte ich 1989 gemacht und 1990 war dann klar, dass mein Job ebenso wie der von zahlreichen meiner Kolleginnen und Kollegen verschwinden würde. Während andere entweder die „Westflucht“ oder den Jobwechsel in Betracht zogen, durfte ich als 26jähriger noch über den Wechsel ins Studentenleben nachdenken. Nach Facharbeiterabschluss und einem dreijährigen Dienst als Zeitsoldat hatte ich noch mehrere Jahre im Zivilleben gearbeitet und damit Anspruch auf ein elternunabhängiges Bafög erworben, wie alle, die vor der Aufnahme des Studium mindestens fünf Jahre lang gearbeitet hatten.

Wir kamen ins Chaos der Berliner Humboldt-Uni. Bis zum ersten Tag des Studienbeginns 9 Uhr morgens hatte ich noch geglaubt, ich würde Politikwissenschaft studieren – eine Stunde später hatte sich alles geändert. Was die Humboldt-Uni für den Start des Herbstsemesters 1990/91 geplant hatte, war „Dank“ des Drucks aus Westberlin obsolet geworden. Es gab weder ein Direktstudium Politikwissenschaft noch eines der Soziologie. Stattdessen war praktisch über Nacht der Diplomstudiengang Sozialwissenschaft aus der Taufe gehoben worden, mit 50 Prozent Soziologieanteil und 50 Prozent Politikwissenschaft. Die „alten“ Ostprofessoren waren genauso verunsichert wie die Studenten und auch die Westprofs waren auf das Experiment gespannt – immerhin war die Uni unter den Linden einmal ein Aushängeschild der DDR-Universitätslandschaft. Hier arbeitete noch das Weltwirtschaftsinstitut, das auch während meines Studiums zur Schließung gezwungen werden sollte – Weltwirtschaft studierte man im westdeutschen Kiel, wozu da noch in Berlin?

Im Studentenwohnheim in Lichtenberg aber war noch der östliche linke Internationalismus erlebbar – zahlreiche Studenten aus der Sowjetunion lebten hier. Schach spielte ich mit einem Slowaken und häufig verbrachte ich Zeit mit unseren Angolanern und Äthiopiern, die alle durch langjährige Beziehungen zwischen den sozialistischen Ländern und jungen afrikanischen Nationalstaaten zum Studium in die Länder des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) gekommen waren. Hinzu kamen neugierige Studenten aus den USA, Schweden oder Portugal, die die erste Chance nutzten, nach 89 im Osten zu studieren. Es war eine jüdische US-Amerikanerin von der Ostküste, die mir den Computer nahebrachte und mir erklärte, was es mit „E-Mail“ auf sich hat.

Inzwischen machte ein magisches Wort die Runde: „ERASMUS“. Zuerst wechselte die beste Freundin meiner damaligen Freundin für ein Jahr von der TU Dresden nach Swansea in Wales, danach ging meine Freundin nach Swansea und ich hatte die Wahl zwischen Aarhus in Dänemark und Utrecht in den Niederlanden. Für mich gab es überhaupt keine Diskussion – Dänemark sagte mir gar nichts, umso mehr die Niederlande. Einerseits war ich seit meinem Wehrdienst im Norden mit Platt vertraut, andererseits hatte ich unlängst erlebt, wie mir mein gewisses Grundverständnis für „meckelbörger Platt“ etwas nutzte, wenn ich „Alt-Holländisch“ las und hörte in Johannesburg oder Kapstadt, wo das „Alt-Holländisch“ Afrikaans heißt.

Dieses „Term“, diese drei Monate also, wurden zur schönsten und interessantesten Zeit meines gesamten Studiums. Wir lebten in einem alten holländischen Haus – am Anfang eine Belgierin aus dem flämischen Teil, ein Tscheche, ein Pole und ein wirklich verrückter Holländer, der einmal Biophysik studiert hatte und dann psychisch so schwer erkrankte, dass er nun als erwerbsunfähig galt. Freiwillig lernte ich Niederländisch an einem Privatinstitut – auch das bezahlte ERASMUS. Ansonsten studierte ich „Ethnic conflicts in Eastern Europe“ am Beispiel der Slowakei – wobei mir meine Berliner Erfahrungen mit Roderick, meinem Schachpartner aus Poprad aus der Hohen Tatra, zupass kam. Außerdem hatte ich in der Kindheit die meisten meiner Auslandsurlaube in der DDR-Zeit in der Tschechoslowakei verbracht. Von heute auf morgen tauchten wir in eine anglophone Welt, wobei wir schnell eine sehr spezielle Erfahrung machten: Wir „Nicht-Anglos“ kamen mit unserem Englisch sehr gut miteinander zurecht – egal ob Franzosen, Griechen, Spanier oder Italiener mit von der Partie waren. Kamen Schweden und Norweger hinzu, wurde es ein wenig schwieriger, denn diese sprachen deutlich besser Englisch als wir – kritisch wurde es aber, wenn Engländer und Amerikaner sich hinzugesellten, die „native speakers“. Dank ihnen lernte ich bereits 1992 in Utrecht „Trump-Amerika“ kennen, in Gestalt einer jungen sympathischen sehr langsam sprechenden Peggy aus dem Mittleren Westen der USA. Hatte ich bis daher nur weltläufige Amerikaner erlebt, so war Peggy das absolute Gegenteil. Sie sprach ein schleppend langsames amerikanisches Englisch, hatte weder mit Schwarzen noch mit Indianern jemals zu tun gehabt und kannte auch keine Großstädte. Das Ausland sowieso nicht. Ihr gesamtes Leben hatte sie in einer US-Kleinstadt unter weißen konservativen Protestanten verbracht. Sie kannte und wusste nichts von der Welt – aber sie war ein einfaches freundliches angenehmes Mädchen, gerade 21 Jahre alt geworden und tief traurig, dass sie diesen Geburtstag in den Niederlanden feiern musste. Alle ihre ehemaligen Mitschüler in der Kleinstadt hatten sich gerade auf diesen Tag, der einen großen Höhepunkt in ihrem Leben darstellte, gefreut. Mit 21 war man schließlich endlich volljährig in den USA, überall zeigte man zu seinem Geburtstag seine Fahrerlaubnis vor und bekam neben herzlichen Glückwünschen in jeder Kneipe einen ausgegeben – mit 21 durfte man schließlich Alkohol trinken, und am Ende des Tages waren die meisten 21jährigen „totally drunk“. In Utrecht aber brauchte sie keinem Barmixer mit ihrer Fahrerlaubnis kommen. Hier galt schließlich schon für Teenager: „Why drink and drive – if you can smoke and fly?“ Hasch-Kekse auf Hausbootpartys waren Gesprächsgegenstand, nicht nur in Amsterdam.

Alle besorgten sich gleich nach der Ankunft umgehend ein Fahrrad und lernten das typisch niederländische Gefühl schätzen, als Radler der „King of the Road“ zu sein. Selbstverständlich gab es auch für das älteste und hässlichste Rad noch einen Platz in der Fahrradtiefgarage der Uni – denn der Regen war unser ständiger Begleiter. Und er kam von allen Seiten in allen Formen, aber was störte uns das? Wir trafen uns mit unseren Rädern abends an der Windmühle und durchstreiften die Stadt. Wir erlebten fern der Heimat ein einmaliges Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit. Immer freitags ging es mit den Geographie-Studenten, bei denen ich den Kurs „Introduction to the Netherlands“ belegt hatte, auf Exkursion im Bus quer durch das Land. Mit einer Fahrkarte, der „nationalen strippenkaart“ konnte man schon damals überall in den Niederlanden den ÖPNV nutzen – und gegessen wurde vor allen Dingen indonesisch, schließlich war Indonesien das Zentrum des alten niederländischen Kolonialreiches. Die Musik aber war dafür karibisch, frisch von den niederländischen Antillen. Die Clubmitgliedschaft im Rastaclub war obligatorisch.

Der weltgewandteste Student, den ich in meiner Utrecht-Zeit erlebte, war übrigens ein Brite. Er sah zwar aus wie ein Wikinger, hatte aber den Lebensstil eines Afrikaners. Schließlich hatte er 16 Jahre seines Lebens in Kenia verbracht und war erst fünf Jahre in Europa. Er hatte in Ostafrika gelernt, aus den einfachsten Zutaten immer etwas sehr Leckeres zu kochen. Wir waren als Auslandsstudenten eine große Familie mit leider zu wenig Kontakt zu den Einheimischen. Auch im Studium waren wir vollkommen unter uns – völlig anders als in Ost-Berlin, wo die Afrikaner mit uns studierten wie es seit Jahrzehnten üblich war.

Der Grundfehler von ERASMUS bestand meiner Meinung nach darin, dass das Programm von Anfang an Asiaten, Afrikaner und europäische Nicht-EU-Studenten ausschloss. Europa kann sich aber nur entwickeln, wenn es eng mit Afrika und Asien zusammen arbeitet, wenn die Jugend Europas mit der von Asien und Afrika eng verbunden ist durch Austausch. Der linke Internationalismus setzte einerseits auf Facharbeiterausbildung – so hatten wir an der Berufsschule der Post in Dresden eine vietnamesische Patenklasse, gegen die wir zum Beispiel auch Tischtennis spielten, aber es gab auch schwarze Mitglieder die KP Panamas, die Nachrichtentechnik lernten und eine komplette Klasse mit Palästinensern. Während meiner Armeezeit sprach ich mit libyschen Studenten aus Greifswald über das „grüne Buch“ von Muammar al Ghadaffi, das es in der DDR nicht gab, das aber „die Bibel“ der libyschen Revolution war. Und von nikaraguanischen Studenten in Berlin erfuhr ich, dass die BRD als erste Amtshandlung bei der Übernahme der Hinterlassenschaften der DDR in Nikaragua darauf bestand, dass das legendäre Krankenhaus „Karl Marx“, das die DDR gebaut hatte, umbenannt werden musste – sonst wären die Unterstützungsgelder gestrichen wurden.

Es ist lächerlich, wenn heute die Gründung von PEGIDA im Osten darauf zurückgeführt wird, dass es angeblich keine internationalen Kontakte in der DDR gegeben hätte – in meiner Dorfschule bei Riesa waren wir schon seit der fünften Klasse mit Asien verbunden. Dank unserer Russischlehrerin hatte jeder eine Briefpartnerin oder einen Briefpartner in Kasachstan. Jugoslawen, Kubaner und Vietnamesen arbeiteten im Rohrwerk Zeithain, Mosambiquaner befanden sich in Riesa, Algerier in Gröditz – und sowjetische Soldatenfamilien waren überall. Inwieweit man auf andere Menschen zugeht oder nicht, hat immer etwas mit der Erziehung durch das Elternhaus, die Schule und der eigenen Persönlichkeit zu tun. Ob aber Ausländer nur mit anderen Ausländern lernen und studieren ist letztlich auch eine Entscheidung „von oben“. In Utrecht waren ERASMUS-Studenten unter sich, in Swansea dagegen waren die ERASMUS-Studenten so wie in Berlin integriert. Eine gemeinsame Konzeption, die für alle EU-Länder galt, gab und gibt es nicht.

Wichtig wäre aus meiner Sicht, dass alle jungen Menschen – gleich welchen Bildungsgrades – die Möglichkeit bekommen, Teile ihrer Ausbildung (Schule, Lehre oder Studium) im Ausland zu absolvieren. Wichtig ist es vor allen Dingen den eigenen „Kulturkreis“ zu verlassen, in einer internationalen Sprache zu kommunizieren und wenigstens ein weiteres Land als neue Heimat zu empfinden. Heute lege ich nach wie vor so viele Wege wie möglich mit dem Rad zurück, einem einfachen City-Bike, und wenn ich ein Zimmer in den Niederlanden haben möchte, versuche ich es zuerst in Niederländisch. Niemals zuerst in Deutsch, und wenn es mit Niederländisch nicht weiter geht, dann in Englisch. Auch viele niederländische Familien haben schlechte Erfahrungen mit den Deutschen in ihrer Geschichte gemacht. Auch den traditionellen „Freitagsfisch“, ein Zugeständnis der Niederländer an die katholische Minderheit im eigenen Land, habe ich für mich bis heute beibehalten.

Wichtiger als ERASMUS aber ist ein echter Internationalismus. Nicht die Europäer sind uns näher als andere, sondern geistige Nähe entsteht durch gemeinsame Interessen und Haltungen, weshalb ich mich durchaus mit einem Koreaner oder Angolaner genauso gut oder noch besser als mit einem Norweger oder Bretonen verstehen kann. Wir alle nutzen heute E-Mail – leider tun die Schulen kaum etwas für den internationalen Austausch, wenn doch, dann wird dieser auf Gruppen wie Gymnasiasten konzentriert. Wir brauchen aber keine „internationalen Eliten“, die nicht zuletzt durch ERASMUS herangezüchtet werden, sondern einen Internationalismus der Völker. So lange Kinder mit dem durch öffentlich-rechtliche wie private Medien vermittelten „Feindbild Russland“ oder „Feindbild Nordkorea“ aufwachsen, braucht sich niemand zu wundern, dass Kinder und Jugendliche, die nie einen Nordkoreaner oder Russen gesehen haben, schon vorher „wissen“, wie der Russe oder Nordkoreaner so ist und wie die Menschen dort leben. ERASMUS verbindet wie die EU nur EU-Europa mit „dem Westen“ – die Zukunft verlangt aber ein harmonisches Zusammenleben mit Afrika und Asien. Darauf sind selbst die „internationalen Eliten“ in EU-Europa nur unzureichend vorbereitet. Seit 30 Jahren gibt es ERASMUS nun, und es ist wirklich höchste Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme! Die afrikanischen und asiatischen Studenten in der CSSR oder in der DDR absolvierten ihr Studium in Tschechisch oder Deutsch – nicht in Russisch. Es hätte uns nicht geschadet, in Utrecht unser Studium in Niederländisch zu absolvieren, so wie die ERASMUS-Studenten in Spanien ruhig ihr Studium in Spanisch absolvieren sollten – nur dann werden sie problemlos gemeinsam mit den Einheimischen studieren können und in die ortsansässige Bevölkerung integriert. Das Primat des Englischen in Europa führt dazu, dass wir die Sprachen unserer Nachbarn nicht lernen – geht doch alles in Englisch! Geht nicht. Nach wie vor sprechen die meisten Menschen auf der Welt überwiegend ihre Muttersprache. Deshalb wäre es für Sachsen so wichtig, wegen unserer Nachbarn Tschechisch und Polnisch, aber wegen der starken russischsprachigen Minderheit auch Russisch zu lernen – so wie man in NRW oder Berlin viel mehr Türkisch lernen sollte. Die Sprache ist überall der Welt der Schlüssel zum Herzen. In diesem Sinne: Tot ziens!