Den Perspektivwechsel befördern

von Katja Kipping

Wie umgehen mit dem wachsenden Rassismus und dem Hass auf Geflüchtete? Diese Frage ist für viele Linke nicht nur eine theoretische, sondern eine ganz praktische an vielen Infoständen. Zwei Ansätze sollten Linke im Umgang mit Rassismus vermeiden: zum einen die Beschimpfung von Wählerinnen und Wählern, zum anderen, Verständnis heischend rassistische Deutungsmuster zu bestätigen. Beides, Beschimpfung wie das „Nach-Dem-Munde-Reden“, wird die Abwehr linker Ansätze beim Gegenüber eher verstärken somit den Zeitgeist weiter nach rechts verschieben.

Im Alltaggespräch und am Infostand werden unsere Grundsätze dem Praxistest unterzogen. Deshalb möchte ich eine Begegnung, die bezeichnend für viele war, wiedergeben: Ende 2016 waren wir mit der Kampagne „Das muss drin sein“ auch in Dresden unterwegs, um Druck für bezahlbares Wohnen zu machen. Als ich ein älteres Paar anspreche, stutzt der Mann einen Moment und sagt dann: „Mit euch will ich nichts mehr zu tun haben, ihr seid ja für die Flüchtlinge, für dieses Pack.“ In so einem Moment weder mit Beschimpfungen noch mit Opportunismus zu reagieren, ist gar nicht so einfach. Ich habe tief durchgeatmet und dann wie folgt reagiert: „Wissen Sie, ich werde Ihnen nicht nach dem Mund reden, ich habe da eine andere Überzeugung. Das mag jetzt nicht angenehm für unser Gespräch sein, aber Sie können gewiss sein, ich rede auch anderen nicht nach dem Mund. Ich finde, es gibt genügend Politiker, die ihr Fähnchen in den Wind hängen.“ In dem Moment veränderte sich etwas in seiner Haltung, und ich stellte ihm eine Frage: „Mal angenommen, Sie setzten sich durch und alle Geflüchteten würden abgeschoben. Glauben Sie wirklich, dass dann ihre Rente deutlich steigen würde?“

Daraufhin kamen wir ernsthaft ins Gespräch. Beide erzählten mir, dass sie an einem Tag zwei Briefe bekommen hatten. In dem einen ging es um die Rentenerhöhung und in dem anderen um die Mieterhöhung. Und die Mieterhöhung fiel deutlich höher aus. Wir sprachen dann über Mietspekulationen, und darüber, was dagegen zu tun ist. Darüber, dass verschiedene Bundesregierungen den sozialen Wohnungsbau sträflich vernachlässigt haben. Darüber, dass die Privatisierung der kommunalen Wohnungsgesellschaft ein großer Fehler war. Am Ende wünschten sie uns alles Gute. Ich hatte den Eindruck, dass in diesem Gespräch ein Perspektivwechsel angeschoben wurde.

Und genau darum geht es: den Perspektivwechsel. Es geht darum, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Sie ernst zu nehmen, aber ihnen nicht nach dem Mund zu reden. Und die Frage nach Verantwortlichkeiten anders zu beantworten. Insofern ist auch der Unterschied zwischen rechts und links ganz einfach zu benennen. Linke wollen soziale Gerechtigkeit und Freiheitsrechte für alle – unabhängig vom Stammbaum. Links ist, sich mit Mietspekulanten anzulegen sowie Superreiche und Konzerne stärker zu besteuern. Sündenbockpolitik und das Treten nach unten sind hingegen rechts!