Gottesstaat

von Tilman Loos

Arte. In einem kurzen Bericht wird gezeigt, wie der türkische Präsident den Tag seines gewonnen Referendums als Feiertag schützen lässt – mit strengen Auflagen. Disco und Tanz zu westlicher Musik werden untersagt, ebenso Sportveranstaltungen. Der Tag solle schließlich respektvoll begangen werden, weltliches Vergnügen gehört nicht dazu. Filme, die an diesem Tag gezeigt werden, müssen vorher vom zuständigen Ministerium freigegeben werden. Aufschrei im Westen. Gottesstaat, der „Irre vom Bosporus“ hat wieder zugeschlagen, heißt es auf Facebook.

Blöd nur: Den Bericht gab es nicht, es hätte ihn aber geben können: Als kurze Reportage über den Freistaat Bayern. Oder eben den Freistaat Sachsen. Denn auch hier gibt es das bekannte Tanzverbot, das strenggenommen auch andere „öffentliche Vergnügungen“ und „öffentliche Sportveranstaltungen“ untersagt. Aus dem sächsischen Innenministerium hieß es gar: „Alle Veranstaltungen sind verboten, wenn sie nicht der Würdigung dieses Feiertages dienen“. Voll in Ordnung, findet das Bistum Dresden-Meißen der katholischen Kirche, denn „die Gesellschaft zolle durch den Verzicht auf öffentliche Tanzveranstaltungen der christlichen Tradition und allen Gläubigen Respekt“. Worin genau jetzt das „Respektzollen“ bestehen soll, wenn man gezwungenermaßen eine mit Bußgeld belegte und verbotene Handlung nicht begeht, hinterlässt einen seltsamen Respekt-Begriff. Vielleicht lässt sich das Bistum ja aber auf einen Tauschhandel ein. Aus „Respekt vor der atheistischen Tradition“ Ostdeutschlands, der Wissenschaft und dem ersten Linken Ministerpräsidenten werden künftig an je einem Tag im Jahr Kirchengebimmel, Homöopathie und die CDU verboten.