ROSA LUXEMBURG: Gesammelte Werke, Band 7/1 und 7/2 erschienen

von Kurt Schneider

Unmittelbar anschließend an die 2016 von Clara Zetkin erschienenen »Kriegsbriefe 1914 – 1918« hat der rührige Karl Dietz Verlag Berlin den Band 7 der »Gesammelten Werke« Rosa Luxemburgs, gegliedert in zwei Halbbände, verlegt. In dem 65seitigen Vorwort, verfasst von der hoch anerkannten Rosa-Luxemburg-Forscherin und -Editorin Annelies Laschitza, werden die bereits im Band 6 behandelten Umstände, Probleme, Stärken und Schwächen der Herausgabe der fünf Bände von 1970 bis 1975 ergänzt.

Die innenpolitischen Entwicklungen, die zum Beitritt der DDR zur BRD geführt hatten, waren, wie in Erinnerung gerufen wird, für die Rosa-Luxemburg-Forschung und -Edition mit großen Unsicherheiten verbunden. Der Herausgeber, das Institut für Marxismus und Leninismus beim ZK der SED, löste sich auf. Das aus ihm hervorgegangene Institut Geschichte der Arbeiterbewegung war bedroht und beendete am 31. März 1992 seine Tätigkeit. Das Schicksal der unersetzlichen Bestände des Zentralen Parteiarchivs war ungewiss. Die Klärungen waren schwierig. Mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung wurde schließlich ein neuer Herausgeber gefunden. Hintergrund und Rückhalt, der die Fortsetzung der Editions- und Forschungsarbeit über Rosa Luxemburg ermöglichte, wird skiziert.

Der Anfang 2014 erschienene Band 6 enthält für die Zeit von 1893 bis 1906 270 Dokumente. Im vorliegenden Band 7 befinden sich 160 Dokumente aus der Zeit von 1907 bis 1918. »Damit wird«, schreibt Annelies Laschitza, »die Vervollständigung der ›Gesammelten Werke‹ durch sämtliche seit den 70er Jahren bis heute aufgefundenen und identifizierten Reden und Schriften Rosa Luxemburgs in deutscher Sprache abgeschlossen.« Aufgenommen worden sind auch die Übersetzungen von fünf Texten aus der englischen, französischen und russischen Sprache.

Zu vermerken ist, dass sich der Band 7 von dem Band 6 durch eine völlig andere Struktur unterscheidet. Das rührt vor allem daher, dass er weit mehr handschriftliche Texte enthält, die fast die Hälfte des Bandes füllen. Zur absoluten Neuheit gehören 65 handschriftlich beschriebene Blatt zur Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus mit wirtschafts- und weltgeschichtlichen Vergleichen, die aus dem Nachlaß von Jürgen Kuczynski stammen und erstmalig vollständig veröffentlicht werden. Der Ökonomie-Komplex des Bandes vermittelt insgesamt die ökonomische Begründung des Kapitalismus. Daraus ergibt sich, dass Rosa Luxemburg des Öfteren ihre Erkenntnisse, anknüpfend an Karl Marx, wie Annelies Laschitza schreibt, auf den Nenner brachte: »Der Kapitalismus kann nicht die ewige Produktionsweise bleiben, kann nicht das letzte Gesellschaftssystem sein. Solange er existiert, wird es zu Krisen und Kriegen kommen, gibt es keine sichere Chance für soziale Gerechtigkeit, uneingeschränkte Demokratie und ewigen Frieden. Es kann nicht genug betont werden: Die Revolutionstheorie erschloß sich für Rosa Luxemburg hauptsächlich aus der Ökonomie des Kapitalismus.« Davon zeugt auch ihr handschriftliches Fragment über Widersprüche und Tendenzen des Kapitalismus. Wie von der Autorin des Vorwortes angeführt, sagte Franz Mehring über Rosa Luxemburg, dass sie »„durch Fülle der Kenntnisse, Glanz der Sprache, logische Schärfe der Untersuchung, Unabhängigkeit der Denkarbeit« dem klassischen Werk von Karl Marx am nächsten käme und über dessen Grenzen hinaus die wissenschaftliche Kentniss erweitere.

Eine größere Anzahl von Dokumenten aus dem Jahre 1910, bringt Rosa Luxemburgs Haltung zum Wahlrechtskampf und seinen Lehren zum Ausdruck. Sie macht keinen Hehl daraus, dass der Kampf um das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht eine Etappe auf dem Wege zum Sozialismus, ein »Mittel zur Verwirklichung unseres Endziels« ist. Ebenso deutlich äußert sie sich zum politischen Massenstreik, verbunden mit heftiger Kritik an die Gewerkschaften. In ihrer Diskussionsrede in der erweiterten Parteivorstandssitzung mit Vertretern der Gewerkschaften Anfang August 1913 betont sie mit großem Nachdruck, dass das »Fühlen und Denken mit der Masse« den Gewerkschaftsführern abhanden gekommen ist. Es sei immer »dasselbe alte Lied von der dumpfen trägen Masse, die von oben herunter geleithammelt werden müßte«. In manchen gewerkschaftlichen Kreisen herrschten »eigentümliche Vorstellungen selbst über das Wesen des Sozialismus und des Klassenkampfes sowie über die Klassengegensätze«. Wer das weiß, schlußfolgert sie, »wird sich über nichts mehr wundern«. Der politische Massenstreik »erfordert vor allen Dingen entschlossene und tatbereite Führer«, von denen nichts zu bemerken sei. Mit den Blick auf den bevorstehenden Jenaer Parteitag der SPD im September 1913 ermahnte sie die Gewerkschaftsführer: »Sorgen Sie dafür, dass das Feuer, welches die Massen jetzt ergriffen hat, kein Strohfeuer bleibt. Lassen Sie die Kampfeslust der Arbeiterschaft nicht einschlafen, es würde uns nachher schwer fallen, die Massen wieder aufzurütteln.« In mehreren Beiträgen setzt sie sich mit dem deutschen Militarismus und dem Kampf gegen ihn auseinander. Sie prangert die Verletzung der Volksfreiheit und -rechte sowie die Soldatenmisshandlungen und den Kasernenhofdrill an. Die Frankfurter (Main) Staatsanwaltschaft sagte dazu, »daß die sozialdemokratische Agitation gegen den Militarismus den Lebensnerv des Gegenwartsstaates« treffe.

Mit aller Kraft warnte sie vor der drohenden Kriegsgefahr. Der Weltkrieg war für Rosa Luxemburg die Feuertaufe auch der deutschen Sozialdemokratie. Senkt sie ihr Haupt, so wird die Geschichte von ihr sagen: Gewogen und zu leicht befunden! »Vor diesem schrecklichen Urteil sichern wir uns nur, indem wir auch in allem Sturm und Wetter des Weltkrieges treu bleiben und unserer glorreichen Vergangenheit.« Der 4. August 1914 wurde somit zur »Schicksalsstunde der deutschen Sozialdemokratie wie des internationalen Sozialismus«. Ihr Urteil lautete: »Nachdem sich die Existenz der Sozialdemokratie als einer revolutionären Klassenpartei geschichtlich als Scheinexistens erwiesen hat, ergab sich ihre fortschreitende politische Zersetzung und damit auch ihr organisatorischer Zerfall als unvermeidlicher Vorgang, der mit der ehernen Logik eines Naturprozesses im Laufe des Krieges einsetzen mußte.« Damit stellte Rosa Luxemburg klar: »Die ›Schicksalsstunde der Partei‹ ist nicht der Entschluß der Parteiinstanzen zur Hinausdrängung der Opposition«, sondern der 4. August 1914. Für sie galt es, »eine Welt zu erobern und gegen eine Welt anzukämpfen«. Sie war sich dessen bewusst: »Die proletarische Revolution kann sich nur stufenweise, Schritt für Schritt, auf dem Golgathaweg eigener bitterer Erfahrungen, durch Niederlagen und Siege zur vollen Klarheit und Reife durchringen.«

Mit dem Kalender für das Jahr 1918 im Breslauer Frauengefängnis und ihre erstaunlichen dort angefertigten Geologischen und und Botanischen Notizen schließt der mit einem hohen Bearbeitungsgrad abgefasste Band ab, der als reichlich bestücktes Gedankendepot es vermag, zu vielen Überlegungen, Anregungen und Disputen neu anzuregen. Alle, die zu diesem Band beigetragen haben, verdienen Respekt und Anerkennung.

Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 7/1 und 7/2 1907 bis 1918. Herausgegeben und bearbeitet von Annelies Laschitza und Eckhard Müller. Mit einem Vorwort von Annelies Laschitza. Karl Dietz Verlag Berlin 2017, 1233 Seiten, je Band 49,50 Euro.
Bd. 7/1: ISBN 978-3-320-02332-4Bd. 7/2: ISBN 978-3-320-02333-1