Er hat seine linke Überzeugung gelebt – In memoriam Dr. Edmund Schulz

von Wulf Skaun

„Mein Freund Eckard Spoo ist gestorben“, sagte Eddi mit belegter Stimme. Ich sah, der Tod des linken Journalistenkollegen, der 1997 die Zeitschrift „Ossietzky“ gegründet hatte, ging ihm sehr nahe. Als Autor hatte er, Edmund Schulz, den in der Tradition der „Weltbühne“ stehenden Heften die Treue gehalten. Nun ist er selbst, ein gutes Vierteljahr später, am 30. März für immer von uns gegangen. Klaus Haupt, mit dem Eddi nicht nur die politische Weltanschauung, sondern auch die Liebe zu Egon Erwin Kisch teilte, hat ihm in der „Ossietzky“ berührende Worte des Abschieds gewidmet. Als Student, Wissenschaftlerkollege, Genosse und Freund an der Fakultät und späteren Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig (KMU) habe ich Edmund Schulz seit 1969 erlebt und geschätzt. Ich kenne nicht viele Menschen, die, ihren Überzeugungen getreu, ihren Lebensweg so geradlinig gegangen sind wie er.

Die ersten Schritte ins Leben tat der kleine Edmund in Kiel, wo er am 9. November 1933 geboren wurde. Als Sohn eines klassenbewussten Werftarbeiters wuchs er in kämpferisch-proletarischem Milieu auf. Frühzeitig begriff er die Dialektik des politischen Lebens, wie sie Brecht im „Lied vom Klassenfeind“ gelehrt hatte. Also beteiligte sich der Jungkommunist auch an illegalen Aktionen gegen die Remilitarisierung der Bonner Republik. Dass „drüben“ ein deutsches demokratisches Staatswesen errichtet wurde, in dem eine freie deutsche Jugendorganisation zu dessen aktivsten Erbauern zählte, dass die Staatsdoktrin das von den Arbeitern und Bauern geschaffene Kapital auch diesen selbst verhieß, begeisterte ihn. 1953, gerade 20, entschied er sich für ein Leben in der DDR. Hier konnte er das Abitur erwerben, hier wurde er 1957 zum Studium delegiert. An der Journalistenfakultät der KMU erwarb er das Diplom, ehe er dort die akademische Laufbahn einschlug. In Erziehung, Lehre und Forschung hat er als Hochschuldozent seine Erkenntnisse, Erfahrungen und Überzeugungen von Frieden und Gerechtigkeit, von Humanität und sozialistischen Idealen Generationen von Studenten vorgelebt. Der „rote Eddi“ wurde nicht müde, die Wechselfälle in Politik und Gesellschaft aus ihren in letzter Instanz von ökonomischen Interessen bestimmten Ursachen zu erklären. Wichtige Forschungsarbeiten, so zu „Wesen und Funktion“ gesellschaftlicher Information und Kommunikation, sind mit seinem Namen verbunden. In der Ausbildung und Lehrforschung verantwortete er das Themenfeld „Imperialistische Medien“. Dass so einer, der Journalisten für die sozialistische Medienpraxis aus entschieden linker Gesinnung und Gesittung herangebildet hatte, keinen Platz mehr im Universitätsbetrieb nach 1990 haben würde, war keinem klarer als Edmund Schulz selbst. Nie und nimmer hätte er sich für jene Verhältnisse instrumentalisieren lassen, gegen die er sich bereits in jungen Jahren bewusst entschieden hatte.

Doch Eddi war nicht der Charakter, sich nach einer schmerzlich erfahrenen Niederlage Wunden leckend und barmend ins Mäuseloch zu verkriechen. Seiner linken Überzeugung folgend, dass der Kampf um eine bessere Welt weitergehen müsse, begab er sich nun verstärkt an die linke journalistische Pressefront. 1993 gehörte er zu den Mitbegründern von „Leipzigs Neue“, die er mit zahlreichen Beiträgen bereicherte. Seine Autorschaft schätzten die Zeitungsmacher von „Ossietzky“, „Rotfuchs“, „Unsere Zeit“, „ND“, „Junge Welt“.

Bleibende Verdienste hat sich Eddi mit der Erforschung und Herausgabe der Werke Upton Sinclairs erworben. In einem auch international beachteten Projekt hat er sämtliche Arbeiten des großen amerikanischen Schriftstellers erfasst, kommentiert und in einer deutschsprachigen Bibliographie veröffentlich. Dass er damit in Ost und West bei Lesungen ungeteilte Anerkennung gefunden hat, empfand der Publizist als eine gelungene letzte Runde in seinem konsequent linksdemokratisch gelebten politischen Dasein. In der „Ossietzky“ hatte er einmal den revolutionären französischen Publizisten und Politiker Étienne Cabet (1788-1856) zitiert: „Seit ihrem ersten Auftreten werden die Kommunisten verleumdet, mundtot gemacht und verfolgt. Was tut’s! Man braucht Mut für seine Überzeugung, man muss sagen, was man ist. Ich bin Kommunist!“

Genau diese Zeilen hat Edmund Schulz’ Familie für ihre Traueranzeigen in der linken Presse gewählt. Treffender konnte sie ihren, unseren Freund und Genossen nicht ehren.