Dresdner Arbeiterdichter

von Marcel Braumann

Meine Handy-Nummer steht im Internet und natürlich (!) ist man als Öffentlichkeitsarbeiter der größten Oppositionsfraktion des Landtags prinzipiell irgendwie immer für den Rest der Welt erreichbar. Aber, nun ja, es gibt Besucher des Parlaments, für die von den am Empfang Tätigen verzweifelt Kontaktpersonen der Fraktionen gesucht werden, weil – man nicht am Schreibtisch sitzt und darauf wartet, dass unangemeldet ausführlich ein Buch präsentiert wird.

Aber Herr Mauer bekam selbstverständlich von mir einen Termin – an einem Freitagnachmittag. Damit handelte ich mir eine einstündige Lesung von Gedichten ein (ich stehe eigentlich nicht auf Lyrik) und kaufte ihm hinterher begeistert zwei Exemplare ab. Nach Komplettierung durch eigene Lektüre sagte ich mir: Das muss wohl Arbeiterliteratur sein, brachte der „Bitterfelder Weg“ auch solches hervor?

Roland Mauer, Jahrgang 1944, schrieb die über hundert Gedichte dieses Büchleins im Laufe der Jahre. Sie sind die mehr oder weniger gereimte Reflexion des Lebens eines Arbeiters, der sich damit beschäftigt, wie sich der Kapitalismus auf die Beziehungen zwischen den Menschen auswirkt. Böse Zungen würden sagen: Das Werk ist wohl DDR-nostalgisch. Tatsächlich aber findet sich darin kein gutes Wort über irgendein System, Mauer lässt die schlichte Alltagserfahrung sogenannter einfacher Leute sprechen, die in Frieden leben, in Ruhe arbeiten und lieben wollen, ohne ständig in Konkurrenz zueinander stehen oder vor den Rendite-Ansprüchen einer Wirtschafts-Oligarchie buckeln zu müssen.

Er wendet sich auch den zeitgenössischen Folgen der Zerstörung von sozialer Infrastruktur zu: „Was ist nur mit den Dörfern los, / man hat die Seele rausgerissen, / sie sehn wie leere Schläuche aus, / traurig dies zu sehen, es ist ein Graus.“ Das thematische Spektrum reicht von der Liebe bis zum Tod. Alles kreist um den zentralen Gedanken: „Unsere Waffe / ist Verstand und Menschlichkeit, / zum Wohl / aller Menschen dieser schönen Erde.“

Am Ende obsiegt nach vielen durchschrittenen Tälern der Tränen der Optimismus, trotz allem: „Es darf nicht sein, Gemeinsamkeit, / zu menschlich für die neue Zeit, / doch die Mehrheit wird es wenden, / der Kapitalismus einmal enden.“

Denn auch wenn zwischendurch „mein liebster Freund, mein Hund“, gewürdigt wird: Dass sich in der Menschheit „die Stimme der Vernunft“ durchsetzen wird und „ein Fundament des Friedens“ wird, davon ist der Autor zutiefst überzeugt.

Roland Mauer, Habt ihr da oben kein Gewissen? Politische Lyrik. Edition Fischer, 9,90 Euro.