Der Janusköpfige

Richard Wagners ambivalentes Judenbild
von Wulf Skaun

Jour fixe ist im Januar in sein drittes Jahr gestartet. Im Leipziger Domizil der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen halten die einheimischen Historiker Klaus Kinner und Manfred Neuhaus, Begründer dieses „unkonventionellen Gesprächskreises“, eine kurze Rückschau auf 20 gut besuchte und dokumentierte Diskursabende. Ihr Zeugnis vor wiederum vollem Haus: Jour fixe übertrifft ursprüngliche Erwartungen eines „gepflegten“ politkulturellen Gedankenaustausches Interessierter. Engagierte Themen- und Kommunikationsprofis regen streitbare Debatten an, die auch bei schwierigen Fragen in gemeinsamem Erkenntnisgewinn münden. Fazit: Fortsetzung folgt.

Nun also die 21. Auflage: Richard Wagner und das Judentum. Zu diesem immer noch heiklen, weil unterschiedlich bewerteten, Thema legt der Literaturwissenschaftler Klaus Pezold Werner Wolfs Sicht dar. Bravourös, wie Pezold den verhinderten Musikwissenschaftler „werkgetreu“ mittels dessen Stichwortkonzept vertritt, ohne auf eigene sparsame Kommentierungen zu verzichten. Wie also hält es Leipzigs Nestor der Musikkritik mit Wagner? Um es vorwegzunehmen, wie etliche Kenner der Materie auch: Er stellt den Komponisten, sein Werk und seine Gesinnung in Zeit und Raum – und bilanziert Wagners Verhältnis zum Judentum als zwiespältig. Es changiere, je nach Gemütslage und/oder eigener Kapitaldecke, zwischen anbiedernder Judenfreundlichkeit und bösartigem Judenhass. Dieser Bericht kann Werner Wolfs systematisches und chronologisches Herangehen an die in Rede stehende Frage nur bruchstückartig und stark abstrahierend abbilden. Als junger Mann habe Wagner durchaus gute Beziehungen zu jüdischen Zeitgenossen unterhalten, solange sie seinen Hang zu luxuriösem Leben mit Geldzuwendungen unterstützten und seine Großmannsallüren ertrugen. Der jüdische Komponist Giacomo Meyerbeer sei das Paradebeispiel für Wagners aus Antipathie wuchernden Antisemitismus, nachdem dieser ihm dreiste Darlehensforderungen verweigert hatte. Jetzt entpuppte sich der spätere geniale Ring-Schöpfer auch als kleinkarierter Charakter, der dem damals berühmtesten Opernkomponisten, seinem Mentor und Brückenbauer in seinen Pariser Jahren, den Erfolg neidete. In einem Brief an Franz Liszt schrieb er 1851: „Ich hasse ihn nicht, aber er ist mir grenzenlos zuwider. Dieser ewig liebenswürdige, gefällige Mensch erinnert mich, da er sich noch den Anschein gab, mich zu protegieren, an die unklarste, fast möchte ich sagen lasterhafteste Periode meines Lebens.“ Ähnliche Neidattacken galten auch Felix Mendelssohn-Bartholdy, obwohl der Nachfahre des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn längst protestantisch getauft war. Seine antijüdischen Positionen manifestierte Wagner in seiner Schrift „Das Judenthum in der Musik“, 1850 noch unter Pseudonym, in der Neuauflage 1869 unter seinem Klarnamen. Wider besseres Wissen geiferte er darin, Juden seien künstlerisch unkreativ, sie könnten nur nachahmen und setzten auf bloße äußere Effekte. Wagners Herabwürdigung des Judentums ging über rote Haltelinien hinaus. Wenn Pezold mit Wolf konstatierte, Wagner sei unbestritten zum Antisemiten geworden, nicht aber zum Rassisten, muss an des Komponisten eigene Worte erinnert werden: Juden gehörten nicht zu den Deutschen. „Der Jude hat etwas unangenehm Fremdartiges an sich“. Auch die Frage, ob sich Wagners Judenhass in seinen musikalischen Werken zeige, verneinte Wolf wie andere auch. Man könnte ihn, falls angelegt, nicht explizit nachweisen. Für den Wagnerexperten und Buchautor Jens Fischer hingegen („Richard Wagner und seine Wirkung“) durchzieht Wagners Ungeist auch manches seiner Werke. Es scheint, sein Verhältnis zum Judentum bleibt ein Desiderat musikwissenschaftlicher Forschung.

Wie bei Jour fixe üblich, flankierte ein literarisches Pendant den Vortrag. Christine Pezold vom Richard-Wagner-Verband Leipzig stellte Ulrich Drüners 2016 erschienene Biographie „Richard Wagner. Die Inszenierung eines Lebens“ vor. An markanten Beispielen reflektierte sie zunächst die widersprüchlichen öffentlichen Rezensionen des 800-Seiten-Buches, die von Lob („großartige Biographie, die mit einigen Traditionen aufräumt“) bis zum Verriss („überflüssiges, ärgerliches Buch voller fragwürdiger Behauptungen“) reichen. Obwohl Drüner im Gegensatz zu anderen Wagner-Biographen Musiker und Musikwissenschaftler sei, spiele die Musik Wagners auch bei ihm „nicht die ganz große Rolle“. Drüners Ansatz, den „Mythos Wagner“ aufzulösen, führe mitunter zu weitschweifiger subjektivistischer Deutung ohne Beweiskraft. So interpretiere der Autor Wagners Antisemitismus als kreatives Aufputschmittel für sein Wohlbefinden. Der „Ring des Nibelungen“ bedeute ihm, obwohl die Nibelungen Wagners Abbild des Judentums seien, aber kein durchgängig antisemitisches Werk. Mit einigen zugespitzten Thesen, so die langjährige Wagnerianerin, erzeuge Drüner sicherlich Widerspruch. Seine materialreiche Darstellung und etliche Erstabbildungen machten das Buch aber zur empfehlenswerten Lektüre.