Lasst uns der Pulse of Europe sein!

von Simone Hock

Brexit, Marine Le Pen, nationalistische Regierungen in Polen und Ungarn und erstarkender Nationalismus in vielen europäischen Ländern – so schaut es aktuell in der Europäischen Union aus. Es scheint als würden die Menschen in den Mitgliedstaaten dieser EU nicht viel Positives abgewinnen können. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Denn während auf der einen Seite die nationalistischen Kräfte erstarken, formiert sich mit der Bürgerinitiative Pulse of Europe eine Bewegung, die jeden Sonntag um 14 Uhr in rund 100 Städten ein Zeichen für die EU setzt, und es kommen stetig neue dazu. Reinhard Bütikofer, Europaabgeordneter der GRÜNEN, der erst kürzlich zu einer öffentlichen Bürgersprechstunde in Zwickau weilte, sagte sinngemäß: Mit dem Erstarken der Rechts- und Nationalpopulisten scheinen immer mehr Menschen den Wert der Europäischen Union zu erkennen, der zu einem großen Teil darin besteht, dass wir seit über 70 Jahren Frieden haben. Denn nur wer miteinander agiert und gemeinsam nach Lösungen sucht und diese erarbeitet, ist in der Lage, Konflikte friedlich zu lösen. In diesem Miteinander liege der große Wert der Europäischen Union.

Ich musste unweigerlich an meine Großeltern denken, die – 1904 und 1905 geboren – zwei Weltkriege und vier Staatsformen erlebten. Ich erinnerte mich an ihre Erzählungen, dass Brüder im ersten Weltkrieg blieben, wie Opa und der älteste Sohn, mein Onkel, noch mit 17 eingezogen wurde, und wie sie versuchten, irgendwie nach Hause zu kommen; wie Oma und die Kinder stoppeln gingen, um die Not ein wenig zu lindern. Mein Großvater konnte nie über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg reden, auf Fragen folgte immer ein lautes Schweigen. Doch eines haben sie mir eindrucksvoll mit auf den Weg gegeben: alles zu tun, damit künftigen Generationen das Leid des Krieges erspart bleibt. Vielleicht ist das ein Grund, warum ich jetzt im Orga-Team von Pulse of Europe in Zwickau dabei bin. Denn es gibt auch zahlreiche kritische Stimmen zu Pulse of Europe. Die Initiative würde die EU verherrlichen, die Fehler und Probleme nicht sehen und vieles mehr. Das erlebe ich anders. Sehr deutlich wurde auf den bisherigen Zwickauer Veranstaltungen gesagt, dass es eine ganze Menge zu verbessern gilt – Stichworte einheitliches Steuersystem und einheitliches Sozialsystem, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es gibt viel zu tun, um unsere Europäische Union lebenswerter und gerechter und für die Menschen begreifbarer und erlebbarer zu machen. Doch kann man nur verbessern und weiterentwickeln, was vorhanden ist. Bricht die EU auseinander, gibt es nichts mehr zu verbessern. Dann kämpft jedes Mitgliedsland wieder für sich allein, streitet für seine Interessen. Freund und Feind werden dann zu veränderlichen Größen. Dass es anders gehen kann, beweist die EU seit über 70 Jahren, und es ist an uns, sie weiter zu verändern, zu verbessern, sie zu einem lebens- und liebenswerten Raum in Europa zu gestalten, in dem wir alle uns zu Hause fühlen.

Zum ersten Pulse of Europe in Zwickau am 9. April erinnerte Wolfgang Wetzel, Mitglied des Zwickauer Orga-Teams, an die Rede des Staatspräsidenten der Tschechischen Republik am 8. März 1994 vor dem Europäischen Parlament in Straßburg. Darin heißt es unter anderem: „… Deswegen scheint mir, dass die wichtigste Anforderung, vor welcher die Europäische Union sich heute gestellt sieht, in einer neuen und unmissverständlich klaren Selbstreflexion dessen besteht, was man europäische Identität nennen könnte, in einer neuen und wirklich klaren Artikulation europäischer Verantwortlichkeit in verstärktem Interesse an einer eigentlichen Sinngebung der europäischen Integration und aller ihrer weiteren Zusammenhänge in der Welt von heute, und in der Wiedergewinnung ihres Ethos oder – wenn Sie so wollen – ihres Charismas. (…) Begrüßen würde ich zum Beispiel, wenn die Europäische Union eine eigene Charta verabschiedete, die klar die Ideen zu definieren hätte, auf denen sie beruht, den Sinn, den sie hat, und die Werte, die sie zu verkörpern trachtet … Wenn die Einwohner Europas begreifen lernen, dass es sich hier nicht um ein bürokratisches Monstrum handelt, das ihre Eigenständigkeit einschränken oder gar leugnen möchte, sondern lediglich um einen neuen Typus menschlicher Gemeinschaft, der ihre Freiheit vielmehr wesentlich erweitert, dann braucht der Europäischen Union um ihre Zukunft nicht bange sein…“

Es gibt sie, die Charta der Europäischen Identität, beschlossen in Lübeck am 28. Oktober 1995. Doch seien wir ehrlich: Wer kennt sie? Wer weiß überhaupt von ihrer Existenz? Die Charta enthält sechs Punkte:

I. Europa als Schicksalsgemeinschaft
II. Europa als Wertegemeinschaft
III. Europa als Lebensgemeinschaft
IV. Europa als Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft – Wirtschaft, Soziales, Umwelt
V. Europa als Verantwortungsgemeinschaft
VI. Europa auf dem Weg zu einer Europäischen Identität

All das gilt es mit Leben zu füllen. Gelingen kann das jedoch nur, wenn wir zunächst die Europäische Union, unsere Demokratie und unsere Wertegemeinschaft gegen alle rechts- und nationalpopulistischen Bestrebungen verteidigen. Deshalb bin ich dabei und halte es für wichtig, dass sich jeder einzelne mit seinen Lebenserfahrungen einbringt und den Puls Europas weiter, lauter und kräftiger schlagen lässt. Der Puls entspricht dem Herzschlag des Menschen – also lasst uns der Puls, der Herzschlag Europas sein!