Folksänger und Menschenrechtler – Harry Belafonte zum Neunzigsten

von Jens-Paul Wollenberg

Harry Belafonte wurde am 1. März 1927 in New York geboren. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er jedoch in Jamaika, wo er unweigerlich mit den temperamentvollen Rhythmen der Calypso-Musik konfrontiert wurde. Sie erklang überall, landauf, landab, auf den Marktplätzen, in den Gassen der Städte, in den Caféhäusern, und löste bei ihm eine große Faszination aus, die ihn sein Leben lang begleiten sollte.

1940 zogen die Belafontes wieder nach New York, wo Harry in die „Washington High School“ eingeschult wurde – und schon im Schulchor als talentierter Sängerknabe auffiel. Nach dem Schulabschluss zog man ihn zum Militärdienst in der US Navy ein. Nach seiner Entlassung bekam er Mitte der Vierziger eine Beschäftigung als einfacher Bühnenarbeiter am „American Negro Theater“, und weil er die Aufführungen des Schauspielensembles wissbegierig verfolgte und Gefallen daran fand, wuchs in ihm der Wunsch, Schauspieler zu werden. Nach erstem Zögern überwand er seine Skrupel und nahm an den „Dramatic Workshops“ teil, die vom Intendanten des Theaters, Erwin Piscator, höchstpersönlich geleitet wurden. Der berühmte Regisseur entdeckte schnell Belafontes Talent und begann, ihn zu fördern.

Piscator, der aus Deutschland stammte und dem viel daran lag, in seinem Wirken als Theatermann soziale und gesellschaftliche Probleme zu thematisieren, war einst Mitbegründer des „Proletarischen Theaters“ in Berlin und leitete dasselbe von 1920 bis 1921, bevor er zwischen 1924 und 1927 als Regisseur an der „Berliner Volksbühne“ beschäftigt war. Von der wurde er aufgrund seiner „provokanten“ Inszenierung von Schillers „Die Räuber“ als Revolutionsstück und von Ehm Welks „Gewitter über Gotland“ fristlos entlassen. 1927 gründete er die „Piscatorbühne“, die es ihm ermöglichte, durch experimentelle Inszenierungsmethoden agitatorische Ausdrucksformen zu entwickeln. Zwischen 1931 und 1936 ging er in die Sowjetunion, der aufkommende Faschismus trieb ihn dorthin, und nach ein paar Jahren in Paris emigrierte er schließlich in die USA. Erst in den Sechzigern kehrte er nach Deutschland zurück und wurde Chef der „Freien Volksbühne“ in Berlin.

Doch zurück zu Harry Belafonte. Die Schauspielerei eröffnete ihm neue Horizonte, und es wohl Piscator anzurechnen, dass Belafontes Bewusstsein für revolutionäres Aufbegehren erwachte. Belafonte hatte Unterdrückung, Rassismus und Diskriminierung schließlich schon am eigenen Leibe erfahren müssen.

Während der Aufführung eines Theaterstücks übernahm Belafonte die Rolle eines fahrenden Sängers, woraufhin ein Nachtclubbesitzer auf ihn aufmerksam wurde und ihn flugs engagierte. Anfangs noch eher als singender Entertainer in den Clubs unterwegs, etablierte Belafonte sich zusehends als charismatischer Folkinterpret. Dass er als solcher den Nerv des Publikums traf, mag gewiss daran gelegen haben, dass die Folkmusik Mitte der Fünfziger immer mehr entfaltete, was die junge Studentenbewegung bis dahin sehr vermisste: Einen Hauch von Rebellion gegen eine aalglatte, verlogene Unterhaltungsmaschinerie, die das Aufbegehren einer Generation, die sich nach einer besseren Welt sehnte, ignorierte. Während sich in dieser Folk-Ära ganz unterschiedliche Stilrichtungen etablierten, beispielsweise Bluegrass, Country, Worksongs oder Folkblues, bevorzugte Belafonte die heißen Rhythmen aus der Karibik – waren sie ihm doch seit seiner Kindheit bekannt und vertraut.

Durch Belafonte hielt so auch der Calypso Einzug in die populäre Unterhaltungsmusik. Dieser Tanz der Farbigen im Zweiviertel- bzw. Viervierteltakt, der Ende des achtzehnten Jahrhunderts von den Sklaven auf den Antillen erschaffen und der vor allem in Trinidad zelebriert wurde, hat seinen Popularitätssprung tatsächlich Belafonte zu verdanken, speziell dessen „Banana Boat Song“. Außerdem dürfte jedermann klar sein, dass Reggae und Ska ohne den Calypso nie entstanden wären.

Im New Yorker Stadtteil Greenwich Village eröffnete Belafonte eine Musikkneipe, die hauptsächlich von jungen Studenten besucht wurde. Spätestens ab diesem Zeitpunkt begann er, Lieder der Arbeiterklasse oder solche, die von Baumwollpflückern und Hafenarbeitern gesungen wurden, in sein Repertoire aufzunehmen. Die Medien bevorzugten allerdings seine Calypsosongs, weil sie die biedere Klangwelt des amerikanischen Schlagers bereicherten. Einige Songs verdrängten in den Charts sogar die Hits eines Elvis Presley. 1956 wurde Belafontes LP „Calypso“ produziert, die sich millionenfach verkaufte. Die Lieder „Matilda“, „Island in the sun“ und „Day-O“ wurden weltweit bekannt. Erwähnt werden soll allerdings auch der Umstand, dass Belafontes Art, seine Lieder vorzutragen, teilweise Widerspruch auslöste. Im Vergleich zu den Interpretationen anderer Folkgrößen, die ihre Songs rauer vortrugen, mit Banjo-, Mandolinen- oder Gitarrenbegleitung – man denke an Woodie Guthrie oder Guy Caravan –, klangen Belafontes Lieder wohltuend harmonisch, beinahe schlagerhaft, was nicht jedermanns Geschmack war.

Doch es war eben seine Methode, mit seiner sympathischen, etwas rauchigen Stimme eine größere Zuhörerschaft zu gewinnen, um auf die Missstände dieser Welt aufmerksam zu machen. Denn letztlich thematisierten seine Liedtexte auch Protest gegen die Apartheid und später gegen den Vietnamkrieg. Bemerkenswert ist auch, dass Belafonte durch jahrelange Recherchen herausfand, dass die Wurzeln der karibischen Musik in der Folklore Nigerias zu finden sind, während auf dem Festland der USA, hauptsächlich in New Orleans, kongolesische Rhythmen die schwarze Musik dominieren, geprägt vom westafrikanischen Groove.

Mit den Jahren erlangte Belafonte Weltruhm; er hätte sich, wie manch anderer Kollege seiner Zunft, in den Reigen glitzernder Klischees einreihen können – doch er blieb sich und insbesondere seinem Einsatz gegen Rassismus nicht nur im eigenen Land, gegen einen gnadenlosen Kapitalismus und dessen unmenschliche Unterdrückungsmethoden bis heute treu. So verfolgte er auch mit großer Sorge die Situation in Südafrika, wo die Apartheid mit ihrer strengen Rassentrennung herrschte und die einheimischen Afrikanerstämme radikal unterdrückt wurden. Während einer Europatournee machte er 1961 in London die Bekanntschaft der großartigen südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba, die zwei Jahre zuvor ihre Heimat unter Zwang verlassen hatte. Ihr war aufgrund ihrer Mitwirkung in der Anti-Apartheid-Filmproduktion „Comeback Africa“ die Staatsbürgerschaft entzogen worden, ihre Lieder verbot man. Belafonte war von ihr und ihrem Konzert so begeistert, dass er sie überredete, in Amerika aufzutreten. Sie willigte ein, und es begann eine enge, freundschaftliche Zusammenarbeit. Gemeinsam gingen sie in die RCA-Studios und spielten die LP „Songs from Africa“ ein. Die Platte enthält hauptsächlich Freiheitslieder aus Südafrika, die in den Sprachen der Zulu, Xhosa und Sotho gesungen werden.

Jahre später war Belafonte abermals maßgeblich an einem Solidaritätsprojekt beteiligt. „We Are the World“, so hieß die Langspielplatte, deren Erlös den Opfern einer Dürrekatastrophe in Afrika zugutekam. Gemeinsam mit Prominenten wie Cindy Lauper, Willie Nelson, Bob Dylan, Ray Charles, Bette Midler, Billy Joel, Paul Simon, Tina Turner, Diana Ross, Stevie Wonder, Michael Jackson, Quincy Jones, Kenny Rogers und Dionne Warwick sang er den Refrain „We Are the World“. Bob Geldof, ebenfalls an dieser Produktion beteiligt, organisierte einige Monate später in England und in den USA das „Live-Aid-Konzert“, das sechzehn Stunden lang im Fernsehen übertragen wurde.

1987 wurde Belafonte zum „UNICEF-Botschafter des guten Willens“ ernannt.

2003 erschien die aus fünf CDs bestehende „Anthology Of Black Music“ mit dem Titel „The Long Road to Freedom“, die auch eine DVD sowie ein einhundertvierzigseitiges Buch umfasst. Fast zehn Jahre lang arbeitete Belafonte daran, in seinem kleinen Studio. Der Direktor seines Plattenlabels, Georg Marek, begünstigte Belafontes Vorhaben, die Produktion freizugeben und zu veröffentlichen. Die Dokumentation umfasst die gesamte musikalische Entwicklung der Afroamerikaner von der Zeit der Sklaverei bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Die vielseitige Auswahl umfasst authentische A-Cappella-Gesänge und Trommeln afrikanischer Völker, Gospel, Spirituals der christlichen Gemeinden Amerikas, Folk- und Cityblues, Baumwollpflücker-Lieder, Freiheitslieder und vieles mehr. Die mitwirkenden Musiker stammen aus dem gesamten Land, so Leon Bibb, das Bluesduo Sonny Terry und Brownie McGhee, Big Joe Williams und Bessie Jones, um nur einige zu nennen. Dieses Gesamtwerk erschien bei Buddah Records und ist sehr empfehlenswert, besonders den Freunden der Weltmusik, als deren Erfinder Belafonte übrigens auch gilt.

Harry Belafonte hat sich bis heute keinem politischen Disput enthalten, im Gegenteil. Immer wieder hat er bewiesen, dass er als Entertainer, Sänger und Schauspieler ein kämpferischer Aktivist für Menschenrechte, Weltfrieden und Toleranz war und ist. Wie bemerkte eine Moderatorin der „Kulturzeit“ sehr treffend? „Das Alter hat ihm nicht den Biss geraubt!“ Harry Belafonte feierte seinen 90. Geburtstag am 1. März 2017. Anlässlich dieses Jubiläums machte ihm die Stadt Harlem ein symbolisches Geschenk: Sie verlieh ihrer Stadtbibliothek seinen Namen.