OXI – eine Wirtschaftszeitung für alle

Die Schere klafft immer weiter auseinander: Auf der einen Seite Multimillionäre und Milliardäre – das reichste Prozent –, auf der anderen Seite die 99 Prozent, deren Arbeits- und Lebensverhältnisse sich seit Jahrzehnten nicht verbessert haben. Das ist so in den USA, mindestens ähnlich in Europa. Insbesondere Merkel-Deutschland huldigt dem neoliberalen Wirtschaftsmodell. Doch es gibt Menschen, die kritisch über diese Wirtschaftsordnung nachdenken, neue Wege suchen. Seit Oktober 2016 erscheint mit „OXI“ eine alternative Wirtschaftszeitung. Ralf Richter sprach mit deren Mitbegründer Wolfgang Storz.

Herr Storz, Sie waren früher Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. Sicher halfen ihre Kontakte dabei, ein solches Medienprojekt ins Leben zu rufen. Wie entstand OXI, wie entstand der Name?

Eine kleine Gruppe von Journalisten, Grafikern und Publizisten hatte sich vor gut zwei Jahren gefunden, um eine Monatszeitung zu entwickeln, bei der Wirtschaftsthemen im Mittelpunkt stehen sollen. Das Motiv aller war die Unzufriedenheit mit der Berichterstattung über Wirtschaft. Sie ist oft unverständlich. Dann steckt in der Wirtschaft soviel Politik und in der Politik soviel Wirtschaft, dass man diese beiden Bereiche nicht auseinanderreißen darf, das wird aber meist gemacht. Das führt dann dazu, dass vielleicht über den Reichtum von Milliardären berichtet wird, aber nicht zugleich über deren Einfluss auf die Politik, Geld ist schließlich auch politische Macht. Wir wollten also ein Medium entwickeln, das kritisch, ganzheitlich und vor allem verständlich über Wirtschaft informiert und sie als gesellschaftliches Ereignis analysiert. Als wir dann das Produkt entwickelt hatten, inhaltlich und grafisch, standen wir — das waren und sind beispielsweise Hans-Jürgen Arlt, der Designgraphiker Jo Wüllner, die Publizistin Charlotte Wiedemann — vor der Frage, wie können wir starten, wir brauchten Geld.

… und so sind Sie auf den Verlag neues deutschland gekommen.

Richtig. Wir suchten einen Verlag, der bereit war, mit uns zusammen zu testen, ob so ein Produkt ankommt, ob es dafür auch eine kaufkräftige Nachfrage gibt. Der nd-Verlag war interessiert. Wir gründeten zusammen die common Verlagsgenossenschaft, die sowohl oxiblog betreibt als auch die wirtschaftspolitische Monatszeitung OXI herausbringt. Und in dieser Phase stimmte das griechische Volk über die künftige Wirtschaftspolitik des Landes ab …

Ich ahne, wir kommen wieder zur Ausgangsfrage, wie der Name entstand.

Wir hatten viele Ideen, aber dann schob sich das OXI nach vorne. Wir fanden, das passt gut zu unserem Projekt: Denn Wirtschaft muss demokratisiert werden. Und zu der jetzigen Art des Arbeitens und Wirtschaftens muss man OXI, also Nein sagen. Wer aber Nein sagt, der darf dabei nicht stehen bleiben. Der muss auch sagen, wie anders und neu gewirtschaftet werden soll. Und das wollen wir auch: Alternativen darstellen. So hatten wir bereits im November eine Titelgeschichte über Unternehmen, die anders als die herkömmlichen kapitalistischen Unternehmen wirtschaften. Und im Januar und jetzt im März berichten wir intensiv über Industriegenossenschaften in Italien und im Baskenland. Und in jeder Ausgabe gibt es auf der Seite Alltag Informationen über Initiativen und Unternehmen, die anders konsumieren und anders produzieren. Und weil dieses griechische Nein inhaltlich so gut passte, deshalb wählten wir dann diesen Namen. Er ist knapp, markant, hat ein starkes X in der Mitte. Auch wenn nur wenige ihn mit diesem inhaltlichen Ursprung verbinden, er ist und bleibt vor allem ein markanter Medienname.

Immerhin bleibt, dass eine deutsche Wirtschaftszeitung auf Griechisch „Nein“ sagt. Wozu die Griechen seinerzeit Oxi gesagt haben, ist klar. Aber wozu sagt das OXI-Team eigentlich „Nein“?

Wir kritisieren im Prinzip die heute herrschende Art des Wirtschaftens, deren Kern darin besteht, aus Geld mehr Geld zu machen. Die Ergebnisse sind ja überall zu sehen: für viele unsichere Arbeit, wenige Milliardäre und zig Millionen Arme, ein vergleichsweise hoher Wohlstand in Deutschland, wenngleich sehr falsch verteilt, der auf Kosten anderer Länder geht, die Liste ist lang. Wir wollen von diesem Standpunkt aus das Heutige analysieren und darstellen: Wie geht es anders, in Theorie und vor allem in der Praxis. Wir gehen davon aus: Obwohl die Wirtschaft sämtliche Bereiche unseres Lebens beherrscht, ist unser Wissen über die Mechanismen oft zu gering. Wir wollen einen Beitrag leisten, das zu ändern. Wirtschaft soll für alle verständlich sein, damit alle mitreden können. Wirtschaft soll demokratisch sein, eine Angelegenheit aller und nicht nur von Unternehmern und Unternehmen.

Neben der 24seitigen Printausgabe ist „OXI“ im Netz zu finden. Wie ergänzen sich Virtuelles und Gedrucktes?

Eine Monatszeitung kann nicht aktuell sein. Da geht es um Themen, die auf mittlere Frist von Bedeutung sind. Immer wieder aktuell reagieren, das können wir im Netz. Das Blog nützen wir auch, um komplexere Themen anzupacken. Ein Beispiel: Jüngst analysiert Michael Wendl in einer dreiteiligen Serie den Euro-Währungsraum. Um das verständlich darzulegen, da braucht man Platz, Platz, den wir auf unseren 24 Seiten nicht haben. Das Blog bietet so Platz für beides: für die schnelle aktuelle Intervention und für die sehr lange Analyse. Pro Woche haben wir bis zu fünf neue Beiträge im Blog. So ergänzen sich Blatt & Blog inhaltlich vorzüglich.

Das Blog ist also ein Ergänzungsangebot.

Ja, Ergänzung und Erweiterung des Blattes einerseits und andererseits ein ganz eigenständiges Produkt, das beispielsweise auch Debatten zu aktuellen Themen ermöglicht. Wir erreichen so vor allem via Twitter und Facebook ein ganz anderes Publikum, da gibt es nach unseren bisherigen Erfahrungen kaum Überschneidungen, zwischen dem Blog- und dem Blatt-Publikum. Das Blog hilft uns auch, die jeweils neue monatliche Ausgabe von OXI zu bewerben. Übrigens werden wir unsere Monatszeitung bald auch als eine recht komfortable App anbieten. Und auf oxiblog.de kann sich jede und jeder den wöchentlich erscheinenden OXI-Newsletter bestellen. Damit informieren wir über aktuelle Beiträge im Blog oder über die neue OXI-Ausgabe.

Manche Magazine oder Tageszeitungen gestatten es ihren Abonnenten, im Netz mehr Beiträge zu lesen als Nicht-Abonnenten. Gibt es solche Überlegungen auch für oxiblog.de?

Nein. Wir setzen darauf, dass unser Publikum unser Angebot im Blatt und Blog schätzt und deshalb sagt: Ich abonniere OXI für ein Jahr. Die 40 Euro sind gut angelegt. Und mit diesem Abo werden beide Angebote finanziert: die Analysen und Interviews im Blog und die Monatszeitung.

Sie haben dem Deutschlandradio Kultur gesagt: „Wichtige wirtschaftliche Themen als Themen der Gesellschaft darzustellen und zu versuchen, das möglichst verständlich zu machen, das ist das Gründungsmotiv für dieses Produkt.“ Im März erscheint nun die sechste Ausgabe. Wie sind Sie diesem Ziel bisher gerecht geworden?

Das ist keine einfache Frage. Ich sage: mal gut, mal weniger gut. Wir sind noch im Werden. Ob Rente, Eurozone, Grundeinkommen, Staatsschulden, Mindestlohn, das sind natürlich keine einfachen Themen. Und es ist auch unser Ehrgeiz, das Wissen von Experten und Wissenschaftlern gut zu vermitteln, ob das der Sozialpsychologe Heiner Keupp, der Elitenforscher Michael Hartmann oder Volkswirtschaftler wie Till van Treeck oder Peter Bofinger sind. Ich denke, bei der Verständlichkeit, da haben wir noch Luft nach oben.

Sie haben aber durchaus Erfolge und Bereiche, mit denen Sie ganz zufrieden sein können, oder?

Was meist gut gelingt: unsere doppelseitige Argumente-Grafik, auf der wir ein Thema, einen Sachverhalt aus möglichst allen Perspektiven kompakt darstellen, sozusagen alles auf einen Blick. Und unser Lexikon, das wir bewusst nutzen, um ein Thema wie Privatisierung, rigide Sparpolitik, Allmende oder frugale Innovationen aus den Blickwinkeln von Neoliberalen, Keynesianern und Postwachstums-Anhängern zu erläutern. Es ist uns besonders wichtig, die Themen – ob Wachstum, künstliche Intelligenz, Schwarze Null, Lohngerechtigkeit, Mindestlohn oder Wachstumskritik – aus verschiedenen Blickwinkeln und Interessenlagen darzustellen.

Sie haben 24 Seiten zur Verfügung und stellen ein Thema in den Mittelpunkt. Im Februar war es Künstliche Intelligenz und wie sie unser Leben verändert. Was war sonst noch und was kommt im März?

Im Januar hatten wir das Thema Umverteilung und Reichtum. Auch mit Blick auf die Bundestagswahl. Wir hatten Reportagen über den anhaltenden Exodus aus dem Balkan, über Wohnbaugenossenschaften, über Versuche, in Hamburg und Berlin mit Polikliniken eine bessere Gesundheitsversorgung aufzubauen. Was wir regelmäßig bieten: viele Rezensionen von Büchern, Magazinen, Blogs und Filmen, eine Traumseite und wir stellen in jeder Ausgabe einen Denker, eine Denkerin vor und fragen, inwieweit ihre Arbeiten uns heute helfen und anregen können; das geht von Victor Agartz über Friedrich Engels, Hannah Arendt, Elinor Ostrom bis Rosa Luxemburg in der neuen Märzausgabe. Und: Im März haben wir einen Titel zum Thema „Weiberwirtschaft“.

Was wohl im Zusammenhang mit dem 8. März steht.

Ja. Wie wirtschaften Frauen, welchen Sachverstand bringen sie in die Debatte über die andere Wirtschaft ein. Da geht es unbezahlte Hausarbeit, den Begriff von Arbeit, um Gender Pay Gap, also um gerechte Löhne, eine gute Altersversorgung, um Care Revolution. Ich kann nur sagen: kaufen, lesen.