„Ich bin eine Dame von Stand!“

von Peter Porsch

„… und i bin des Dirndl vom Land.“ So begann ein Dialog, den wir als Kinder immer wieder aufsagten. Es gibt ihn in hunderterlei Variationen verschiedener Längen. Auch die Dialekte des Dirndls wechseln. Die Dame spricht natürlich Hochdeutsch, was ihre Bildung hervorhebt. Die mir bekannte Version ging so weiter: „Ich spreche sieben Sprachen und spiele Klavier.“ – „Und i tua Sau füttern dafür.“ – „Pfui, vom Schweinefüttern möchte ich überhaupt nichts hören.“ – „Ja, aber Schinken fressen, des tuns gern.“ – „Mir küsst jeder feine Herr die Hand.“ – „Und wann mir der Hansl a Bussel gibt, is es a ka Schand!“ Punktum, das Dirndl hat sich behauptet. Natürlich war unsere Sympathie beim Dirndl, auch wenn wir Stadtkinder waren. Im Arbeiterbezirk gab es nur gelegentlich „durchrauschende“ Damen, die Hausbesitzerin zum Beispiel, oder Möchtegern-Damen. Solche nannte meine Oma spöttisch „Frau Sachen“.

Ich will mich jetzt nicht als Schulmeister hervortun. Die geneigten Leserinnen und Leser können sich sicher die „Moral von der Geschicht’“ selbst erschließen. Jeder und jede auf seine oder ihre Art. Ich kann mich aber nicht zurückhalten und stelle mit Freude zunächst fest, dass wir Kinder schon sehr früh und sehr wohl um Standes- und Klassenunterschiede wussten. Wir konnten sie auch festmachen, an Essgewohnheiten, an Sprache und an unterschiedlich nützlichem Wissen und Können. Wobei uns eigentlich nur das Wissen und Können des Dirndls auch als nützlich erschien. Was muss ich Klavier spielen können. Dass man damit angeblich Glück bei den Frauen hat, war uns nicht bekannt und musste es auch noch nicht. Sieben Sprachen!? Mit wem sollten wir die sprechen. Es war uns nicht gesungen, dass wir unser Milieu verlassen könnten. In diesem Milieu war man jedoch maximal eineinhalbsprachig: Man begegnete sich im Dialekt, was Vertrauen schuf, und übte sich für die Schule in einem eigentlich fremden und meist lächerlich geradebrechtem Standarddeutsch. Selbst ins Gymnasium verschlagen, quälten wir uns schon mit zwei oder drei Sprachen; und warum da Latein dabei sein sollte, konnte uns damals niemand schlüssig beantworten. Heute könnte ich das vielleicht, aber wahrscheinlich nicht verständlich für alle, sondern meist nur für jene, die das gleiche „Glück“ mit Latein hatten. Dass Sprachen wichtig sind für die „Flucht“ aus einem Milieu, das kein großes Prestige genoss, bei uns nicht und auch nicht bei den anderen, wissen unsere Kinder heute. Kann sein, ein anderes Wissen ist damit aber in den Hintergrund getreten oder gar verloren gegangen. Es ist das Wissen darum, dass das Schweinefüttern der einen die Voraussetzung für das Schinkenfressen der anderen ist. Reichtum ist sehr unterschiedlich verteilt. Die, die die Schweine füttern, haben nicht so viel auf dem Konto. Andere sind so reich, dass sie sich das Schweinefüttern als Hobby leisten können. Da verschwimmen Unterschiede, und der einen schwere Arbeit erscheint den anderen als originelles Vergnügen. Stolz gibt man vor zu wissen, woher der Schinken kommt.

Nun will ich die Veganerinnen und Veganer aber nicht mehr länger reizen. Das Schweinefüttern, das Sieben-Sprachen-Sprechen, das Klavierspielen und Schinkenfressen, Busserl und Handkuss sind hier nur Metaphern für soziale Unterschiede. Letztere aber gab es und gibt es noch immer. Sie entscheiden nicht nur erheblich über mögliche Lebenswege, sondern auch über das jeweilige Bild von der Welt sowie von der eigenen und der anderen Wahrheit, formuliert in der eigenen oder der anderen Sprache. In welchen Milieus sind wir Linken heute eigentlich angesiedelt? Unsere Klientel sollten mit Sicherheit jene sein, „die Schweine füttern“. Diese Erkenntnis kann aus Erfahrung kommen oder sie kann Ergebnis scharfer wissenschaftlicher Analyse sein. Damit tun sich freilich zwei neue Fragen auf: Verstehen uns jene, für die wir Partei ergreifen, eigentlich als ihre Sachwalter, wenn wir dies in ebenso scharfer wissenschaftlicher Sprache verkünden und begründen? Und: Haben die „Schweinefütterer“ nach getaner Arbeit noch Zeit und Muße, 71 Seiten Wahlprogramm zu lesen, um letztlich und aus gutem Grund überzeugt davon zu sein, dass es nur so und nicht anders für sie zum Besten wird?