Gastland Litauen auf der Leipziger Buchmesse

von Ralf Richter

Es gibt eine Münchhausen-Geschichte, die mich als Kind tief beeindruckt hat. Mitten im klirrend kalten Winter überfällt Münchhausen in einer tief verschneiten Gegend, wo er nur eine weiße Wüste um sich sieht, die Müdigkeit. Rasch bereitet er sich ein warmes Lager, auf dem er sich ausbreiten kann, und macht sein Pferd an einem Knubbel fest, der aus dem Schnee ragt. Er verfällt in langen und tiefen Schlaf … Endlich erwacht, strahlt die Sonne und er muss erkennen, dass er auf einem Friedhof liegt. Sein Pferd scheint verschwunden, bis er es wiehern hört und erkennen muss, dass er es an den Wetterhahn der Kirchturmspitze angebunden hatte. Kurz entschlossen nimmt er seine Pistole und schießt auf das Halfter des Pferdes, das mit einem beherzten Luftsprung zu Münchhausen zurückkehrt.

Seitdem ich diese Geschichte gehört habe, wollte ich immer in dieses sagenhafte Litauen, zu schön waren die Illustrationen zu dieser Geschichte gewesen. Der als Lügenbaron bekannte Freiherr von Münchhausen lebte sechs Jahre lang dort. Ich war von der Schönheit Litauens überzeugt, bevor ich einen Fuß in das Land gesetzt hatte – und hatte mich nicht geirrt. Im Februar 1989 sah ich mit Jugendtourist erstmals Vilnius und endlich meine Brieffreundin aus Kaunas – es war ein eisiger Winter wie bei Münchhausen. Auf dem Lada wurde eine Zeitung ausgebreitet, Speck geschnitten und verteilt und dazu Wodka getrunken. Ich erhielt dabei das Angebot, im Sommer zu einer Litauen-Rundreise aufzubrechen – im schwarzen runden Wolga, der vom Vater meiner Brieffreundin, der sein Diensttaxi für die Tour nutzte, gesteuert wurde. Es wurde eine sagenhafte Reise, die sich mir tief eingeprägt hat.

Vieles habe ich seither zu Litauen gelesen, über das Jerusalem des Ostens – die Juden in Prag stammten aus Litauen. Fasziniert bin ich ein Stück den litauisch-deutschen Grenzfluss in einem Luftkissenschiff abgefahren. Bei der Buchmesse in Frankfurt am Main 2003, wo Litauen wie nun 2017 in Leipzig Gastland war, unterhielt ich mich mit einem Autor, der Comics mit sagenhaften Figuren vorstellte, aber sehr historisch interessiert war – Litauer und Deutsche verbinde die Geschichte von über 100 Jahren Krieg, war doch Litauen das letzte heidnische Land Europas. Jedes Jahr im Herbst lud der Deutsche Orden in Königsberg die Ritter Europas zu sogenannten Litauer -bzw. Heiden-Fahrten ein – wenn man die Litauer schon nicht vom Christentum überzeugen konnte, so sollten sie doch für ihr Heidentum wenigstens grausam bestraft werden. Doch die Litauer wehrten sich tapfer: Am Ende vernichteten sie den Deutschen Orden am 15. Juli 1410 in der Schlacht von Tannenberg. Dem litauischen Herzog war die Vernichtung der Deutschen durchaus eine Messe wert, so dass er sich zuvor extra dafür taufen ließ, war das doch die Voraussetzung, um König von Polen zu werden.

Erinnert wurde auf der Buchmesse in Leipzig an das Thomas-Mann-Haus auf der Kurischen Nehrung, das heute litauisches Literaturzentrum ist und wo viel für litauisch-deutschen Kulturaustausch getan wird. Leider blieben zentrale Themen weitgehend auf der Strecke – wer sich an all die blumigen Versprechungen aus der Phase des Unabhängigkeitskampfes der baltischen Völker erinnert, der muss sich doch fragen, was nun geworden ist aus den großen Erwartungen, aus Litauen ein Land mit dem Lebensstandard von Schweden zu machen. Nirgendwo sonst bringen sich seit Jahrzehnten so viele junge Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren um wie in Litauen – darüber sprach man noch in den Medien, als Litauen Gastland der Buchmesse 2002 war. 15 Jahre später ist die Lage zwar nicht besser, dafür wird in den deutschen Medien darüber nicht mehr berichtet. Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Alkohol und Drogen beherrschen den trostlosen Alltag vieler junger Litauer, doch in den 26 in Leipzig vorgestellten Büchern kommt das nicht vor. Man feiert stattdessen die Unterhaltungsliteratur und das hippe Leben in den Großstädten eines neuen Kulturbürgertums. Hatte manch‘ litauischer Autor bis 1989 dank seiner Publikationen in russischer Sprache einen hohen Bekanntheitsgrad von Ost-Berlin bis Wladiwostok, so ist heute zu konstatieren, dass das einseitige Beharren auf der litauischen Sprache und die Vernichtung der traditionellen Zweisprachigkeit kein Humus für die litauische Kultur sind. Mit Gewalt will man zeigen, dass man nicht-russisch ist, während die Literaturpäpste im Westen litauische Literatur nach wie vor dem ehemaligen sowjetischen Raum zuordnen. So finden sich nur kleine Verlage und der fade Beigeschmack, dass sich litauische Autoren – mit wenigen Ausnahmen – den wirklichen schwerwiegenden Problemen des Landes nicht stellen. Die Ausnahme hat einen Namen: Laurynas Katkus. Vom ihm lag kostenlos „100 Jahre litauischer Literatur – Ein Crashkurs“ aus und er nimmt sich kritisch die eigene Entwicklung vor. Wenn es nicht vorwärts geht. ist in Litauen der Russe schuld. Zugespitzt formuliert der Mann aus Vilnius, der auch in Leipzig studiert hat und fließend Deutsch spricht: „Was ich kritisiere, ist ein primitives Entweder-oder-Denken: Gerade noch gehörten wir zur Sowjetunion, jetzt werden wir westlicher als die Westler. Das hat nichts zu tun mir der realen Geschichte, dass man in der russischen Sprache und Kultur auch aufgewachsen ist. Das ist nicht der Weg, den mein Land gehen sollte.“ Und weiter: „Alle Schuld an den Übeln der Vergangenheit und an den Problemen der Gegenwart wird dem Nachbarn in die Schuhe geschoben. Ungefähr so: Wenn Russland nicht wäre, dann wäre Litauen heute ein Hybrid aus Kanada und Finnland.“ Sein Buch „Moskauer Pelmeni“ widmet sich ganz dem wechselvollen Umgang mit dem einstigen großen Bruder. Es gab da gute wie schlechte Zeiten, und viele Ostdeutsche werden sich dabei wieder finden.

Offiziell wird dagegen eine „goldenen Zwischenkriegszeit“ beschworen und der litauische Nationalismus verherrlicht. Da haben es die Stimmen der Vernunft und der Völkerverständigung nicht leicht. Es fehlt der Rekurs auf die zahlreichen positiven Entwicklungen, die Litauen zwischen 1945 und 1989 genommen hat, ebenso wie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalismus. Zwar gesteht man die aktive Beteiligung zahlreicher Litauer und die Begeisterung für den deutschen Einmarsch ein – tunlichst verschweigt man aber, dass nach 1990 die litauischen Kriegsverbrecher amnestiert wurden, galt doch nun plötzlich jeder Gefangene als Opfer sowjetischer Justiz, egal welche Verbrechen er begangen hatte. Litauische Kommunisten hat es nach heutiger Lesart praktisch nicht gegeben (die Juden in Litauen wurde nicht zuletzt als „Bolschewisten“ und Kollaborateure der Sowjets von Litauern umgebracht), der Kommunismus wird als „russische Ideologie“ dargestellt – in Wahrheit kämpften Litauer schon im Zweiten Weltkrieg wie auch die Letten und Esten auf beiden Seiten der Front und es war die KP Litauens, die sich als erste als von Moskau unabhängig bezeichnete. Ihr Chef trug nicht etwa einen russischen Namen, sondern hieß Algirdas Brazauskas. Er wurde vom Erzbischof nach seinem Tode 2010 bestraft – die übliche Aufbahrung im Dom zu Vilnius wurde mit Verweis auf seine frühere Mitgliedschaft in der KP verweigert (Zwei Jahre später ehrte die Litauische Post den im Volk überaus populären Mann allerdings mit einer Sondermarke). Die Mythen der litauischen Gegenwart sind heute so sagenhaft wie einst die Geschichten Münchhausens …