Computer kostenlos – oder: HartzIVler helfen HartzIVlern

Ein Gespräch mit Horst Matzen, dem Vorsitzenden des Computer Spende Hamburg e.V.

Die Recherche beginnt mit einer Überraschung. Längst sollte die Computer Tafel Hamburg an dieser Stelle vorgestellt werden. Diese großartige Idee, dass Menschen im Hartz IV-Bezug (sieben Millionen sind es zurzeit in Deutschland) gegen Vorlage ihres Bescheides kostenlos einen PC bekommen können, verdient es schließlich, weit verbreitet zu werden. Doch die Computer Tafel gibt es nicht mehr. Was machen die Eheleute im reiferen Alter heute, welche die Initiative in Dresdens norddeutscher Partnerstadt ins Leben riefen? Gibt es das soziale Unternehmen etwa nicht mehr? Endlich gelingt es, Horst Matzen auf einer Homepage ausfindig zu machen – unter Computerspendehamburg.de. Ralf Richter hat mit ihm gesprochen.

Herr Matzen, der Begriff „Computer Tafel“ war so ein treffender Name. Hätten Sie denn diesen Namen nicht weiter führen können? Jeder denkt beim Namen „Tafel“ mittlerweile daran, dass dort Menschen, die bedürftig sind, kostenlos etwas bekommen können. Millionen kennen den Namen und hunderttausende sind gezwungen – jedes Jahr werden es mehr –, diese Tafeln zu frequentieren.

Ja, wir fanden den Namen auch gut und hätten ihn gern behalten. Aber der damalige Vorsitzende der Hamburger Tafel hat uns mit einer Klage gedroht, wenn wir den Namen beibehalten. Der Name „Tafel“ sei doch geschützt und wir dachten, bevor wir da Ärger kriegen …

Das kann doch nicht wahr sein!

Ich weiß auch nicht, ob sich die Tafel Hamburg damit einen großen Gefallen getan hat. Für uns bedeutete das natürlich Aufwand und Kosten – wir mussten ja nun unter einem neuen Namen weiter machen. Wir nannten uns schließlich Computerspende Hamburg, aber das ist ja auch treffend.

Wenn man anderen mit PCs helfen will, muss man sich zunächst einmal selbst helfen können. Wann begann für Sie das Computerzeitalter?

Das war Mitte der 90er Jahre. Ich habe mir für teures Geld einen PC von IBM auf Ratenzahlung angeschafft und das gute Stück ist dann nach Ablauf der Garantie prompt kaputt gegangen. Nun hatte ich mich aber so an das Gerät gewöhnt und wollte es weiter nutzen. Entweder hätte ich mir einen neuen kaufen oder mich um eine Reparatur kümmern müssen.

Sie haben sich nicht zuletzt aus Kostengründen für die umweltfreundlichere Variante entschieden, schätze ich …

Meine Computerkenntnisse waren ziemlich gering, aber ich hatte schon ein großes Interesse daran, den Fehler zu finden – und glücklicherweise einen Bekannten, der sich etwas besser mit der Technik auskannte. Also habe ich mich mit ihm auf Fehlersuche begeben – dennoch hat es 14 Tage gedauert, bis wir Erfolg hatten.

Wenn das nicht für Ausdauer und Optimismus spricht! Das Erlebnis hat sie also nicht abgeschreckt, sondern überzeugt, weiter zu machen?

Ja natürlich. Ich habe mit meiner Frau einen „PC Doktor“ gegründet – also versucht, mein Hobby zum Beruf zu machen. Doch in unserer Heimatstadt Lütjenburg merkten wir sehr bald, dass diejenigen Leute, die einen reparaturbedürftigen PC hatten und eben kein Geld für einen neuen PC aufbringen konnten, nicht über das Geld verfügten, diese Reparatur zu bezahlen, weil viele Hartz IV bezogen.

Die ARGE setzt sich zwar dafür ein, dass Hartz IV Bezieher einen Fernseher nutzen können, aber beim PC …

Tatsächlich gilt Fernsehen als ein Grundbedürfnis, dessen Befriedigung gewährleistet werden muss. Aber ein PC, mit dem man nicht nur fernsehen, sondern auch Bewerbungen schreiben, nach Stellen recherchieren, sich weiterbilden kann durch kostenlose Tutorials, dafür ist kein Geld vorgesehen im Hartz IV-Mechanismus. Vielleicht sollten einige Politiker anfangen, einmal darüber nachzudenken – und am allermeisten leiden doch unter fehlendem PC und Internet die Kinder. Hausaufgaben machen ohne Internetrecherche und E-Mail-Adresse, wie soll das gehen? Viele Informationen stellen die Lehrer auch heute ins Netz. Das war das Entscheidende, das mir zu denken gegeben hat. Wir wollten einfach denen helfen, die Hilfe nötig haben.

Aus dem PC Doktor entwickelte sich allmählich – im Zusammenhang mit einem Umzug nach Hamburg – die Computer Tafel. Woher kommen die Computer?

Vielleicht ist Hamburg für so eine Initiative auch ein sehr guter Standort. Wir selbst haben kein Auto, aber es gibt viele Firmen hier in der Nähe, und 99 Prozent der PC-Spendewilligen sind bereit, die Computer bei uns vorbei zu bringen wenn ich Ihnen erkläre, dass wir die Anlagen nicht abholen könnten,. Wir gingen übrigens wegen eines Jobangebotes nach Hamburg, aber bald war die Stelle weg und dann bekam man selbst Hartz IV.

Wer Hartz IV bezieht, kann also bei Ihnen vorbei kommen und sich hin und wieder einen PC holen, funktioniert das so?

Nein. Mit dem entsprechenden Berechtigungsschein gibt es einmalig eine Anlage. Man kann nicht mehrfach vorbei kommen.

Bei den Tafeln wird konstatiert, dass seit 2015 die Zahl der Empfänger mit Migrationshintergrund deutlich zugenommen hat. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Flüchtlinge bekommen – wenn sie nur sagen, dass sie Flüchtlinge sind – keinen PC bei uns. Sie erhalten ja anfangs auch Geld aus ganz anderen Töpfen. Sobald sie aber Hartz IV beziehen, erhalten sie bei uns einen Computer wie jeder andere auch. Es geht hier also bei der Computerspende Hamburg nicht um Einheimische oder Zugewanderte, sondern um Bedürftigkeit, und die macht sich für uns am Bezug von Hartz IV fest.

Die Computerspende Hamburg ist inzwischen ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Muss man Mitglied des Vereins sein, um einen Computer zu bekommen?

Das ist nicht nötig. Die Vorlage des Scheines vom Amt reicht.

Wie viele Mitglieder hat ihr Verein und welche Vorteile hat man, wenn man Mitglied ist?

Wir haben inzwischen bundesweit 149 Mitglieder – es könnten viel mehr sein. So wie es Fahrradselbsthilfewerkstätten gibt, so leisten wir Hilfe zur Selbsthilfe. Man kann dann also unter Anleitung die Fehler selbst suchen und das Gerät letztlich selbst hier reparieren.

Wie hoch ist der Mitgliedsbeitrag?

Ich finde ihn sehr moderat – zwei Euro monatlich. Dafür kann man sich mit Gleichgesinnten austauschen, ständig gemeinsam Neues lernen.

Auf Ihrer Homepage sieht man, dass die Computer Spende Hamburg e.V bereits Ortsgruppen anderswo hat.

Es ist unser Ziel, dass sich Einrichtungen wie unsere über das ganze Land verbreiten. Denn auf der einen Seite tut man etwas für den Umweltschutz: Computer werden nicht verschrottet sondern weiter genutzt. Zweitens gibt an zentraler Stelle eine soziale Komponente – Kinder und Jugendliche bekommen durch den PC überhaupt eine Chance in der Schule mitzuhalten. Drittens muss sich jeder, der einen PC reparieren will, ständig fortbilden, sonst bleibt man auf der Strecke.

Obwohl sie bislang nur von wenigen Medien verbreitet wurde, hat ihre Idee also Freundinnen und Freunde außerhalb Hamburgs gefunden.

Leider kennen noch zu wenige unsere Initiative – sonst gäbe es viel mehr solcher Einrichtungen. Andererseits haben wir nun immerhin schon zwei Ortsgruppen außerhalb Hamburgs, eine in Köln und eine in Mühlheim an der Ruhr.

Wie sind die Gruppen entstanden?

Interessenten haben uns angerufen und gefragt, ob sie Mitglied werden können. So entstanden Kontakte und über die Kontakte Ortsgruppen. Alles wächst ja erst allmählich.

Ich kann mir vorstellen, dass das nicht so ohne weiteres in einer kleinen eigenen Wohnung zu bewerkstelligen ist. Wie groß sind die Spenden denn so?

Es kommt schon hin und wieder vor, dass eine Firma mit einer Spende von 250 bis 300 PC „droht“. Das ist dann natürlich in der Tat eine anständige Menge, die untergebracht werden will. Wir haben dafür aktuell einen Raum mit 92 Quadratmetern, der natürlich auch als Werkstatt genutzt wird.

So haben Sie aber nicht angefangen, oder?

Wir haben tatsächlich in unserer kleinen Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung begonnen. Was aber auch zu bedenken ist: Fast alle großen Vermieter haben Räume, die sie für solche Nutzungen vergeben können. Firmen, die für uns spenden, geben sich ein positives Image und das Gleiche trifft für diejenigen zu, die unserem mildtätigen gemeinnützigen Verein Räume zur Verfügung stellen. Zudem machen wir keinen Lärm – was hier klappt, funktioniert auch anderswo.

Dann sollte das auch in Sachsen klappen – was muss einer mitbringen, der eine Ortsgruppe aufbauen will?

Interesse an Technik. Soziales Engagement und die Bereitschaft, viel und intensiv rein ehrenamtlich zu arbeiten. Ich arbeite schon mal zehn Stunden – aber Stress machen wir uns nicht. Ich bin inzwischen Rentner, und was gibt es da Schöneres, als sich ständig weiter zu bilden, Sinnvolles zu tun, anderen Menschen zu helfen? Wir hatten hier mal eine Tombola, bei der wir zwanzig Anlagen auf einen Hieb verschenkt haben. Ich habe in Berlin den Fall der Mauer erlebt, aber glauben Sie mir: Der Jubel bei uns war größer!