Vor 100 Jahren: Der Streik der Leipziger Arbeiter im April 1917

von Prof. Dr. Kurt Schneider

Die Auswirkungen des Kohlrübenwinters, der schreckliche Hunger und die durch den Krieg verursachte allgemeine Not hatten breiteste Teile der Bevölkerung an den Rand der Verzweiflung gebracht, als nunmehr die deutsche Regierung verkündete, am 15. April 1917 erneut die Brotration zu kürzen. Daraufhin traten vor allem in Berlin, Leipzig, Braunschweig, Hannover, Dresden, Halle und Magdeburg größere Teile der Arbeiterschaft in den Ausstand.

Der politische Charakter des Aprilstreiks, für den die Kürzung der Brotration der äußere Anlass war, kam in besonders ausgeprägter Weise in Leipzig zum Ausdruck. Flugblätter der Spartakusgruppe hatten bereits Anfang April, anknüpfend an die russische Februarrevolution, zu revolutionären Aktionen aufgefordert. Die innenpolitische Lage war derart angespannt, dass nunmehr die Gründung der USPD (6.-8. April 1917) auf beträchtliche Teile der Arbeiter mobilisierend wirkte. Vertrauensleute der USPD und der Gewerkschaften kamen am 11. April 1917 in einer Beratung im Leipziger „Kaffeebaum“ überein, gemeinsam zu einem Streik, der insbesondere die Rüstungsindustrie erfassen sollte, aufzurufen.

Am 16. April legten nach der Frühstückspause zehntausende Leipziger Arbeiter mit der Forderung „Wir wollen Brot, Freiheit, Frieden!“ die Arbeit nieder. In langen Kolonnen zogen Teile der Streikenden zum „Volkshaus“, wo – in Absprache mit dem Polizeiamt – der Metallarbeiterverband für den Nachmittag eine Streikversammlung nach dem „Brauereigarten“ in Leipzig-Stötteritz einberief. Dort erklärte dann Richard Lipinski, Vorsitzender des USPD-Bezirksvorstandes Leipzig, dass es nicht nur um die Lösung der Kohlrübenfrage gehe, sondern dass es vor allem darauf ankomme, „den Krieg zu beenden“. Mit dem Blick auf die russische Februarrevolution führte er unter großem Beifall aus: „Es gibt jetzt ein Mittel, den Krieg zu beenden. Die Arbeiter Russlands sind mit gutem Beispiel vorangegangen.“

Da die geräumige Festhalle im Brauereigarten überfüllt war und etwa 3.000 Streikende keinen Einlass gefunden hatten, fand zur selben Zeit im angrenzenden Garten eine weitere Versammlung statt, auf der Hermann Liebmann, Redakteur der LVZ und linker USPD-Funktionär, sprach. Auch er rückte in den Mittelpunkt den Kampf um den Frieden und verwies darauf, dass, während „in Russland die Flamme der Revolution leuchtet“, sich die deutschen Arbeiter noch dem Joch der Regierung beugten.

Zum Schluss wurden für den nächsten Vormittag Streikversammlungen im „Zentraltheater“, im „Volkshaus“, im „Zoologischen Garten“, in den „Westendhallen“, in der „Windmühle“ in Kleinzschocher und an weiteren Orten angekündigt. Die Polizei begrüßte das Stattfinden dieser Versammlungen, „weil so die Leute aus der Stadt gebracht und zusammengehalten werden“. Voller Befriedigung berichtete die Kreishauptmannschaft an das Ministerium des Inneren: „Demonstrationszüge, wie anfangs geplant, sind daher unterblieben.“

Der dennoch machtvolle Streik erfasste nicht nur den überwiegenden Teil der in der Rüstungsindustrie tätigen Arbeiter, sondern griff auch auf andere Erwerbszweige über, vor allem auf die Bau-, Holz-, Textil- und Kohlenindustrie. Insgesamt streikten in Leipzig am 18. April 1917 etwa 30.000 Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Leipziger Kreishauptmannschaft berichtete darüber nach Dresden: „Der Gang der Ausstandsbewegung lässt sicher darauf schließen, dass es sich weniger um die Erreichung wirtschaftlicher Ziele als vielmehr um eine politische Machtprobe der sogenannten Spartakusgruppe handelt, um die Anhänger der Mehrheitspartei an die Wand zu drücken. Das ist auch vorläufig in Leipzig gelungen.“ Und in der Tat, die Leipziger Forderungen stimmten mit wesentlichen Aussagen des Spartakusflugblattes „Der Kampf dauert fort!“ überein.

Zu Beginn der Streikbewegung war eine Deputation gewählt worden – ihr gehörten Richard Lipinski, Hermann Liebmann als Vertreter der USPD und Arthur Lieberasch vom Metallarbeiter-Verband (da er erkrankte, nahm Ernst Schäfer seinen Platz ein) an – die der Regierung in Berlin folgende Forderungen der Streikenden überbringen sollte:

  1. Ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit billigen Lebensmitteln und Kohlen.
  2. Erklärung der Regierung zur sofortigen Friedensbereitschaft unter Verzicht auf jede offene oder versteckte Annexion.
  3. Aufhebung des Belagerungszustandes und der Zensur.
  4. Sofortige Aufhebung aller Schranken des Koalitions-, Vereins- und Versammlungsrechtes.
  5. Sofortige Aufhebung des schändlichen Arbeitszwangsgesetzes.
  6. Sofortige Befreiung der wegen politischer Vergehen Inhaftierten und Verurteilten, Niederschlagung der politischen Strafverfahren.
  7. Volle staatsbürgerliche Freiheit, allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht für alle öffentlichen Körperschaften im Reich, in den Bundesstaaten und Gemeinden.

Die Deputation wurde bevollmächtigt, weitergehende Forderungen, die sich aus der Situation ergeben, zu erheben. Des Weiteren hieß es: „Zur wirksamen Vertretung der Arbeiterinteressen fordern die Versammelten alle Berufsgruppen auf, Vertreter zu entsenden, um mit Vertretern der Metallarbeiter und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei einen Arbeiterrat zu bilden.“ Vor ihrer Abreise nach Berlin wurde die Leipziger Resolution, die aller Wahrscheinlichkeit nach von Hermann Liebmann verfasst worden war, dem Reichskanzler telegrafiert.

Wie sehr die Leipziger Resolution den Herrschenden den Schreck in die Glieder fahren ließ, zeigten die Ausführungen des Generals Wilhelm Groener, Chef des Reichskriegsamtes, in der Sitzung des Hauptausschusses des Reichstages am 26. April 1917. Er betonte, dass in Berlin während des Streiks anfangs alles gut gegangen und die Arbeitsaufnahme bereits wieder beschlossen worden war. „Bis dahin hatte ich die Minderung der Produktion durchaus ruhig hingenommen, um eben einmal den Arbeitern Gelegenheit zu lassen, sich von dieser Depression zu erholen. Jetzt aber trat eine ganz scharfe Wendung in dieser Sache ein. Vom Mittwoch (18. April) traten politische Dinge in den Vordergrund … Ihnen allen ist das Leipziger Programm und das unverschämte Telegramm an den Reichskanzler bekannt. Der Inhalt ist eine ganze Reihe politischer Forderungen … vor allem aber zum Schluss Einsetzung eines Arbeiterrates nach russischem Muster … Das war toll, mehr als toll! Und diese politischen Momente sind … in die deutschen Waffen- und Munitionsfabriken übertragen worden.“

In Berlin streikten im April 1917 über 300.000 Arbeiter. In der Knorr-Bremse AG forderten die Arbeiter die Freilassung Karl Liebknechts und der in „Schutzhaft“ befindlichen Personen, die Aufhebung des Belagerungszustandes, die Beendigung des Krieges ohne Entschädigung und Eroberungen sowie ausreichende Ernährung durch Sicherstellung von Lebensmitteln. In Berlin-Charlottenburg und in der Knorr-Bremse AG wurden Arbeiterräte gewählt.

Am 20. April 1917 wurde in Leipzig eine Vereinbarung unterzeichnet, die zur Wiederaufnahme der Arbeit führte. Neben der Aufhebung der Kürzung der Brotration wurde zusätzlich ein Ei pro Woche und Person zugestanden, der Stundenlohn für Munitionsarbeiter auf 1,06 Mark angehoben und eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 52 Stunden pro Woche bei Beibehaltung der bisherigen Löhne festgelegt. Den Funktionären wurde zugesichert, in den nächsten neun Monaten nicht zum Heeresdienst einberufen zu werden. Die politischen Forderungen zu verhandeln, lehnte das Leipziger Kriegsamt ab, indem es sich als nicht zuständig erklärte.

Auch wenn es gemäßigten Führern der USPD und der Gewerkschaften gelang, den Streik auf das wirtschaftliche Gebiet einzuengen, vor allem zunächst die Bildung eines Arbeiterrates in Leipzig zu verhindern und obwohl die Verhandlungen in Berlin erfolglos waren – Schäfer bezeichnete es als Erfolg, dass die Leipziger Deputation im Reichskanzleramt überhaupt vorgelassen worden war –, zeugten doch der Verlauf der drei großen Berichtsversammlungen am 24. April im „Krystallpalast“, im „Zoologischen Garten“ und in den „Drei Linden“ davon, dass beträchtliche Teile der Leipziger Arbeiterschaft ihren Kampf um Brot mit dem um die Beendigung des Krieges verbunden hatten.