Die Entnazifizierung in den Köpfen stand noch bevor

von Prof. Dr. Kurt Schneider

Mit dem militärischen Sieg am 8. Mai 1945 war Deutschland zwar von der 12-jährigen Herrschaft des Faschismus befreit worden, aber noch nicht von dessen Ideologie. Diese Aufgabe, die Entnazifizierung in den Köpfen, stand noch bevor und war letztlich von den Deutschen selbst zu bewältigen. „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel“, schworen die überlebenden Häftlinge von Buchenwald am 19. April 1945.

Es war die Zeit, in der die Menschen nach Wegen suchten, um weiterleben zu können. Angesichts der zerstörten Wirtschaft, der städtischen Wohnruinen und des zerrenden Hungers empfanden viele diese Lage wegen der scheinbaren Aussichtslosigkeit als „Stunde Null“, während die meisten Europäer den opferreichen Sieg über das faschistische Deutschland feierten und weit davon entfernt waren, ihre bei weitem nicht minder schwere Lage als „Stunde Null“ zu empfinden. Deutschland hatte zum Teil erlitten, was es zuvor auf schreckliche Weise den Völkern der Welt angetan hatte.

Bereits Anfang Januar 1944 waren in London in deutscher Sprache, herausgegeben vom „Freien Deutschen Kulturbund in England“, Erzählungen deutscher Emigranten unter dem Titel „Weg durch die Nacht“ erschienen. Jan Petersen hatte im Vorwort mit Gewissheit vermerkt: „Die Nacht geht zu Ende. Ein neuer Menschheits-Morgen kündet sich an.“

Über 70 Jahre danach berichten in einem Sammelband 18 Autoren von den Hoffnungen, Erwartungen und Vorstellungen jener Menschen, die im Frühjahr 1945 zu den Akteuren dieses beginnenden neuen „Menschheits-Morgen“ gehörten. Es sind, außer den Herausgebern, größtenteils bekannte Historiker, darunter Günter Benser, Peter Brandt, Jürgen Hofmann, Siegfried Prokop und Jörg Roesler, die sich zu Worte melden. Ihre Beiträge widerspiegeln die Vorträge, die am 30. April 2015 auf einem vom Berlin-Brandenburger Bildungswerk e.V. und vom Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V. gemeinsam im Kulturgut Marzahn durchgeführten Kolloquium zum Thema „Der 8. Mai 1945 – Eine ‚Stunde Null’ in den Köpfen?“ gehalten worden sind. Von den Herausgebern als einzige wissenschaftliche Konferenz in Deutschland aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung bezeichnet, hatte sie ausführlich und differenziert die geistige Situation in Deutschland bei Kriegsende erörtert.

„Stunde Null“ sugerierte gewollt oder ungewollt, wie bei Günter Benser über die Dimension der historischen Zäsur des Jahres 1945 zu lesen ist, die Vorstellung, „als ob sich am Ende des Zweiten Weltkrieges und angesichts der katastrophalen Niederlage alle Deutschen als eine Schicksalsgemeinschaft verarmter, hungernder, notleidender und orientierungsloser Menschen empfunden hätten, für die – zumindest vorübergehend – die Klassentrennungen und die politischen Lager keine oder nur eine nebensächliche Rolle gespielt hätten“. Eine derartige Bewertung negierte, wie die Autoren belegen, die sich in allen Gebieten Deutschlands formierenden unterschiedlichen antifaschistisch-demokratischen Triebkräfte, die sofort zur Tat schritten, um gemeinsam mit den Besatzungsmächten die Überreste des Faschismus auf kommunaler Ebene zu überwinden und das Überleben der Bevölkerung zu ermöglichen. Das waren vor allem die aus dem illegalen antifaschistischen Widerstand Kommenden, die befreiten KZ- und Zuchthaushäftlinge und die aus der Emigration nach Deutschland Zurückgekehrten.

Die einzelnen Beiträge behandeln die konkrete Lage und die Rolle unterschiedlicher Kräfte der deutschen Arbeiterbewegung im Prozess des Antifaschismus, aber ebenso die politische Situation und die ideologischen Entwicklungstendenzen in der Intelligenz und in anderen sozialen Schichten. Einbezogen in die analytischen Studien ist die umfassende Bewegung antifaschistischer Ausschüsse und des „Nationalkomitee Freies Deutschland“ in ehemaligen Zentren der Arbeiterbewegung, darunter in Leipzig. Gleichfalls wird der Blick gerichtet auf die überparteilichen Frauenausschüsse und die Frauenpolitik nach der Befreiung sowie auf das Erleben der vielfach beschworenen „Stunde Null“ der Ostflüchtlinge und Umsiedler in den einzelnen Besatzungszonen. Weitere Themen sind die politischen Schulungen des Linkssozialisten Wolfgang Abendroth in der ägyptischen „Wüstenuniversität“ und im „Wilton Park“ in den Jahren 1945/46, das Scheitern der Nachkriegspolitik der demokratischen Sozialisten nach 1945 und die unterschiedlichen Interpretationen des 8. Mai 1945 in der DDR und in der BRD, ergänzt durch die langen Schatten und den Neubeginn der Bildenden Kunst nach der Befreiung vom Faschismus, dem persönliche Rückblicke folgen. Insgesamt sind bei Beachtung bisherigen Wissens neuere Geschichtserkenntnisse verarbeitet, die den Anspruch und die Wirklichkeit im Geschichtsverständnis markieren.

70 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 war festzustellen, dass bereits mit der Beteiligung am NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999 von deutschem Boden wieder Krieg ausging. Seither ist die Teilnahme an Kampfeinsätzen der NATO militärische Richtschnur. Unter diesem Gesichtspunkt und neofaschistischer Umtriebe hierzulande ist der vorliegende Studienband von höchst aktueller Bedeutung.

Rainer Holze, Marga Voigt (Hrsg.): 1945 – Eine „Stunde Null“ in den Köpfen? Zur geistigen Situation in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus. Edition bodoni, 2016. 269 Seiten, 18,00 Euro.