„Typische Alterserkrankungen bereits bei jungen Beschäftigten im Fokus“

Eine Pressemitteilung der Barmer Ersatzkasse scheuchte sächsische Medien im April auf. In der Tagespresse wurde besorgt getitelt: „Je jünger – desto kränker“. Damit blieb die Zeitung in puncto Alarmismus noch hinter dem Pressetext zurück. Dort hieß es gleich: „Generation Z: Junge Beschäftigte – Arbeitsscheu, wenig belastbar?“ Unter „Generation Z“ versteht die Barmer junge Menschen im Alter von 16 bis 30 Jahren. Laut Statistik ist keine andere Altersgruppe so oft krankgeschrieben. Ralf Richter unterhielt sich darüber mit dem Landesbezirksjugendsekretär von ver.di, Daniel Herold.

So ganz klar wurde in dem Medienbericht nicht, ob er sich auf ganz Deutschland, Mitteldeutschland oder Sachsen bezieht. Können Sie uns da bitte aufklären, Herr Herold?

Der Bericht bezog sich auf ganz Deutschland – soweit ich das in der Erinnerung habe –, wurde aber speziell noch einmal für Sachsen veröffentlicht.

Sie sind Landesbezirksjugendsekretär nicht nur für Sachsen, sondern auch für Sachsen-Anhalt und Thüringen. Ich nehme an, das Thema „Gesundheit junger Arbeitnehmer“ soll für den gesamten Raum stärker in den Fokus gerückt werden?

Das Thema Gesundheit, Arbeitsbelastung und psychische Belastung beschäftigt uns in allen drei Bundesländern. Wir haben als DGB Jugend Sachsen den Ausbildungsreport von 2016, in dem der Schwerpunkt auf psychische Belastungen gelegt wurde. Diesen werden wir auch noch einmal auf der Landespressekonferenz vorstellen, mit Fokus auf die Gesundheits- und Sozialberufe.

Im Barmer-Bericht wird allgemein der schlechte Gesundheitszustand junger Arbeitnehmer erwähnt. Was waren für Sie die gravierendsten Erkenntnisse?

Geschaut wurde in dem Bericht auf alle bis 30 – wobei noch einmal unterschieden wurde zwischen ArbeitnehmerInnen und Studierenden. Kein dezidierter Unterschied wurde festgestellt zwischen Auszubildenden und ArbeitnehmerInnen. Für mich war erschreckend, dass der Bereich der typischen Alterserkrankungen bereits bei jungen Menschen in den Fokus rückte.

Zum Beispiel?

Rückenleiden spielten eine ganz massive Rolle, Herz-Kreislauferkrankungen wurden angeführt. Stress, hohe Arbeitsbelastungen durch beruflichen und sozialen Kontext haben signifikante Auswirkungen auf Körper und Psyche bei immer mehr jungen Menschen im Arbeits- und Ausbildungsprozess. Sogar Herzinfarkt und Bluthochdruck sind bereits weit verbreitet in dieser Altersgruppe. Von den klassischen „Volkskrankheiten“ wie Diabetes sind immer mehr jüngere Menschen betroffen.

Bei jedem vierten jungen Menschen wurde bereits eine psychische Erkrankung festgestellt …

Eine Theorie sagt dazu, dass in früheren Zeiten psychische Erkrankungen schlicht und einfach nicht diagnostiziert wurden – sie wurden damals unter anderen allgemeineren gesundheitlichen Leiden „verbucht“, um es mal salopp zu sagen. Früher fehlte das Wissen um viele psychische Erkrankungen. Nehmen wir zum Beispiel den Fall, dass jemand „Rücken“ hat. Hier stellt sich die Frage: Ist das wirklich ein muskuläres, also körperliches Leiden, oder handelt es sich dabei eher um ein Symptom für ein ganz anders gelagertes psychisches Problem? In der heutigen Zeit hat das Thema psychische Erkrankungen einen ganz anderen Stellenwert bekommen und wird auch viel stärker beleuchtet. Hinzu kommt, dass die Erwartungen, die junge Menschen an ihren Arbeitsplatz haben, oft vollkommen konträr zu den tatsächlichen Angeboten der Arbeitgeber stehen – was sich auf junge Menschen zusätzlich belastend auswirkt.

Schon in der Ausbildung gibt es ja da an vielen Stellen Probleme.

Mit Blick auf die Auszubildenden – für die wir ja vorrangig bei der ver.di-Jugend zuständig sind – kann ich sagen, dass das Belastungsgefühl und das Empfinden von Stress in der Ausbildung, die Sorgen um die Zukunft zu einem psychischen Alpdruck führen. Das Gefühl der Unsicherheit, was die persönliche Zukunft anbelangt, mündet in psychische Instabilitäten, was wiederum zu erhöhten Krankschreibungen führt.

Sie haben der Presse gesagt, dass viele junge Leute nicht wissen, was nach ihrer Ausbildung mit ihnen wird.

Viele werden einfach nicht übernommen, andere haben Schwierigkeiten, sich finanziell über Wasser zu halten. Es nützt dann auch nichts, wenn ich weiß, dass es Lohnzuwächse in den letzten Jahren gab, wenn mir niemand eine Gewähr dafür gibt, dass ich nach der Ausbildung wirklich vom Betrieb übernommen werde. Das alles belastet die jungen Leute mental.

Viele alleinerziehende Frauen beziehen Hartz IV, gerade in Ostdeutschland, wo es prozentual mehr alleinerziehende Frauen gibt als im Westen. Wie wirkt sich Kinderarmut später auf die Auszubildenden aus?

Jugendliche treffen eine Berufswahlentscheidung nach dem, was sie zu Hause vorgelebt bekommen. Wir stellen fest, dass Jugendliche aus prekären Verhältnissen oft aus dieser Mühle nicht rauskommen. Es gibt dort oft eine Resignationshaltung nach dem Motto: „Ich schaff‘ das doch sowieso nicht!“ In der Tat haben diese Jugendlichen es schwer, einen guten Ausbildungsplatz zu bekommen, und oft fehlt es ihnen auch an Orientierung. Sie haben einfach keine Vorstellung davon, welche Lehre etwas für sie sein könnte, und erleben dann zu Hause, dass man sich auch einfach ziellos treiben lassen kann.

Viele Eltern in Ostdeutschland haben Schwierigkeiten, den heutigen Ausbildungsmarkt zu verstehen. Wer in der DDR aufwuchs, erhielt mit dem Ausbildungsplatz in über 99 Prozent der Fälle auch die Garantie für eine unbefristete Anstellung. Wie ist das eigentlich heute? Bekommen die jungen Azubis in aller Regel nach der Ausbildung zumindest eine befristete Anstellung?

Die Situation ist total durchwachsen. Insgesamt aber lässt sich sagen, dass viele Jugendliche bis zum Ende ihrer Ausbildung nicht wissen, was nach ihrer Ausbildungszeit passiert. Wir haben einerseits Arbeitgeber, die bereit sind, mit uns die Übernahme in ein Beschäftigtenverhältnis zu regeln – auch auf tarifvertraglicher Basis. Ein großer Teil wird tatsächlich befristet nach der Ausbildung übernommen. Aus meiner Sicht aber ist die Aussicht auf einen befristeten Arbeitsplatz nicht das Problem – viel gravierender ist für meine Begriffe, dass in vielen Ausbildungsbetrieben gesagt wird: Wenn Du gut bist, übernehmen wir Dich. Dann aber lässt man die Jugendlichen über drei Jahre hängen – es geht sogar so weit, dass einige Betriebe sagen, wir können doch den Azubis gar nicht fest zusagen, dass wir sie übernehmen. Denn täten wir das, dann würden die ja nur noch auf der faulen Haut liegen. Darin sehe ich ehrlich gesagt einen Verrat an den Auszubildenden.

Was brauchen die Auszubildenden also?

Sie brauchen Verlässlichkeit, Kontinuität, eine gute Ausbildung und eine klare Perspektive, so dass sie wissen, was mit ihnen nach ihrer Ausbildung geschieht. Daran fehlt es derzeit an vielen Stellen.

Gibt es auch positive Beispiele?

Es gibt in der Tat viele Betriebe, die die demographischen Probleme spüren und deshalb den Jugendlichen versprechen, sie zu übernehmen – von denen allerdings treffen viele keine tarifliche Vereinbarung mit uns. Einerseits wird also den Azubis eine Zusicherung gegeben, andererseits möchte man keine tariflich fixierte Vereinbarung mit uns, also zwischen den Sozialpartnern, treffen. Viele Jugendliche sehen das nicht kritisch, aber in meinen Augen ist das durchaus ein Problem.

Letzten Endes lässt sich „die Wirtschaft“ ein Hintertürchen offen …

Die Jugendlichen vertrauen der Zusage – das ist ja erst einmal auch gut. Wenn sich dann aber plötzlich doch „der Wind dreht“, können sich die Arbeitgeber nicht mehr an ihre Zusage erinnern und missbrauchen dieses Vertrauen – tarifvertraglich wurde ja schließlich nichts vereinbart, und so sieht man sich „im Ernstfall“ nicht in der Pflicht.

Es gibt auch junge Menschen, die zwei, drei Jobs machen, um sich einigermaßen über Wasser zu halten – die so genannten Multi-Jobber. Hat man die auch bei ver.di im Blick?

Wer zwei, drei Jobs hat, kann sich kaum darauf konzentrieren, in einem Job die Arbeitsverhältnisse zu verbessern. Es fehlt da an Zeit und Kraft, und das ist ein Riesenproblem. Noch bedenklicher aber sehe ich den Fall, wenn jemand eine rein schulische Ausbildung zum Beispiel zum Physiotherapeuten durchläuft, nachdem er oder sie eine Berufsausbildung oder ein Studium absolviert hat. Dann gibt es weder für die schulische Ausbildung noch für die Praktika eine Vergütung, und man ist gezwungen, abends an der Supermarktkasse zu sitzen oder im Restaurant zu kellnern, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Auch dieses Thema werden wir speziell für Sachsen bei einer Pressekonferenz ansprechen.

Es gibt also jede Menge zu tun. Was wünschen Sie sich eigentlich von der Politik? Es sind ja bald Wahlen …

Wir von ver.di versuchen alles, um den Jugendlichen Gehör zu verschaffen. Für uns ist es wichtig, dass die Jugendlichen insbesondere mit ihren Wünschen und Sorgen ernst genommen werden. Gerade wenn von Politikverdrossenheit bei jungen Menschen die Rede ist – wir beobachten die fatalen Folgen im Moment. Die jungen Leute sind nicht die Mehrheit der Gesellschaft, sie stellen aber die Zukunft dar. Nur gute Löhne können Altersarmut verhindern und eine vernünftige Rente sichern. Wenn die Politik sich die Sorgen und Nöte der Jugendlichen aber nur anhört und danach nichts passiert, ist das kein gutes Zeichen. Politik muss für alle jungen Menschen eine Perspektive schaffen – wenn das nicht gewährleistet ist, gibt es nicht nur Probleme für die Gesundheit von jungen Menschen, sondern große Problemen in der Gesellschaft als Ganzes.