„… so hette ich das maul gehalten“

von Wulf Skaun

Jour fixe diskutierte Lebens- und Wirkungsgeschichte Martin Luthers

Man müsse einen Arsch in der Hose haben, hieß einer von Martin Luthers derb-deftigen Sinnsprüchen. Er selbst hielt sich daran, bot sogar Papst und Kaiser die Stirn. Seine gesellschaftlichen und theologischen Leistungen, im Reformationswerk manifestiert, machten ihn zu einem Geistesriesen, dem höchste Bewunderung zufloss. Friedrich Engels würdigte ihn mit den Worten: „Luther fegte nicht nur den Augiasstall der Kirche, sondern auch der deutschen Sprache aus, schuf die moderne deutsche Prosa und dichtete Text und Melodie jenes siegesgewissen Chorals, der die Marseillaise des 16. Jahrhunderts wurde.“

Was wunder, wenn über nur wenige Persönlichkeiten der Weltgeschichte mehr publiziert wurde als über den Wittenberger. Forschergenerationen, geistliche wie weltliche Stimmen in Pro- und Contra-Position, vermittelten Heutigen das Bewusstsein, wohl fast alles über Martin Luther zu wissen. Doch die 500-jährige Wiederkehr seines berühmten Thesenanschlags von 1517 wider den Ablass und den Wucherhandel in einer verderbten katholischen Kirche spülte, vorhersehbar, neue mediale Luther-Wellen in die Öffentlichkeit. Für den unkonventionellen Gesprächskreis Jour fixe an der Leipziger Dependance der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen Anlass genug, sich bei seiner 24. Auflage des Themas anzunehmen. Unter der Überschrift „Religiöse Erwähltheit und weltliche Bewährung ? Anmerkungen zu Willi Winklers Biographie ,Luther. Ein deutscher Rebell‘“ lieferte der Leipziger Mediävist Gerhard Hoffmann eine anregende Diskussionsgrundlage. Er bereitete die komplexe und widersprüchliche Lebens- und Wirkungsgeschichte des streng bibeltreuen Theologen historisch konkret auf, um den Mythos Luther aus seiner Zeit, den Fehden seiner Kontrahenten, seinen selbst gewollten Zwecken und unabsichtlich über ihn gekommenen Entwicklungen zu erklären. Das interessierte Auditorium erfuhr, dass sich der Journalist und Publizist Willi Winkler, Jahrgang 1957, in seinem Buch mehr oder weniger konsequent auf Luthers Lebensgeschichte konzentriert hat. Für den bayrischen Autor gilt der Reformator zuallererst als Evangelist und Prophet, der vom Heiligen Geist berufen und erweckt sei, um den Gläubigen als neuer Messias Gottes Heil zu versprechen. Als fundamentaler Gegner des Teufels predigte Luther den Kampf gegen jegliches Teufelswerk. Solches sah er auch in den Sünden des aus seiner Sicht antichristlichen Papsttums ebenso wie in einem sich gegen alle Juden steigernden religiösen Antijudaismus oder in den türkischen Osmanen. Für die grundlegende Reform der christlichen Kirche im Namen des Erlösers Jesus bedürfe es der Unterstützung durch die von ihm anerkannte gottgewollte weltliche Obrigkeit. Dieser theologischen Logik gemäß, habe Luther die aufständischen Bauern und Thomas Müntzer als mörderische Rotten bzw. Mordpropheten charakterisiert. Winklers These, Luther habe das Mittelalter beendet, stünde im Widerspruch zur heute gängigen Auffassung, die eine monokausale Verbindung von Reformation und Neuzeit ablehne. Mit solchen Stichwörtern wie geografische Entdeckungen, Renaissance, kopernikanische Wende, Früh-, Handels- und Manufakturkapitalismus, Beginn des neuzeitlichen Kolonialismus machte Hoffmann deutlich, welche gesellschaftlichen Entwicklungen die Moderne vorbereiteten, die mit Luther und seinem Wirken nichts zu tun hatten.

In der Diskussion wurde diese Fragestellung von einigen Rednern weiter verfolgt. So monierte Klaus Kinner Winklers vordergründige Theologisierung der Lutherischen Rolle zu Lasten seiner gesellschaftlichen Wirkung. Gerhard Hoffmann, der den Gedankenaustausch auch moderierte, gab zu bedenken, dass Luther sich ganz als Theologe verstanden habe, dessen ureigener Auftrag die Bibelexegese zur Reform der Kirche sei. Gesellschaftliche Wirkungen hätten ihn wie göttlich „Erwählte“ in anderen Weltreligionen von seinem religiösen Anliegen deutlich entfernt. Dieses Dilemma bezeugten seine von Willi Winkler als Wahlspruch gewählten Worte: „Hette ich die sache so weit gesehen, als sie Gott lob kommen ist, so hette ich das maul gehalten.“ Hartmut Kästner erinnerte an den Leipziger Historiker Max Steinmetz, der aus Anlass des 450. Reformationsjubiläums mit seinerzeit vielbeachteten Thesen die Bedeutung Luthers und den Zusammenhang von Reformation und Bauernkrieg auf eine neue Weise interpretiert hatte. Manfred Neuhaus nahm diesen Ball auf, um die Forschungen der Leipziger Mediävisten Max Steinmetz, Gerhard Zschäbitz, Siegfried Hoyer und Gerhard Brendler zu würdigen. Wie der Berliner Historiker Günter Vogler in einer bemerkenswerten Bestandsaufnahme der jahrzehntelangen Forschungsdebatte unlängst herausgestellt habe, sei deren von Friedrich Engels inspiriertes Konzept einer deutschen frühbürgerlichen Revolution von Fachkollegen im Westen zunächst ignoriert oder ohne Diskussion zurückgewiesen, dann aber als Herausforderung angenommen worden, um über Gegenkonzepte nachzudenken.