„Du hattest so gar nichts von einer ,großen Wissenschaftlerin‘ an Dir und bist es doch gewesen“

von M. N.

Mit einer anrührenden Hommage würdigten Stiftungsvorstand Peter Porsch, Freunde und Schüler am 1. April Werk und Wirken der am 9. Februar verstorbenen Leipziger Historikerin und aufrechten Sozialistin Jutta Seidel. Als gelernte Stenotypistin, Tochter eines Zimmermanns und einer Buchbindereiarbeiterin aus dem Leipziger Osten, gehörte sie zu jener legendären ABF-Absolventen-Generation, die ihre akademischen Sporen als erste in der Sowjetunion erwarben. Sechs Jahre nach dem Ende des mörderischsten Krieges, den Deutsche ihren russischen Nachbarn aufgezwungen hatten, war es eine bis dahin unvorstellbare Geste, als die Sowjetunion 1951 junge Ostdeutsche zum Studium einlud. Jutta Seidel sah die riesigen Soldatenfriedhöfe, roch verbrannte Erde, erlebte zerstörte Landschaften und Städte und lernte ihre akademischen Lehrer und Kommilitonen als großherzige Menschen kennen.

Das glanzvoll beendete Studium öffnete den Weg für eine nicht alltägliche akademische Karriere an jener Hohen Schule, für die der bärtige Welterklärer aus Trier gerade zum Namenspatron auserkoren war, der Alma mater lipsiensis. Jutta Seidel war eine moderne, emanzipierte Frau. Ohne darüber große Worte zu verlieren, strebte sie jenseits des Familienalltags nach beruflicher Selbstverwirklichung als Wissenschaftlerin. Der Titelheld ihrer Doktordissertation, Wilhelm Bracke, war ein charismatischer, leider früh von der Schwindsucht dahin geraffter Kaufmannssohn aus Braunschweig, ein Multitalent der frühen sozialdemokratischen Bewegung, neben August Bebel einer der ersten Arbeitervertreter im Deutschen Reichstag, befreundeter Korrespondenzpartner von Marx, Adressat der vielgerühmten und oft nur ungenau gelesenen Gothaer Programmkritik. Jutta Seidels feinsinnige historisch-biographische Studie erlebte mehrere Auflagen und wurde sogar ins Chinesische übersetzt – welch ein Erfolg. Wie hätten sich andere, von ihrer Bedeutungsgewissheit trunkene Zeitgenossen damit geschmückt! Sehr trefflich formulierte deshalb Juttas Freundin Ursula Wittich: „Du hattest so gar nichts von einer ,großen Wissenschaftlerin‘ an Dir und bist es doch gewesen.“

Jutta Seidel war eine leidenschaftliche Forscherin. Gefeit vor der Gunst des Augenblicks und beflügelt durch die Bekanntschaft und spätere Freundschaft mit Gelehrten wie Walter Markov und Manfred Kossok hat sie frühzeitig ein eigenes Forschungsprogramm entfaltet und mit Fortune verwirklicht. Dessen Originalität und historische Tragweite tritt im Lichte der europäischen Integration, ihrer Errungenschaften wie Gefährdungen, prägnant hervor. Die Forschungsergebnisse von Jutta Seidel, ihrer Schülerinnen und Schüler dokumentieren das filigrane Netzwerk, die Infrastruktur der sozialdemokratischen Emanzipationsbewegungen und vermitteln erstaunliche historische Einsichten für ein gutnachbarliches Miteinander in Europa.

Ihr herausragendes wissenschaftliches Werk schuf die leidenschaftliche Hochschullehrerin als Mutter zweier Kinder und Ehefrau eines Philosophen, dessen kühne Ideen immer wieder Diskurspolizisten auf den Plan riefen. Es ist unmöglich über Jutta Seidel zu schreiben, ohne an Helmut Seidel zu denken. Es war die Liebe ihres Lebens, der Mann, mit dem sie sechs Jahrzehnte Freud und Leid geteilt hat. Und er war es, der wie wohl kein anderer den Anspruch und das geistige Klima der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen geprägt hat. Es ist bewunderungswürdig, was Jutta Seidel geleistet hat, um den literarischen Nachlass eines der bedeutendsten philosophischen Denker der DDR für die Nachwelt zu bewahren.

Seit frühen Jugendjahren politisch organisiert, haben sie sich Helmut und Jutta Seidel bis an ihr Lebensende als Mitglieder in der Partei DIE LINKE engagiert. Ihre Weisheit, Güte und Freundlichkeit waren der Maßstab für ein generationenübergreifendes solidarisches Miteinander.