Sie machten sie zur Rosa, wie wir sie kennen

Erinnerungen an Leo Jogiches, Julian Marchlewski und Adolf Warski
von Wulf Skaun

Vorbilder als Wegweiser. Petra Kelly, Mitbegründerin der Grünen, erkor Rosa Luxemburg zu ihrer „Lieblingsgestalt in der Geschichte“. Ihre Seelenverwandtschaft ging so weit, dass sie ihre Briefe manchmal mit „Rosa L.“ unterschrieb. Und die „Säulenheilige“ selbst? Wer wies der Realpolitikerin und Theoretikerin der entschiedenen Linken den Weg, begeisterte und formte sie? Im jüngsten Ständigen Rosa-Luxemburg-Seminar gab Holger Politt die Antwort: drei Männer – Leo Jogiches, Julian Marchlewski und Adolf Warski. In der Leipziger Dependance der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen riss es den Luxemburg-Forscher und Übersetzer ihrer polnischen Texte geradezu fort, als er in einem fulminanten freien Vortrag den Glanz der drei sozialdemokratischen Kampfgefährten, im real existierenden Sozialismus fast vergessen gemacht, aufpolierte und sie als „Mentoren“ und engste Mitstreiter Rosa Luxemburgs adelte. „Sie haben sie zu der Person gemacht, die sie für uns ist“, pointierte er deren revolutionäre Geburtshelferrolle. „Sie haben den Urimpuls ihres Denkens gesetzt. Ihr Verdienst ist es, dass sie Sozialdemokratin geworden ist.“ Politt verhehlte seinem Auditorium nicht, dass er sich als Philosoph und nicht als Historiker äußere und welche Mühe es ihm bereitet habe, das Dickicht der Zickzack-Geschichte der Arbeiterbewegung „im russischen Teil Polens“ und um die Auseinandersetzungen „um die polnische Frage“ überhaupt zu durchdringen. Aus Platzgründen können hier ohnehin nur die initialen Beziehungen der drei Männer zu Rosa L. angerissen werden, obwohl der Referent deren gesamtes Leben und Wirken in die Kämpfe ihrer Zeit einbettete.

Julian Marchlewski (1866-1925), Sohn einer deutschen Mutter und eines polnischen Vaters, hatte exzellente Verbindungen zu den polnischen Arbeitern, was dem späteren Quartett bei seiner politischen Mission von hohem Nutzen war. In Leo Jogiches (1867-1919), litauischer Berufsrevolutionär jüdischer Abstammung, verliebte sich Rosa 1892. Er wurde ihr engster persönlicher und politischer Partner und blieb es auch nach dem Ende ihrer privatimen Beziehung 1906. Der Dritte im Bunde, Adolf Warski (1868-1937), in Warschau geboren, stammte aus einer assimilierten jüdischen Familie. 1893 lernten sich alle vier in Zürich kennen. Als einzige Aktivisten in der II. Internationale sprachen sie polnisch, deutsch und russisch, ein Bonus, der ihnen für Kontakte zur deutschen und russischen Sozialdemokratie zugutekam. Luxemburg konnte so auch Karl Kautsky an sich binden. Nachdem sie mit ihren drei Kampfgefährten die Sozialdemokratie des Königreichs Polen (SDKP) und die von Jogiches finanzierte Pariser Exilzeitung Sprawa Robotnicza („Arbeitersache“) gegründet hatte, begann auch ihre journalistische Laufbahn. „Rosa war Leos Feder. Sie ,übersetzte‘, was der beste Kenner der russischen Revolution von 1905/06 und ,begnadete Theoretiker‘ wegen einer Schreibblockade nicht selbst in Worte fassen konnte“, beschrieb Holger Politt die Situation. Das mochte sein Philosophenkollege Volker Caysa so nicht stehen lassen. Wie Hannah Arendt sehe er in Jogiches den großen Konspirateur und Organisator, den „Seismographen“ der Stimmungen und realen Bewegungen der Massen, in Rosa aber den führenden intellektuellen Kopf. 1906 mussten die vier Genossen die von ihnen nicht erwartete Niederlage der russischen Revolution erleben. Eine in Strategie und Taktik völlig übereinstimmende Gemeinschaft blieben sie danach nicht mehr. So vertraten Luxemburg und Marchlewski unterschiedliche Positionen zum Selbstbestimmungsrecht der Nationen und zur Diktatur der Bolschewiki. Alles nachzulesen in Holger Politts Schriften.