Messen mit zweierlei Maß beim Thema Doping

von André Hahn

Am 27. April 2017 nahm sich der Sportausschuss des Bundestages gleich vier Stunden Zeit, um in einer öffentlichen Anhörung den McLaren-Report zum Doping in Russland mit prominenten Gästen zu diskutieren. Sonst tagt der Ausschuss fast durchgängig hinter verschlossenen Türen. Ziel der Koalition war es ganz offenkundig, den russischen Sport, seine Repräsentanten und letztlich auch die Athletinnen und Athleten in aller Öffentlichkeit quasi an den Pranger zu stellen. Vor fremden Haustüren lässt es sich halt einfacher kehren als vor der eigenen.

Ein vergleichbares Engagement gab es bisher lediglich bei der Delegitimierung des Spitzensports in der DDR – die zum Teil irrationale Debatte um die Aufnahme von Täve Schur in die Hall of Fame des deutschen Sports ist dafür beredtes Beispiel. Man muss nicht all seine Positionen teilen, aber ich finde: Wenn es jemand als Athlet und als Mensch verdient hat, in die so genannte Ruhmeshalle des Sports aufgenommen zu werden, dann ist das Täve Schur. Ich finde es einfach schäbig, dass dieser Vorschlag von ganz überwiegend westdeutschen Juroren erneut abgelehnt worden ist.

Für mich bleibt unstrittig, dass Sportlerinnen und Sportler sowie deren Trainer, Ärzte und Funktionäre – egal aus welchem Land – bei nachgewiesenen Dopingvergehen ohne Ansehen der Person bestraft und gesperrt werden müssen. Ich bin aber entschieden dagegen, Unschuldige in Kollektivhaftung zu nehmen und diese Dopingverstöße zu nutzen, um bestimmte Nationen politisch zu diskreditieren und sich dadurch ganz nebenbei auch noch sportlicher Konkurrenz zu entledigen.

Hinter den weltweiten Dopingskandalen stecken ganze Netzwerke aus Politik, dem organisierten Sport, der Medizin und der Geschäftswelt. Mittendrin stehen die Athletinnen und Athleten. Dies gilt für das flächendeckende Doping in Russland in der jüngsten Zeit – die im McLaren-Bericht enthaltenden Vorwürfe sind schwerwiegend; hier gibt es nichts zu beschönigen – ebenso wie für die unterschiedlichen Dopingsysteme im Kalten Krieg. Die strukturellen Verquickungen, das damit verbundene Schweigen und nicht zuletzt die grenzenlose Jagd nach Medaillen, egal ob aus politischen oder eher finanziellen Erwägungen, waren damals wie heute dafür verantwortlich, dass zumindest fahrlässig, in vielen Fällen ausgesprochen verantwortungslos mit der Gesundheit von Sportlerinnen und Sportlern und den Werten des Sports umgegangen wurde.

Um dies künftig auszuschließen, bedarf es eines unbedingten Willens zur Aufklärung. Zwar wurde für die letzte Ausschusssitzung dieser Wahlperiode am 28. Juni das Thema „Doping in Westdeutschland“ nach wiederholtem Drängen der LINKEN endlich auf die Tagesordnung gesetzt, aber die Debatte darüber soll dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Das ohnehin schon vorhandene Glaubwürdigkeitsproblem der deutschen Sportpolitik wird dadurch eher noch verschärft. Und eine Frage drängt sich auf: Geht es wirklich immer um einen sauberen Sport oder oft nicht doch eher um politische Grabenkämpfe?

Als Sportpolitiker ist es mein vordringlichstes Ziel, Athletinnen und Athleten vor schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden zu bewahren und für die Olympische Idee sowie fairen sportlichen Wettstreit einzutreten. Das sollte bei allen Debatten im Mittelpunkt stehen. Dazu gehört auch die Aufarbeitung der (Sport-)Geschichte in Ost und West – fair, ehrlich und unvoreingenommen. Davon sind wir derzeit leider noch weit entfernt.