Durchblicken mit Marx

von Katja Kipping

Die aktuellen Krisen zeigen: Es muss sich Grundlegendes ändern. Nur was? Darauf gibt „Das Kapital“ Antworten, heute wieder mehr denn je.

Auch geniale Analytiker können mal zu Fehlschlüssen kommen. Im Nachhinein ist es ein Leichtes, es besser zu wissen. Um es mit den Worten von Wolfgang Fritz Haug zu sagen: Auf den Schultern von Riesen können selbst Zwerge besser sehen.

Zitatefestigkeit bei Marx ist deshalb kein Ersatz für den Gebrauch der eigenen Urteilskraft. Seine Polemik beispielsweise gegen die Gebührenfreiheit von Bildung in der Kritik des Gothaer Programms hat mich nie davon abgehalten, gegen Studiengebühren zu protestieren. Vielmehr schult die Beschäftigung mit Karl Marx ungemein im kritischen Denken, auch – und das gehört zur Dialektik dazu – gegenüber den Punkten, in denen er womöglich irrte.

Aufbauend auf seinen Erkenntnissen und unter Aneignung seiner Methode gilt es, die aktuellen Krisen zu analysieren und nach Wegen zu ihrer Überwindung zu suchen. Ich vertrete hier die These, dass alle kapitalismusinternen Lösungen (seien sie konservativer oder sozialdemokratischer Art) die aktuellen Krisen nur verwalten, nicht aber auflösen werden. Insofern stellt sich die Frage nach einer grundlegenden Alternative. Selbst für diejenigen, die erst einmal nur verstehen wollen, wie die Produktionsweise funktioniert, lohnt sich die Lektüre von Marx. Nehmen wir seine Abhandlungen zum Charakter der Ware, mit denen er „Das Kapital“ beginnt. Die Unterscheidung zwischen dem Gebrauchswert einer Ware und ihrem Tauschwert ist mehr als reine Begriffsarbeit. Diese Unterscheidung erleichtert zu hinterfragen, ob der Preis einer Ware wirklich ihrem Gebrauchswert entspricht. Ausgehend davon kommt Karl Marx zu der Erkenntnis, dass eine ganz bestimmte Ware mehr Wert zu schaffen vermag, als sie selbst wert ist: die menschliche Arbeitskraft. Die Arbeitskraft als Ware zu bezeichnen, mag im ersten Moment ungewöhnlich klingen. Gemeint ist: Wer einer Erwerbsarbeit nachgeht, tauscht seine Arbeitskraft als Ware gegen Lohn.

Leider findet dieser Tausch nur selten auf Augenhöhe statt. Diejenigen, die nur ihre Arbeitskraft als Ware haben, sind darauf angewiesen, diese zu verkaufen, um überleben zu können. Erwerbslosigkeit und Existenzangst wirken wie ein Damoklesschwert, das gefügig macht. Und genau so funktioniert das jetzige Hartz-IV-Sanktionssystem. Um diesem Sanktionssystem zu entgehen, akzeptieren viele Beschäftigte familienunfreundliche Arbeitszeiten und niedrigere Löhne. Geschult an Karl Marx können wir sagen, dass die Hartz-IV-Sanktionen nicht nur eine Belastung für die Erwerbslosen, sondern auch ein Angriff auf die Höhe der Löhne sind.
Karl Marx analysiert ganz treffend, dass im Kapitalismus das einzelne Unternehmen einen begrenzten Entscheidungsspielraum hat. Denn: „Die Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze auf.“ Soll heißen: Infolge des Konkurrenzdrucks ist Wettbewerbsfähigkeit für das einzelne Unternehmen kurzfristig objektiv wichtiger als der Erhalt der Umwelt beziehungsweise als das Glück der Menschen. Diese für den Einzelnen rationelle Prioritätensetzung führt gesellschaftlich zu verheerenden Folgen wie Umweltverschmutzung und Klimakollaps.

Dem UN-Klimareport zufolge werden bald in Afrika bis zu 200 Millionen Menschen an akuter Dürre leiden. Andernorts drohen Überschwemmungen. In beiden Fällen gefährdet der Klimawandel Leben. Im Kapitalismus gilt: höher-schneller-weiter-mehr Profit. Ich nenne das den kapitalistischen Komparativ. Unter dieser Maßgabe kann die Politik Unternehmen durch verbindliche Umweltstandards zu weniger -Ausstoß zwingen. Sie kann die Fahrt in Richtung globale Erwärmung verlangsamen, aber eine Kehrtwende ist nicht möglich, solange der kapitalistische Komparativ gilt. Die Vergangenheit zeigt, Einsparungen durch Effizienzgewinne werden sofort durch die Entwicklung neuer Produkte aufgebraucht. Der „grüne Kapitalismus“ ist insofern eine Illusion.

Lange bevor globalisierungskritische Bewegungen auf die Straße gingen, beschrieb Marx den Drang zur Marktausdehnung, der der Globalisierung zugrunde liegt: „Der Markt muss beständig ausgedehnt werden, sodass die regelnden Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von den Produzenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen.“ Um mehr Produkte zu verkaufen, müssen neue Märkte erobert werden. Dies ist dann möglich, wenn woanders hin mehr Waren verkauft als von dort eingekauft werden. So geschehen nach der Wende, als westdeutsche Firmen im Osten plötzlich einen neuen Absatzmarkt hatten. Einen Markt voller Appetit auf die neuen Produkte.
Besonders verheerende Folgen hat dieser Drang zur Marktausdehnung in den Entwicklungsländern beziehungsweise den Ländern des globalen Südens. Im Zuge der größeren Fluchtbewegungen wurde auch mehr über die Situation in den Herkunftsländern der Geflüchteten gesprochen.

Wenn der Westen die Märkte der Entwicklungsländer mit billigen Produkten überschwemmt, nimmt er den Menschen dort die Chance auf eine selbsttragende Wirtschaft. Wir kommen also nicht umhin festzustellen: Die ganze Welt kann nicht wettbewerbsfähiger werden. Es können immer nur Einzelne auf Kosten anderer wettbewerbsfähiger sein. Aus diesem Konkurrenzdruck, aus dieser Manie der Wettbewerbsfähigkeit auszusteigen, ist gar nicht so einfach. Die Politik ist gefragt, zunächst mit verbindlichen Standards, die schlimmsten Auswirkungen einzudämmen. Wer mehr als ein Eindämmen und Verwalten dieser Krisen will, der muss jedoch über den Kapitalismus hinausdenken.

So gesehen, ist Karl Marx aktueller denn je. Die aktuellen Krisen wie der drohende Klimakollaps, der Crash der Finanzmärkte, die durch Elend und Kriege erzwungenen Fluchtbewegungen und die sozialen Verunsicherungen führen uns mit aller Nachdrücklichkeit vor Augen, dass sich Grundlegendes ändern muss.