„Wir müssen noch mehr ausschwärmen“

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e. V. (RLS) hielt am 18. März ihre ordentliche Mitgliederversammlung ab. Ihr Vorsitzender Prof. Dr. Peter Porsch erstattete den Bericht des Vorstands. Im Gespräch mit Wulf Skaun bilanziert er die Vereinsarbeit, benennt Aufgaben und Probleme, skizziert mögliche Lösungswege.

Mit welcher Motivation haben Sie als Ex-Spitzenpolitiker der LINKEN 2014 den Vorsitz übernommen?
Als Vereinsmitglied seit Gründung 1991 habe ich Status und Zwecke der RLS mitbestimmt. Das Modell der Stiftung bot die Chance, das wissenschaftliche Potenzial emeritierter, abgewickelter und aktiver Universitätsgelehrter für eine linksdemokratische politische Bildungsarbeit zu nutzen. Der Vorsitz hat mich gereizt, um linke Politik operativer zu verhandeln, mehr Jüngere für die Stiftung zu interessieren, ein generationenübergreifendes Miteinander zu befördern und daraus erwachsende Widersprüche für eine dauerhaft progressive Entwicklung produktiv zu machen. Dazu brauchte es m. E. neben den traditionellen auch neue Veranstaltungsformate und -orte außerhalb der Geschäftsstellen sowie neue Kooperationspartner. Meine Zielformel hieß und heißt: Wir müssen noch stärker ausschwärmen.

Was konnte auf diesem Weg in punkto Verjüngung erreicht werden?
Ich konnte den Mitgliedern am 18. März berichten, dass wir nicht nur eine gefühlte Verjüngung erleben. Die Statistik beweist, dass unser Mitgliederanteil unter 30 Jahren 2015/2016 von 27 auf 42 Prozent gestiegen ist. Das ist freilich der Durchschnittswert. Nicht überall erreichen wir schon junge Leute in größerer Zahl oder entdecken sie unsere Angebote. In ländlichen Gebieten bremsen uns oft banale Probleme wie fehlende Verkehrsanbindungen aus. Da müssen wir noch Wege finden.

Und wie wirken die Älteren mit den jungen Mitgliedern zusammen?
Hier sehe ich noch größere Reserven. Ein Positivbeispiel sind unsere gemeinsamen Buchenwaldfahrten. In der Mehrzahl ihrer Aktivitäten aber bleiben die Generationen weitgehend unter sich. Ich beobachte, dass sie sich gegenseitig nicht so furchtbar interessant finden. Das hat sicher auch mit der Art und Weise zu tun, wie Stiftungsarbeit verstanden und realisiert wird. Während sich viele der reifen Generation traditionsgemäß in hauseigenen Foren und Seminaren wohlfühlen, bevorzugt die Kinder- und Enkelgeneration eher praktische Aktionen außerhalb, bei jenen, die sich für unsere Kultur- und Bildungsangebote interessieren oder uns gezielt um unsere, mitunter auch finanziell grundierte, Unterstützung bitten.

Gibt es für solche Aktivitäten überzeugende Beispiele?
Reihenweise. Aus Platzgründen greife ich hier unsere Europawoche 2016 in Leipzig heraus. Da kamen erfreulich viele Jugendliche. Kulturelle, künstlerische, literarische und andere praktische Aktionen, in die die Gäste oft einbezogen wurden, zeugten von politischer Haltung für ein friedliches, demokratisches gemeinsames Haus Europa. Unsere Außenwirkung hängt also maßgeblich von unserem „Ausschwärmen“ ab. Sie könnte potenziert werden, gelänge es, ältere Stiftungsmitglieder zu gewinnen, ihre Erfahrungen und Erkenntnisse gemeinsam mit den Jüngeren vor Ort einzubringen.

Die RLS ist für ihre Zusammenarbeit mit anderen Stiftungen, Vereinen, Initiativen, organisierten und losen Gruppierungen bekannt. Wie beurteilen Sie die Qualität der Kooperationsbeziehungen?
Bei allem, was wir tun, gibt es Luft nach oben. So auch hier. Kooperation mit verschiedenen Partnern ist eine eigenständige Form des „Ausschwärmens“. Von 215 RLS-organisierten Veranstaltungen im Jahre 2016 gingen 141 in Kooperation über die Bühne. Unsere Partner waren unter anderen der DGB Sachsen, die Volkshochschule Chemnitz, der VVN/BdA, globalE e.V., die Autodidaktische Initiative, die Hans- und Lea-Grundig-Stiftung, riesa efau, LinXXnet e.V., KLINKE e.V. Chemnitz, Alte Schule e.V. Cunnersdorf, die Gruppe Marx-Expedition und AZ Conni Dresden. Unser Interesse besteht darin, linke politische Bildung zu vermitteln. Wir werden diese Seite unserer Tätigkeit weiter ausbauen. Grenzen sehe ich nur dort, wo der linke Pluralismus an seine Grenzen stößt.

Diese Grenzen zu erkennen und zum Maßstab kooperativer Aktivitäten zu machen, scheint Ihnen besonders wichtig zu sein?
Das kann ich uneingeschränkt bestätigen. In den Grenzen eines linken Pluralismus zu bleiben, ist aber für mich ein über Kooperationen hinaus weisender Imperativ politischer Auseinandersetzung. Ich möchte die traditionelle Kultur- und Bildungsarbeit der RLS, die zu Recht hohe Anerkennung genießt, noch stärker auf eine fundierte politische Analyse und Aneignung aktueller Ereignisse und Vorgänge des nationalen und internationalen Geschehens ausdehnen. Und so noch intensiver in die Gesellschaft wirken. Immer wieder erlebe ich, wie die junge Generation an historischen, philosophischen, politiktheoretischen Antworten auf Hintergründe, Ursachen und Folgen der komplizierten, komplexen, von unterschiedlichen Interessen bestimmten politischen Strategien und Taktiken interessiert ist. Auf diesem Feld können und müssen wir mehr leisten und dabei jeglichen Auffassungen jenseits eines linken Pluralismus entgegentreten. Demokratiefeindliche, unsoziale, nationalistische, rassistische und andere gegen das Selbstverständnis unserer Stiftung gerichtete Denk- und Verhaltensweisen haben bei uns keinen Platz. Unsere jüngeren Mitglieder und über sie deren Praxispartner gegen solcherart ideologisches Gift immun zu machen, bleibt eine ständige Herausforderung an uns. Dass die Älteren mit ihren theoretischen Erkenntnissen linken Denkens und vielfältigen Erfahrungen in der real-politischen Auseinandersetzung hier besonders gefragt sind, versteht sich.

In die Gesellschaft zu wirken, von sich im Wortsinne reden zu machen, kommt der Öffentlichkeitsarbeit der RLS hohe Bedeutung zu …
Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Ja, uns sind hier Grenzen gesetzt. Öffentlichkeitsarbeit kostet richtig Geld. Die uns als Stiftung zugewiesenen staatlichen Finanzmittel und Spenden aus den eigenen Reihen reichen nicht, alle unsere massenmedialen Sprachrohre am Leben zu erhalten, wie sich am unersetzlichen Verlust von „Leipzigs Neue“ zeigt. So bleibt uns die „Links!“, die auch im Internet zu lesen ist. Die digitalen Möglichkeiten nutzen wir natürlich auch. Eigene Internet-Auftritte, Newsletter, Facebook-Seiten und andere Info-Mittel werden naturgemäß vor allem von der Jugend genutzt. Viele der Älteren sind jedoch von diesen Kanälen ausgeschlossen. Das betrifft RLS-Mitglieder wie die interessierte Öffentlichkeit gleichermaßen.

Wissenschaftliche Publikationen der RLS in Buch- oder Broschur-Ausgaben haben nicht nur in der Fachwelt einen guten Ruf. Welche Neuerscheinungen mehren ihn?
Die jüngsten, 2016 von uns herausgegebenen Schriften stammen von den Autoren Gerhard Hoffmann zum Thema Orient und Okzident, von Manfred Neuhaus und Peter Porsch zum Wirken des Literaturwissenschaftlers Roland Opitz und von Patrick Pritscha zur NS-Verfolgung aus der Sicht betroffener Familien. Dieter Janke und Jürgen Leibiger gaben gemeinsam mit dem VSA-Verlag eine Flugschrift zur digitalen Revolution heraus. Für 2017/2018 berät der Wissenschaftliche Beirat der RLS unter Vorsitz von Prof. Dr. Manfred Neuhaus über weitere Editionsvorhaben. Wir werden also unsere „papiernen“ Wortmeldungen für eine größere Öffentlichkeit fortsetzen.

Die insgesamt freundliche Bilanz, die Sie ziehen konnten, ist vor allem das gemeinschaftliche Verdienst etlicher Ehrenamtlicher, die eher selten im Rampenlicht stehen. Wen möchten Sie stellvertretend für alle „Stiftungsaktivisten“ und ihr engagiertes Wirken würdigen?
Ich bedanke mich bei allen freiwilligen Helfern von ganzem Herzen. Stellvertretend nenne ich Boris Krumnow für seine erfolgreiche Projektarbeit mit den jungen Leuten. Dieter Janke für seine betriebswirtschaftliche Betreuung unserer Stiftung. Und die Bibliotheks-Verantwortlichen Andy Urban (Leipzig), Wilfried Trompelt (Dresden), Sonja Naphtalie (Chemnitz). Ohne funktionierende Geschäftsstellen sind vielfältige organisatorische und verwaltungstechnische Aufgaben aber nicht zu erfüllen. Daher möchte ich gern auch Geschäftsführerin Stefanie Götze (Leipzig) und die Filialleiter Susanne Scholz-Karas (Dresden) und Mike Melzer (Chemnitz) belobigen. Dank gilt auch Schatzmeister Dr. Bernd Juhran.

Werden Sie 2018 noch einmal für den Vorstandsvorsitz kandidieren?
Ich bin ja nicht mehr der Jüngste. Die Jungen müssen die Chance haben, ihre eigenen Vorstellungen zu realisieren. Meine Hilfe ist versprochen. Ich werde meine Entscheidung rechtzeitig und einvernehmlich fällen.