„Die DDR hat’s nie gegeben“

von Prof. Dr. Kurt Schneider

Als in Berlin der Palast der Republik abgerissen worden war, prangte unterhalb des Tatortes an einer Mauer entlang der Spree ein Graffito „Die DDR hat’s nie gegeben“. Es drückte aus, was so manchem Akteur der „friedlichen Revolution“ bewusst geworden war: Der Abriss des Palastes der Republik sollte den Abriss der DDR symbolisieren. Alles was an die DDR erinnerte, sollte soweit wie möglich verschwinden. Es war die Zeit, in der in Ostdeutschland nicht nur DDR-Bauten schlechthin, sondern ebenso Industriebetriebe, die für Millionen DDR-Bürger Arbeitsstätten waren, zu Ruinen wurden und zum Teil noch bis heute als solche existieren. Gelebtes Leben in und für die DDR sollte als vertane Lebenszeit begriffen werden. Mit der Parole „Nie wieder Sozialismus!“ wurde der Wiederkehr des Kapitalismus der Teppich der Geschichte ausgelegt. Das ist letztendlich auch der Grund dafür, dass seither der Kalte Krieg gegen die DDR auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung betrieben wird.

Dieser Art Geschichtsschreibung stellt Siegfried Prokop, einer der profiliertesten maoistischen DDR-Geschichtsschreiber, die These entgegen: „Interpretation der DDR-Geschichte bedarf der strikten Sachlichkeit. Wo diese verlassen wird, steht auch die Akzeptanz durch die betroffene Bevölkerung in Frage.“ Das heißt nicht, unbequemen Wahrheiten aus dem Wege zu gehen oder sie gar zu leugnen, sondern die tatsächliche geschichtliche Wahrheit des Aufbaus, der Stabilität und des Niedergangs der DDR zu benennen.

In der vorliegenden Publikation stellt Prokop 23 der von ihm verfassten Studien vor, die in den letzten zwei Jahttp://links-sachsen.de/wp-admin/media-new.phphren entstanden und noch nicht publiziert worden sind oder nur Eingang in die „graue Literatur“ fanden.

Die Studien behandeln anfangs die Haltung der Mächte der Antihitlerkoalition zur deutschen Frage als geschichtliches Problem, den Beginn des Kalten Krieges und seine Auswirkungen auf Deutschland sowie die „Oder-Neiße-Grenze“ im politischen Widerstreit. Im Folgenden beziehen sie sich auf nationale Aspekte des antifaschistisch-demokratischen und sozialistischen Aufbaus in der SBZ bzw. in der DDR, deren Gründung mit der Fragestellung „Errungenschaft oder Notlösung«“ verknüpft wird, der die zuvor erfolgte Gründung der BRD mit der griffigen Formel Konrad Adenauers „Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb!“ gegenüber stand. Dem folgen Studien, welche die Erfolge und Defizite im Ringen um eine sozialistische Alternative sowie die Parteiprogramme der SED unter dem Aspekt des Theorieverlustes zum Gegenstand haben. Im weiterem wird der 17. Juni 1953 in der DDR behandelt, dem sich Probleme der DDR-Geschichte 1955 bis 1961 und damit die äußeren und inneren Aspekte des Mauerbaus in Berlin anschließen. Mehrere Studien sind mit den Reformansätzen in der DDR, dem Drängen nach grundlegenden Reformen in den 80er Jahren und dem verspäteten Dialog im Inneren befasst sowie mit der demokratischen DDR unter Ministerpräsident Lothar de Maizière von März bis Oktober 1990 und dem Charakter der Revolution 1989. Der Band schließt inhaltlich ab mit dem versäumten Paradigmenwechsel und mit der Antwort des Autors auf die Frage: „Woran scheiterte die DDR?“

Wen die Geschichte des Landes interessiert, das knapp 41 Jahre lang existierte und für viele eine Hoffnung von einer vom Kapitalismus befreiten Welt und daher von einem Leben in Frieden und sozialer Gerechtigkeit war, aber dennoch scheiterte, dem sind die vorliegenden Studien, die zum Nachdenken anregen, empfohlen.

Siegfried Prokop: „Die DDR hat’s nie gegeben.“ Studien zur Geschichte der DDR 1945 bis 1990. edition bodoni 2017, 307 Seiten, 20 Euro. ISBN: 9783940781796