10 Jahre DIE LINKE: Zeit, nach vorn zu schauen!

von Katja Kipping

Es hatte viele Ursachen, dass vor zehn Jahren die Neugründung einer Partei gelang. Frauen und Männer bei WASG und PDS brachten den Mut für einen Neuanfang auf. Lothar Bisky entschied sich, für einen neuen Parteinamen zu werben. Die WASGler entschlossen sich, zu den Bundestagswahlen zunächst auf den offenen Listen der Linkspartei.PDS zu kandidieren. Die Bekanntheit von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine war zudem ein wichtiges Pfund für den ganzen Prozess.

Die Grundlagen für das Entstehen einer neuen linken Partei wurden jedoch vor allem durch soziale Bewegungen geschaffen. Bei den bundesweiten Protesttagen gegen die Agenda 2010, bei den Montagsdemos gegen Hartz IV, auf den Europäischen Sozialforen. Überall war ein neuer Zeitgeist zu spüren.

Dem Gedanken des Öffnens die Treue halten

Bei allem Stolz darüber sollten wir auch den Blick nach vorn richten und uns fragen: War diese Neugründung ein einmaliger Prozess des Zusammenkommens? Oder bleibt unsere Partei ein Ort, der diesem Gedanken des Aufbruchs und Öffnens die Treue hält? Sind wir weiter ein Prozess, der sich niemals abschließt, eine Art Dauerfusion, die immer wieder von neuen politischen Momenten gefordert wird? Und: Muss nicht jede Vereinigung mit gesellschaftlichen Dynamiken letztlich viel mehr sein als der einmalige Prozess einer Neugründung? Wir können einfach mehr sein als die eine LINKE, wir sollten uns immer wieder fragen: Was denken und reden die, die links sind, ohne Linke zu sein? Wie können sie ihren Punkt bei uns finden, ohne dafür das Linkssein erlernen zu müssen? Wie öffnen wir uns erneut und werden auch selbst zu Lernenden? Unsere Partei bildet noch längst nicht all das ab, was in der Gesellschaft fortschrittlich links vorliegt.

Zeitsouveränität für alle

Ein Anknüpfungspunkt besteht in den neuen Ansprüchen an ein gutes Leben. Zunehmend mehr junge Menschen wissen, dass zu einem guten Leben auch Zeit gehört, Zeit zum Leben jenseits des Hamsterlaufrades. Das begeistert nicht alle: Ein Artikel im Tagesspiegel äußert sich entsetzt darüber, dass die junge Generation kaum noch „Interesse an Konkurrenz, Leistungsdenken und Eroberung“ habe, dass ihr – Zitat – die „Angriffslust“ für den weltweiten Wettbewerb fehle und sie stattdessen lieber auf eine „ausgewogene Work-Life-Balance“ setze. Ich kann da nur sagen: richtig so! Denn offenbar hat sich bei immer mehr jungen Menschen herum gesprochen, dass es sich nicht lohnt, das eigene Leben auf dem Altar der Standortkonkurrenz zu opfern. Zu unseren Alternativen für ein gutes Leben gehört deshalb unbedingt der Kampf um Arbeitszeitverkürzung und um Zeitsouveränität für alle.

Ort der Flüchtlingssolidarität

Ich möchte auch bewusst etwas ansprechen, das gar nicht so neu, aber zuletzt immer mehr aufgefallen ist: das migrantische Moment. Es sind all jene, die schon längst hier leben, ohne von hier zu sein und es sind all jene, die gerade gekommen sind. Sie verändern nicht nur sich, sondern eben auch uns. In den letzten zwei Jahren sind über 15.000 Initiativen entstanden. In ganz Europa gibt es inzwischen ein Netzwerk von rebellischen Städten, die sich der Abschottung und der Spaltung verweigern. Während die einzige Antwort der Bundesregierung in Aufrüstung, Abschiebung und Ausgrenzung besteht, hat eine riesige Bürgerbewegung längst Wege zu einer solidarischen Einwanderungsgesellschaft aufgetan. Wo ist ihr zukünftiger Platz in der LINKEN? Wie können wir für sie noch viel mehr die Partei der Freiheit, der Gleichheit und Solidarität werden?

Wir sind die Gerechtigkeitspartei. Ein Platz ist frei

Das Versagen der Sozialdemokratie und die grünen Avancen an die Konservativen machen einen großen Platz in der Parteienlandschaft frei. Ein Platz, der noch unbesetzt und nach links offen ist. Jetzt ist es vielleicht an der Zeit zu sagen: Wagen wir den Schritt hin zu einer gesellschaftlichen Gerechtigkeitspartei, zur Partei der neuen linken Mehrheiten. Die Frage, die wir uns stellen sollten, lautet daher weniger, was machen die anderen Parteien alles falsch, sondern vielmehr: Wie werden wir größer, als wir sind? Wie kommen wir raus aus dem 10-Prozent-Ghetto? Wir lieben unsere Vertrautheit in der Partei miteinander. Aber wir sollten nie vergessen, dass unser Wir noch längst nicht das WIR der vielen in der Gesellschaft ist. Wir können noch viel mehr werden als wir gegenwärtig sind. Verwenden wir also nicht all unsere Energie auf das, was in der Gegenwart zu betrauern ist, sondern richten wir den Blick auch nach vorn und trauen wir uns die Zukunft zu.