Streitbare Stimme der marxistischen Linken

von Wulf Skaun

Sie kommt als Z. daher. Z. in signal-rot. Sinnfällig, denn der vollständige Titel lautet: ZEITSCHRIFT MARXISTISCHE ERNEUERUNG. Sein trutziges, wie in Stein gemeißeltes Versaliendesign mag auf den ersten Blick an neuem, flexiblen linken Denken zweifeln lassen. Doch der zweite Blick, in die Texte hinein, zerstreut alle Bedenken: Die Z. erweist sich von A?Z als pluralistisches linksdemokratisches Diskussions- und Publikationsorgan. Partei- und organisationspolitisch ungebunden, ist sie ein freies Forum jenseits jedweder oberinstanzlichen Deutungshoheit. Das ist ihr Markenzeichen, wie sie sich ebenso, ihrer Namensgebung getreu, als eine ehrliche und streitbare Stimme der marxistischen Linken in Deutschland versteht. Für an der Z. Interessierte dürfte noch von Belang sein, dass die seit Herbst 1989 in Frankfurt am Main herausgegebene Publikation eine publizistische Reaktion auf den Exodus des Realsozialismus in der DDR ist, die Defizite und Fehler der Vergangenheit und Gegenwart in Theorie und Praxis aufzudecken und anzugehen. Dass sie den Prozess theoretischer Selbstverständigung mit kapitalismuskritischer Analyse der heutigen Gesellschaft verbindet und in der emanzipatorischen und kritischen Tradition von Marx, Engels und ihren Nachfolgern steht. In diesem Sinne fühlt sich Z. auch der Partei DIE LINKE und der Rosa-Luxemburg-Stiftung nahe.

Z. erscheint als Vierteljahresschrift seit 1990. Ihr Umfang liegt bei 200 bis 250 Seiten. Die März-Ausgabe 2017, auf die hier aufmerksam gemacht werden soll, firmiert als Z. 109. Das Editorial verheißt den thematischen Schwerpunkt des Heftes: 100 Jahre russische Doppelrevolution vom Februar und Oktober 1917. In sechs Beiträgen loten ausgewiesene Politikwissenschaftler, Historiker und Philosophen die Frage nach der Opportunität dieses historischen Ereignisses für die politischen und sozialen Auseinandersetzungen der Gegenwart aus. Frank Deppe resümiert die 1917er Ereignisse in Russland und diskutiert vor diesem Hintergrund revolutionstheoretische Aspekte, darunter jene von Räteherrschaft und Parlamentarismus. Entwicklung und Zusammenbruch des durch die Oktoberrevolution entstandenen Staates interpretiert er im Kontext der globalen Gegenrevolution. Stefan Bollinger betrachtet die Entwicklungsetappen von der Februarrevolution bis zur neuen Ökonomischen Politik 1921 und Gründung der UdSSR 1922 als Abfolge mehrerer revolutionärer Schritte. Wladislaw Hedeler ruft die Geschichte des kurzlebigen russischen Mehrparteiensystems in Erinnerung, das die Februarrevolution gebar und der bewaffnete Aufstand im Oktober 1917 beerdigte. André Tosel beschäftigt sich mit Antonio Gramscis Sicht in den Jahren 1917?1926 auf den Oktoberaufstand als „Revolution gegen das (Marx’sche) Kapital“. In den Disputen nach ihrem Sieg und dem Scheitern des „deutschen Oktober“ 1923 plädierte er gegen sektiererische Verengungen nach dem Muster „Klasse gegen Klasse“ und für den Kampf um die Einheitsfront aller „Subalternen“. Ulla Plener zeichnet die Kontroverse um Nation und nationale Frage zwischen Rosa Luxemburg („national-kulturelle Autonomie“) und Lenin („Selbstbestimmungsrecht der Nationen“) nach. Schließlich skizziert Gerhard Engel die revolutionäre Arbeiter- und Matrosenbewegung Bremens an der Jahreswende 1918/1919 als Mikrokosmos der allgemeinen Bewegung.

Der beachtliche Umfang der Zeitschrift garantiert dem Leser ein breit gefächertes Angebot linksdemokratischen, marxistischen Denkens. Hier sei noch auf einige tragende Beiträge verwiesen. Werner Goldschmidt bespricht in der Rubrik Postkapitalismus gegensätzliche Auffassungen der „autonomen Marxisten“ Robert Kurz und Karl-Heinz Roth. Und Jörg Roesler blickt auf Ulbrichts Versuch einer sozialistischen Marktwirtschaft zurück. Die kapitalismuskritische Analyse widmet sich dem unsozialen Bauboom (Bernd Belina) und einer aktualisierten Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus (Günter Bell). Schließlich: Lothar Peter unterzieht die derzeit vieldiskutierte Autobiografie des französischen Soziologen Didier Eribon „Rückkehr nach Reims“ einer differenzierten Kritik.

Viel Interessantes bieten auch die Spalten Berichte und Buchbesprechungen. Sie informieren über internationale Tagungen und politische Bildungsveranstaltungen, darunter auch über den Leipziger Jour-fixe-Gesprächskreis an der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, und kommentieren neuere marxistische oder für die marxistische Diskussion interessante Literatur. Einschlägige Anzeigenseiten runden die Z. 109 ab.