Religionen – mehr als nur Opium fürs Volk?!

von Simone Hock

Um es vorwegzunehmen: Ich wurde getauft, Christmette zu Weihnachten, Weihnachts- und Osteroratorium von Bach, Filme wie „Die zehn Gebote“ oder Bücher wie „Das Gewand des Erlösers“ haben mich mein Leben lang begleitet, auch die Bibel habe ich gelesen. Wirklich religiös erzogen wurde ich nicht, dennoch hat der christliche Glauben seine Spuren in meinem Leben hinterlassen. Wie tief diese sind, wurde mir durch die Bekanntschaft mit zwei jungen Männern wirklich bewusst, die zunehmend zu guten Freunden werden. Wir haben viel diskutiert. Geschieden, schwul in einer Partnerschaft und dann noch in einer Einrichtung der Caritas arbeitend? Nach meinem bisherigen Bild von der katholischen Kirche ging das gar nicht zusammen. Doch ich lernte schnell, dass sich auch die katholische Kirche im Wandel befindet, auch wenn sich dieser sehr langsam vollzieht und es eine ganze Menge zu kritisieren gibt, gerade auch mit Blick in die (jüngere) Vergangenheit. Dennoch, und über dieses Satz des katholischen Freundes habe ich lange nachgedacht, bietet die katholische Kirche eine zentrale und damit sehr stabile und verbindliche Auslegung des Glaubens der Bibel. Im Islam beispielsweise gibt es eine solche zentrale Auslegung nicht, jeder Imam bzw. jede Gruppe hat eine eigene Interpretation gefunden, was nicht immer unproblematisch ist.

Marx schrieb in einem seiner Briefe an Engels, dass Religion das Opium des Volkes sei. Das mag, zumindest in der Vergangenheit, zutreffend sein. Und wenn ich die Art der Auseinandersetzung mit dem diesjährigen Jubiläum der Reformation sehe, so finde ich manches recht oberflächlich. Denn bei all dem Fortschriftlichen, was Luther mit seinen Thesen auf den Weg brachte, wird eines doch nur all zu gern vergessen: Luther war glühender Antisemit, der mit seinen antisemitischen Aussagen Hitler so manches „Argument“ an die Hand gab. Doch wenn wir dieses Jubiläum begehen, so darf dieser Teil der Geschichte Luthers und der Reformation eben nicht vergessen werden sondern gehört ebenso kritische hinterfragt wie betrachtet. „Opium fürs Volk“ suggeriert aber auch, dass Gläubige sich in den Glauben flüchten, um ein Stück weit der Realität zu entfliehen und die Verantwortung für das eigene Leben, für eigene Entscheidungen abzugeben, dass die Kirchen unpolitisch sind. Doch auch das erlebe ich vielfältig anders. In der DDR waren es die Kirchen, die Räume für Bürgerrechtsbewegungen schufen, die Engagement für Umweltschutz und Frieden jenseits der staatlichen Ordnung ermöglichten. In den letzten Jahren bezogen immer wieder Kirchen und ihre Vertreter deutlich Position gegen Fremdenhass, beispielsweise indem Gotteshäuser ihre Beleuchtung löschten wenn Pegida, AfD und Co. in ihrer Nähe aufmarschierten, um ihre menschenverachtenden Parolen zu verbreiten. Es waren die Kirchen, die gemeinsam mit demokratischen Parteien und zivilen Organisationen zu friedlichen und bunten Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag in Köln aufriefen. Und es sind immer wieder Kirchgemeinden, die von Abschiebung bedrohten Geflohenen und Asylbewerbern Kirchenasyl gewähren. Darüber hinaus sind sie freie Träger der Jugend- und Sozialarbeit und erfüllen Aufgaben, die eigentlich dem Staat obliegen – etwa Sucht-, Schuldner- und Wohnungslosenhilfe – und ihre Mitglieder engagieren sich in Vereinen und Demokratiebündnissen, sind Mitglieder in Parteien.

Auf dem Kirchentag in Berlin gab es am 25. Mai eine im TV übertragene Podiumsdiskussion mit Bundeskanzlerin Merkel und dem ehemaligen US-Präsidenten Barak Obama. Von den Gläubigen kamen Fragen, die ganz konkret die Alltagspolitik betreffen: Was kann man tun, damit hier gut integrierte Geflohene bleiben können und nicht trotz Arbeitsplatz abgeschoben werden? Was kann die Politik im Hier und Jetzt tun, damit jetzt nicht noch mehr Menschen im Mittelmehr ertrinken? Wie stehen sie zur Drohnentechnologie, die in ihrer Amtszeit (Obamas) gefördert wurde und an Bedeutung gewann? – Man kann die Antworten auf diese Fragen unterschiedlich, ja kritisch beurteilen. Muss man vielleicht sogar. Aber dass diese Fragen im Rahmen des Kirchentages gestellt wurden zeigt deutlich, dass Religion heute alles andere als unpolitisch ist.

Nimmt man dieses vielfältige Engagement der Kirchen und ihrer Mitglieder für eine bessere und friedlichere Welt, die Aussagen des Papstes und anderer prominenter Kirchenvertreter zum Weltfrieden, zu Ausbeutung und sexueller Vielfalt, so verstehe ich die zum Teil sehr abwertenden Kommentare gerade auch in den sozialen Netzwerken gegenüber Christen – denn sie sind das häufigste Ziel – nicht. Wir linke und LINKE fordern Toleranz gegenüber Mitgliedern anderer Kulturen und Religionsgemeinschaften, doch lassen häufig diesen geforderten Respekt gegenüber Christinnen und Christen vermissen. Wie können wir Toleranz und Akzeptanz gegenüber fremden Kulturen und Religionen einfordern, ohne es in unserem eigenen Kulturkreis gegenüber Gläubigen selbst zu leben? Und wie müssen wir unsere Kommunikation gestalten, damit sich Christen von der Forderung nach einem laizistischen Staat nicht mehr angegriffen fühlen, diese Forderung nicht mehr als Angriff auf ihre Religion empfinden?

In Markus 12,31 heißt es: „Liebe Deinen nächsten wie dich selbst“. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass wir allen mit Respekt begegnen, auch und gerade den Christinnen und Christen in unserer Gesellschaft. Denn sie sind unsere Partner wenn es um den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft geht, wenn es gilt für Weltoffenheit, Toleranz und die Stärkung unserer Demokratie zu streiten.