Linker Journalismus am Rand des Daseins

Kamenzer politischer Frühschoppen mit nd-Geschäftsführer Olaf Koppe

Zahlen zuerst, so geht Olaf Koppe, Gast des Kamenzer politischen Frühschoppens am 26. Februar, an seine Aufgabe heran. Das mit den Organisatoren vom Ortsverband DIE LINKE. Kamenz/Radeberg vereinbarte Thema lautet: „Keine Zeitung ist auch keine Lösung“. Er möge in möglichst 45 Minuten den fast 40 Interessierten alles über das neue deutschland (nd) von 1946 bis heute erzählen – und was die Leute dort heute und künftig so tun. Zur Vergangenheit sagt nur Moderator Hans-Hellmut Junge ein paar Daten und Fakten, auch zum Gast. Der freut sich darüber, weil er derartige Aufmerksamkeit zum ersten Mal erlebe. Und bleibt locker bis zum guten Ende nach zwei Stunden interessanter Wissensvermittlung und Diskussion.

Seit 2006 ist Koppe Geschäftsführer der sozialistischen Tageszeitung. Und so muss er quasi täglich die Erbsen zählen und zur Redaktionskonferenz am Vormittag mitteilen, ob es für die nächsten Tage noch zur Suppe reicht. Denn eine Auflage von etwa 27.000 Exemplaren als überregionales Presseorgan von Qualität und Glaubwürdigkeit ist als äußerst kritisch einzuschätzen. Koppe sagt nur „enormer Druck“ und lässt die Zukunft in der Schwebe. Klar, treuer Leserinnen und Leser bedarf es immer – und vor allem neuer. Das nd hat eine gute Leserblattbindung, nur sind die Abonnenten überdurchschnittlich in die Jahre gekommen. Das reicht zum siebenten Platz für das nd im Reigen der deutschen Tagesschreiber, teilt er mit. Nach aktuellen Erhebungen liegt Bild mit aktuell rund 1.800.000 Exemplaren vorn, die Süddeutsche Zeitung als erste Qualitätszeitung bringt es noch fast auf 370.000. Es folgen Frankfurter Allgemeine (252.000), Welt (182.000), Handelsblatt (125.000) und tageszeitung (51.000). Dazu gehört eigentlich, dass der intelligente Münchner an seinem Zeitungskiosk auch das nd erwerben könnte. Das sei nicht nur eine Logistikfrage, sondern auch der dort verbreiteten antikommunistischen Grundstimmung, die ein aussichtsreiches Geschäft ausschließe, sagt Koppe.

Überhaupt: Fast alle klagen über Leserschwund, seit über zehn Jahren anhaltend. Er nennt Gründe: Wegbrechen von Werbeeinnahmen um etwa ein Drittel, veränderte Lebensbedingungen der Menschen, wie spätere Familiengründungen und Ausbildungsabschlüsse, Information und Kommunikation durch elektronische Medien, Glaubwürdigkeitsfragen, Altersstruktur der Leserschaft … Einst hätten Werbung und Anzeigen 60 Prozent der Einnahmen gebracht und 40 Prozent die Abonnenten. Jetzt sei es umgekehrt, sagt Koppe. Größter Posten bei den Ausgaben? Das Personal! Qualitätsjournalismus aus überwiegend eigener Hand kostet – und der Mindestlohn für die Zusteller, den Koppe ausdrücklich begrüßt, auch. Er nennt eine Summe: 4,8 Millionen Euro. Er nennt weitere Zahlen: aktuell 74 Redakteure, 40 Verlagsmitarbeiter, weltweit gute Journalisten als Freie. Es fällt der Name Karin Leukefeld, Gast des Frühschoppens am 28. Februar 2016, als einzige deutsche Journalistin mit Dauerakkreditierung in Syrien. „Wir mussten die Finanzierungsmodelle enorm verändern.“ Beispielsweise den Online-Bereich, neudeutsch E-Paper, erweitern und verbessern oder Trends bedienen, unter anderem das Zeitungslesen am Wochenende. Es gebe auch Überlegungen, eine Art Kombination von Abo und Smartphone zu kreieren. Oder die Werbeeinnahmen zu optimieren. Kritisch setzt sich Koppe mit der Glaubwürdigkeit der Medien auseinander. Diese leide weniger durch die ungerechtfertigten pauschalen Vorwürfe, die Journaille lüge wie gedruckt, sondern durch den selbst verschuldeten Abbau der Qualitäten. Er, Koppe, habe in den vergangenen Jahren unter anderem feststellen müssen, dass Zeitungen zum Teil bis zu 80 Prozent keine eigenen Produkte veröffentlichen, sondern die der Agenturen. So stünden in verschiedenen Zeitungen die gleichen Texte, schwinde das eigene Profil. „Es gibt nicht linken oder rechten, sondern nur guten oder schlechten Journalismus“, meint der Geschäftsführer. Seine Zeitung sorge dafür, dass eigene Anteile und die Qualitäten möglichst hoch bleiben. Neue Mitstreiter für die unterschiedlichen Inhalte zu finden sei indes nicht leicht. Wissenschaftler etwa seien nicht journalistisch ausgebildet, Schreiber nicht wissenschaftlich.

Christian Schneider, sorbischer Schriftsteller und gelernter Journalist, kommt gut vorbereitet zum Frühschoppen nach Kamenz. Von wegen Qualitätsjournalismus des nd, das er täglich außer Sonntag in seinen Briefkasten hat! Koppe darf sich anhören, was der Wortkünstler als intellektuell hochgedrehte Sätze ohne verständlichen Sinn bezeichnet, die er auch noch zitieren möchte aus einem kürzlich erschienenen Beitrag. Wenn er Chef gewesen wäre, hätte er das nie drucken lassen. Koppe schmunzelt und versichert, die Kritik weiterzugeben. Ja, ja, das sei nicht einfach, auch mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung nicht. Ihr Institut teilt sich das Dach mit dem neuen deutschland am Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin nahe dem Ostbahnhof. Mitten im Leben und nicht am Rand. Trotz alledem. Reinhard Kärbsch

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