Reiche Ernte der zweiten Schicht

Nikolaus Wachsmann liefert monumentale Gesamtdarstellung der NS-Konzentrationslager aus historischer Distanz
von Wulf Skaun

KZ oder KL: Seit Bruno Apitz’ „Nackt unter Wölfen“ wähnte man alles zu wissen und zu erfühlen, was diese Akronyme ausdrücken. Wie es auch Auschwitz oder Buchenwald als Symbolnamen mit empathischer Bedeutung suggerieren. Doch existierte weder das eine noch das andere faschistische Konzentrationslager nach demselben Grundmuster. Unverändert von Anfang bis Ende blieben sie auch in ihren Funktionen, Strukturen und Methoden nicht. Harry Stein, Kustos für den Bereich Konzentrationslager Buchenwald in der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, weitete beim 22. Jour fixe im Februar den Blick der Teilnehmer nicht nur unter diesen Aspekten. Schließlich stellte er im Leipziger Domizil der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen Nikolaus Wachsmanns 1000-Seiten-Werk vor: „KL: Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“. 2016 erschienen, gilt es als unübertroffene Gesamtdarstellung zum Thema.

Jour-fixe-Moderator Manfred Neuhaus hatte Harry Stein, selbst Autor zahlreicher Publikationen zu Judenverfolgung, Widerstand und Geschichte des KZ Buchenwald, auch als einstigen Historikerkollegen an der Leipziger Karl-Marx-Universität begrüßt. So eröffnete Stein seine Ausführungen denn auch mit einer Sentenz seines renommierten akademischen Lehrers Walter Markov: In der Geschichtsschreibung komme eine zweite Schicht dazu, wenn die Turbulenzen der Ereigniszeit mit ihren hastig-subjektivistischen Zeitzeugen-Berichten selbst Geschichte seien und einer objektivierten Forschung aus historischem Abstand Platz machten. „Die Ernte der zweiten Schicht über die KL liegt nun mit Wachsmanns großartigem Werk vor.“ Stein nutzte die Gelegenheit, auch die „Saat- und Reifezeit“ dieser zweiten Schicht einer resümierenden Betrachtung zu unterziehen. Ein Jahrzehnt nach Eugen Kogons Schrift „Der SS-Staat“, einer singulären Überblicksdarstellung über die Lager, habe Walter Bartel 1957 mit einer Studentengruppe an der Karl-Marx-Universität Leipzig die ersten systematischen Ansätze zur Erforschung der Geschichte der Konzentrationslager gelegt. Publikationen begründeten rasch den wissenschaftlichen Ruf der Zeithistoriker. Hier ist nicht der Platz, die (politischen) Gründe darzustellen, warum die einschlägige Forschungslandschaft in der DDR sehr bald ausgetrocknet wurde. Neue Impulse manifestierten sich erst Mitte der 1990er Jahre in Gestalt gedruckter Bilanzprojekte. Nikolaus Wachsmanns Buch fiel insofern nicht vom Himmel. Und da die bisher geleistete Forschungsarbeit in sein Opus magnum einfloss, wohnt der Ernte der zweiten Schicht auch ihre eigene Vorgeschichte inne.

Was der Historiker und Hochschullehrer Wachsmann, 1971 in München geboren, in zehnjähriger Kärrnerarbeit in seinem Mammutwerk versammelte, trug Harry Stein in einer brillanten Mischung aus Nacherzählung, Lobpreisung und konstruktiv-kritischer Begutachtung dem staunenden Auditorium vor. Die Gesamtschau über die Lagergeschichte der Nazis sei in Inhalt und Form, in Dramaturgie und Sprache, vor allem aber in ihrer schier überbordenden Materialfülle zweifellos eine überragende Leistung. Wachsmann habe es verstanden, einen Spannungsbogen aufzubauen, der den Leser bis zur letzten Seite in Atem halte. Denn er berichte über die Entwicklung des Lagersystems, dessen Funktion und Struktur, die Mentalität der Lager-SS, die Typologie der Kapos, über Täter und Opfer, über die Solidarität unter den Häftlingen und ihre Handlungsspielräume, über die Verflechtung der Lager mit der Außenwelt stets im Perspektivwechsel von vielfältiger Dokumentenanalyse und fallbeispielhaften Zeitzeugen-Berichten. Stein schloss seine beifällige Buchvorstellung mit der Bemerkung, er teile aber die euphorischen Lobeshymnen derer nicht, die jegliche weitere Erforschung der Thematik für überflüssig hielten. Wachsmann selbst habe keineswegs beabsichtigt, einen Schlussstein zu setzen. Allein deshalb nicht, weil „KL“ wie keine Institution des Dritten Reiches Geist und Macht des Nationalsozialismus verkörperte. So wisse sich Harry Stein mit ihm einig, dass noch viele Detailfragen ihrer wissenschaftlichen Klärung harrten.

Einen eigenständigen Beitrag in diesem Sinne steuerte anschließend Patrick Pritscha bei. Der Geschäftsführer des Kommunalpolitischen Forums Sachsen e.V. stellte seine von der RLS Sachsen herausgegebene Studie „NS-Verfolgung als ,Ereignis‘ der Familiengeschichte“ vor. Interviews mit Nachkommen von Verfolgten des Naziregimes und Aussagen aus entsprechender Fachliteratur führten zu der Erkenntnis, „dass eine Tradierung von Verfolgungserfahrung bei einer Vielzahl von Angehörigen der Kinder- und Enkelgeneration anzutreffen ist und signifikante Spuren in deren Lebenswelten hinterließ“. Pritscha konstatierte dabei deutliche Unterschiede zwischen Ost und West im Umgang mit der NS-Vergangenheit. Eine der Ursachen für diesen Antagonismus sah er in der Selbstlegitimation der DDR als „antifaschistischer Staat“ begründet. Doch bedürfe es weiterer Forschung über die Nachwirkungen der NS-Zeit in ein und demselben Land.