Als Täve Wurzener Mekorna schluckte

Besuch beim größten Sportidol der DDR Gustav-Adolf Schur
von Wulf Skaun

Als Junge, Jahrgang 1945, hing ich am Radio, wenn die Friedensfahrtfanfare ertönte und der großartige Täve unsere Herzen höherschlagen ließ. Jahrzehnte später stieß ich als Zeitungsredakteur in Wurzen auch hier auf seine Spuren. Als Ruheständler machte ich mich auf, den Helden meiner Kindheit persönlich kennenzulernen. Das war 2014, und ich erinnere mich mit Freude an einen warmherzigen Menschen, dem politisches Kalkül gerade wieder einmal die Ehre abschneiden will. In meinem Buch „Lauter Leben“ habe ich den Besuch im Hause Schur festgehalten.

Heyrothsberge, Am Fuchsberg 39. Täve erwartet uns schon an der Haustür. Im Wohnzimmer hat seine Frau Renate den Kaffeetisch gedeckt. „Sagen wir Du?“, fragt der Hausherr meinen Sohn und mich und bittet uns zuzugreifen. Wir lassen uns den Bienenstich, seinen Lieblingskuchen, schmecken und plauschen, als wären wir gute alte Bekannte.

Über Gustav-Adolf Schur, den populärsten Sportler der DDR, sind diverse Bücher und Artikel erschienen. In ihnen sind alle wesentlichen Facetten seines erfolgreichen Sportlerlebens als Straßenradrennfahrer, seines unermüdlichen gesellschaftlichen Engagements als konsequent Linker und seines privaten Alltags dargestellt. Zeitgenossen wie Nachgeborene kennen ihn als „Täve“. Ein einmaliges Phänomen. Jetzt, bei unserem Gespräch, das der Mittachtziger mit ansteckendem Lachen und vielen Anekdoten würzt, finden wir alles das bestätigt, das ihm Achtung, Verehrung, ja Liebe der Menschen einträgt. Trotz aller Erfolge ist Gustav-Adolf Schur der „Kumpel von nebenan“ geblieben: bodenständig, bescheiden, ehrlich, geradlinig. Und jung im Geiste. Einer mit Standpunkt und Courage. „Lasst mal ab“, sagt Täve. „Ich habe viel von den Menschen bekommen, nun versuche ich, etwas zurückzugeben. Das empfinde ich als meine Ehrenpflicht!“ Wir kommen auf unser Kernthema. „Wurzen, ach du liebe Zeit“. Täve kennt seinen Ringelnatz. Bei ihm scheint die Erinnerung an die Muldestadt durch den Magen zu gehen. „Wenn ich an Wurzen denke, denke ich zuerst an Mekorna. Mehrkornnahrung aus dem Albert-Kuntz-Kombinat, Pulver, das unsere Trainer mit Wasser in unseren Trinkflaschen verrührten. Ein vitaminreiches Stärkungsmittel, dazu lecker.“ Sicher hat der doppelte Weltmeister und Friedenfahrtsieger sich auch an Mekorna gelabt, als er zwischen 1959 und 1961 mehrfach über Wurzener Pflaster bretterte. „Ich erinnere mich gern an die enthusiastischen Zuschauer, die uns zum 10. Jahrestag der DDR und während der 1000-Jahr-Feier Wurzens 1961 zujubelten.“ Nach seiner aktiven Laufbahn hatte ihn der Wurzener Club zu zweit 1971 als Volkskammerabgeordneten in den Schweizergarten eingeladen. In einer Spielrunde strampelte der frühere „Gigant der Landstraße“ mit Schlips und Kragen auf einem Spaßmobil. „Die Leute waren aus dem Häuschen.“ Das waren die Mädchen und Jungen auch, die ihr großes Vorbild 2009 bei der Kleinen Friedensfahrt im benachbarten Bennewitz begrüßten. „Solche Aktionen kann man nicht genug fördern“, betont der langjährige Sportfunktionär, Ehrenpräsident des Landessportbundes Sachsen-Anhalt und bis 2013 Vorsitzender des Kuratoriums „Friedensfahrt Course de la Paix“. Wie als sportpolitischer Sprecher der damaligen PDS-Fraktion im Bundestag von 1998-2002 wird Schur auch bei seinen aktuellen Vorträgen nicht müde, seine Stimme für den Breitensport und mehr Unterrichtsstunden im Schulsport zu erheben.

Täve blättert während des Gesprächs in unserem Geschenk, der „Zeitreise“. In der Chronik zum 1050-jährigen Jubiläum der Stadt Wurzen 2011 findet er auch seinen Namen. „Jetzt im Alter versuche ich, mir mehr Zeit fürs Lesen freizuschaufeln. Mich interessieren Schriften, die die Verantwortung der Menschen für eine gerechte Welt anmahnen, aber auch das Leben in dichterischen Worten preisen.“ Wie zum Beweis hält er Bücher von Jean Ziegler und Gisela Steineckert hoch. Die Radsportlegende kommt auf die Kleine Friedensfahrt in Bennewitz zurück. „Die Idee der völkerverbindenden Tour lebt. Und damit die Erinnerung an das weltgrößte und bedeutendste Etappenrennen der Amateure nicht erlischt, betreiben wir in Kleinmühlingen das einzige Friedensfahrtmuseum der Welt.“ Täve strafft sich. Der Oldie, sonntags mit seinem Freund Wolfgang Lichtenberg per Rad stramme 60 Kilometer unterwegs, ist fit wie ein Turnschuh. „Das macht die Bewegung“, lacht er, „und gesunde Ernährung. Ich will doch 100 werden.“ Wir wünschen es ihm.