The Offer – Das Angebot

von Hector

Das Weihnachtsgeschäft liegt nun hinter den Beschäftigten von Amazon. Man sollte erwarten, dass jetzt alles etwas ruhiger abläuft. Aber von Ruhe sind die Beschäftigten weit entfernt. Das Bestellvolumen ist im Vergleich zum Vorweihnachtsgeschäft deutlich zurückgegangen und von den über 2.000 Weihnachtsaushilfen wurden ca. 200 in befristeten und unbefristeten Arbeitsverhältnissen weiterbeschäftigt. Eigentlich eine gute Sache, könnte man meinen. Es gibt aber einen Haken. Das Bestellvolumen am Standort Leipzig ist zu niedrig, um alle Mitarbeiter die ganze Woche mit Arbeit zu versorgen. Zusätzlich werden sogar seit Anfang Februar noch neue Mitarbeiter eingestellt.

Um dieses Paradox aufzuklären, lohnt ein Blick hinter die Kulissen. Seit Jahresbeginn 2017 fährt die Geschäftsführung von Amazon eine knallharte Linie gegen die Beschäftigten. Dabei wird zielgerichtet gegen Mitarbeiter vorgegangen, die schon mehrere Jahre bei Amazon beschäftigt und gewerkschaftlich organisiert sind. Die aus dem Weihnachtsgeschäft übernommenen und jetzt neu eingestellten Kollegen sollen mittelfristig die Kernbelegschaft ersetzen.

Für den Monat Februar lobt Amazon ein Angebot namens „The Offer“ aus. Dies wird auf mehreren Plakaten und in der Mitarbeiterversammlung, auch „All Hands“ genannt, angepriesen. Es wird auch immer wieder in den Meetings und bei Mitarbeiterversammlungen aufgerufen. Ironischerweise folgt diesem Angebot immer der Spruch: „Wir hoffen, dass ihr dieses Angebot nicht annehmt.“ Bei „The Offer“ handelt es sich um ein zeitlich begrenztes Angebot des Arbeitgebers, aus dem Arbeitsvertrag auszusteigen und eine Art Abfindung dafür zu erhalten. Dieses sogenannte Angebot baut dabei auf Freiwilligkeit. Es gibt aber auch Fälle im Unternehmen, in denen etwas nachgeholfen wurde und man den Mitarbeiter dazu gedrängt hat, dieses Angebot anzunehmen. Bei einigen Mitarbeitern hat das funktioniert. Dabei ist das Management fast ausschließlich auf Gewerkschaftsmitglieder zugegangen und hat nachgefragt, ob man sich denn schon mal auf dem Arbeitsmarkt umgeschaut hat.

Es gibt aber noch andere Methoden, mit denen die Geschäftsleitung Mitarbeiter aus dem Angestelltenverhältnis drängen will. Das geht es von Gesprächsnotizen (eine Art interne Vorstufe zur Abmahnung) über Ermahnungen bis zu Abmahnungen. Zurzeit ist der Betriebsrat ständig damit beschäftigt, Mitarbeiter bei Personalgesprächen zu vertreten, um Schlimmeres zu verhindern. Oftmals geht es bei diesen Personalgesprächen nur um Kleinigkeiten, die von Seiten des Managements riesig aufgebauscht werden. Es wird regelrecht nach Fehlern gesucht, um unliebsame Mitarbeiter loszuwerden. Frei nach dem Motto: wer sucht, der wird finden. Aber selbst wenn man sich korrekt verhält, schützt das nicht unbedingt vor einer Rüge. Es ist schon vorgekommen, dass sich zwei Vorgesetzte abgesprochen, aus der Luft gegriffene Vorwürfe angebracht und sich gegenseitig als Zeugen angegeben haben. Eine Gegendarstellung hilft dabei nicht, da Vorgesetzten mehr Glauben geschenkt wird als dem einfachen Mitarbeiter. Für solche konstruierten Fälle gibt es keine Abmahnungen, gegen die man rechtlich vorgehen könnte. Man belässt es bei Gesprächsnotizen, die in die Personalakte eingefügt werden. Dort wird dokumentiert, dass sich das Vertrauensverhältnis zum Mitarbeiter verschlechtert. Im schlimmsten Fall kann man verhaltensbedingt kündigen, da das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nachhaltig beschädigt sei. Nun mag man meinen, dass Vorgesetzte Besseres zu tun hätten als den ganzen Tag nach Fehlern bei ihren Angestellten zu suchen. Wie eingangs erwähnt ist aber das Bestellvolumen derzeit relativ gering, so dass sich das Management anderen Dingen zuwenden kann.

Viele der Vorgesetzten kommen direkt von der Universität und sind noch sehr jung. Ohne je die Tätigkeit, der sie vorgesetzt sind, länger als ein paar Stunden ausgeübt zu haben, werden sie als Abteilungsleiter eingesetzt. Um sich aus der Masse der Vorgesetzten herauszuheben, sehen viele von ihnen eine Möglichkeit darin, Mitarbeiter zu drangsalieren. Sie sprechen dann davon, dass sie ihre Abteilung produktiver machen und die Mitarbeiter weiterentwickeln wollen. Das Motiv dahinter scheint zu sein, dass man bei der Personalabteilung punkten will, weil man sich bei der nächsten internen Stellenausschreibung auf eine höhere Position bessere Chancen ausrechnet.

Der Betriebsrat steht derzeit diesen Machenschaften des Managements ziemlich ohnmächtig gegenüber. Hier würde auch mehr Rechtssicherheit und einfacheres Vorgehen gegen Mobbing helfen. Das ist aber etwas, bei dem die Politik Vorarbeit leisten müsste.