Die unglaubliche Geschichte Koreas

von Ralf Richter

Anna Kims „Die große Heimkehr“ ist der erste Roman, der uns die Geschichte der Samsung-Hersteller und der Kim-Dynastie in Pjöngjang näher bringt. Mit fortgeschrittenem Alter versteht man besser, dass es Dinge gibt, die wir nicht wissen können und andere, die wir nicht wissen sollen. Das trifft für beide Koreas wie für beide Deutschlands zu. Ein Beispiel: Ist „Poldi“ mit seinen 49 Toren für die Nationalmannschaft nun der dritt- oder der vierterfolgreichste deutsche Spieler? Die Frage ist nicht lächerlich, sondern grundsätzlich – denn im Kern lautet sie: Waren DDR-Fußballer „Deutsche“? Wenn ja, reichen Poldis Tore für Platz 3 nicht – dann war ein DDR-Mann vor ihm. Wenn der aber für das „falsche Deutschland“ gespielt hat, dann muss man im Osten bald aufpassen, dass nicht jegliche DDR-Geschichte in der deutschen Geschichte nicht mehr vorkommt. Wer Anna Kims Buch liest, der lernt mehr als einige nie gehörte Fakten der Geschichte Asiens. Der erfährt auch, wie Anti-Kommunismus funktionierte und bis heute funktioniert.

Man muss wissen, dass Anna Kim Österreicherin ist, deren Eltern mehr oder weniger aus Südkorea ins freie Europa flohen. Die Autorin war zu diesem Zeitpunkt erst zwei Jahre alt und wuchs zwischen zwei Kulturen auf. Doch die Geschichte Koreas hat sie nicht losgelassen, so dass sie mehrere Recherchereisen unternahm. Herausgekommen ist ein spannender Roman: Eine junge Frau besucht einen alten Herrn, der seine Geschichte zu erzählen beginnt. So steigt aus der Erinnerung die blutige Geschichte des Korea-Krieges auf (1950-53, in dem die DDR auf der einen und die BRD auf der anderen Seite stand – und das blieb so bis 1989), Splitter der Geschichte Groß-Japans, die man in Europa kaum kennt, und vor allen Dingen die Rolle der USA, die die Japaner als Besatzungsmacht in Korea beerben, indem sie deren kolonialen Unterdrückungsapparat sofort in ihren Dienst stellen. Waren die Japaner nicht die härtesten Anti-Kommunisten Asiens? Überall in Groß-Japan, also auch in Korea, spielten Japanisch-Lehrer eine sehr wichtige Rolle – denn Japanisch war die erste Sprache in der japanischen Zeit Koreas. Erste Fremdsprache war dann übrigens Deutsch, immerhin die Sprache des engsten Verbündeten in Europa, Nazi-Deutschland. Wenn heute Chinesen, Koreaner und Japaner oft besser über deutsche Musiker und Schriftsteller Bescheid wissen als Deutsche, dann hat das sehr viel mit japanischen Besetzung Koreas (1905-1945) und Chinas sowie dem Erbe dieser Besatzung zu tun – und den ehemaligen Lehrinhalten, die sich am Freund in Deutschland und nicht am Feind in Washington ausrichteten.

An den Feindbildern hat sich auch nichts geändert seit den 50ern Jahren bis heute. Allerdings ist der Konflikt in Korea noch heute hundertmal schärfer als der zwischen der BRD und der DDR jemals war. Ausreisen und Besuche finden dort so gut wie nicht statt – es gibt nicht einmal Post. Ein Südkoreaner im Staatsdienst würde 2017 in Seoul kein Bein mehr auf den Boden bekommen, wenn herauskäme, dass er versucht hat, mit seinen Verwandten in Nordkorea Kontakt aufzunehmen. Die Verteufelung des „gegnerischen Staatschefs“ hat auch Tradition. Bei Anna Kim liest man dazu: „In Südkorea waren Abbildungen des Generals verboten. Wurde man mit einem Foto von ihm erwischt, konnte man für ,kommunistische Agitation‘ lebenslang ins Gefängnis gesteckt werden. Ausschließlich bösartige anti-nordkoreanische Karikaturen waren erlaubt …“
Wer wissen will, warum die Koreaner Japans Nordkorea-Fans sind, auf welchen Leichenbergen vermeintlicher Kommunisten Südkorea aufgebaut wurde und wie alles unter den wohlwollenden Blicken der amerikanischen Besatzungsmacht geschehen konnte, lernt in dem einzigartigen Werk nicht nur Unerhörtes über die Geschichte Koreas, sondern auch viel über Japan und den amerikanischen Imperialismus. Es wäre interessant zu erfahren, ob das Buch eine Chance hat, in Nord- und Südkorea veröffentlicht zu werden. Auf jeden Fall wäre dem Buch eine Übersetzung ins Koreanische zu wünschen. Der Roman erschien bei Suhrkamp und ist 559 Seiten stark, er kostet 24 Euro.