Film(Nach)Betrachtung: „Gewissen in Aufruhr“

von René Lindenau

Es gibt Dinge, die drängen sich immer wieder auf. Dazu gehören bestimmte Ereignisse in unserem Leben oder dem unserer Vorfahren. Aber auch Bücher oder Filme, die sich mitunter tief in das Gedächtnis eingraben und prägend für das künftige Handeln sind – so sollte es jedenfalls sein –: wie beim fünfteiligen DDR-Spielfilm „Gewissen in Aufruhr“ von 1961, der auf wahren Ereignissen beruht, und zwar dem Leben von Rudolf Petershagen. In Hauptrollen – dem Ehepaar Ebershagen – waren die bekannten Schauspieler Erwin Geschonneck und Inge Keller zu sehen. Schon die beiden im filmischen Miteinander zu erleben ist bis heute ein Genuss.

Der Protagonist von „Gewissen in Aufruhr“ beginnt sein „Spiel“ als Oberst der Wehrmacht in der Hölle Stalingrads, eingekesselt mit der 6. Armee des General Paulus. Er selbst entkommt dem Kessel als Verwundeter noch mit einer der letzten Maschinen. Ob die Kampfhandlungen an der Wolga, Erlebnisse bei seinem Urlaub daheim, Begegnungen im Lazarett mit einem SS-Offizier – das alles lässt den Oberst zunehmend über Sinn und Unsinn dieses Krieges nachdenken. Auch muss er erleben, dass sein einstiger Fahrer und Mitbewohner sich zum Nationalkomitee „Freies Deutschland“ abgesetzt hat. Als er 1945 als „Kampfkommandant“ seiner Heimatstadt Greifswald eingesetzt wird, geht er angesichts der Aussichtslosigkeit der Lage daran, eine kampflose Übergabe der Stadt an Rote Armee vorzubereiten. Denn wofür lohnte es sich zu kämpfen? Die Bürger der Stadt danken es ihm und machen ihn zehn Jahre später zu ihrem Ehrenbürger, während die (ohn)mächtigen Uniformträger ihn in Abwesenheit zum Tode verurteilen.

Dann folgt der Gang in die sowjetische Kriegsgefangenschaft. Hier muss er viel Ausgrenzung und Häme von seinen früheren vermeintlichen Kameraden erfahren. Ebershagen machen sie die Übergabe Greifswalds an die Rote Armee und seine inzwischen sehr kritische Haltung zum vergangenen Krieg zum Vorwurf. Doch auch das sollte er überstehen, selbst einen Mordanschlag jenes SS-Offiziers aus dem Lazarett, auf den er später noch einmal treffen sollte.

Dem folgt ein kurzes „verwaltungstechnisches“ Zwischenspiel. Das sozialistische Aufbauwerk kann beginnen – der frühere Wehrmachtsoberst als Kreisrat der Insel Usedom. Doch als Ebershagen einer Einladung von alten Kameraden folgend 1950 auf „Westreise“ geht, verfängt er sich in einem Netz aus Intrigen westlicher Geheimdienste. Als es denen selbst mit schäbigen Erpressungsversuchen nicht gelingt, den DDR-Bürger für ihr mindestens genauso schäbiges Ziel einer Wiederbewaffnung Westdeutschlands einzuspannen, hängt man ihm eine fingierte Anklage wegen Menschenraubs an. Nach einem Prozess lautet das Urteil: sechs Jahre Zuchthaus in der „freien Welt“. Und wieder ist er eingesperrt, erneut lange getrennt von seiner Frau. Aber was verschärfend auf Ebershagen wirken muss ist, dass man ihn mit einer Reihe von Wehrmachtsgenerälen und SS-Schergen in das Kriegsverbrechergefängnis Landsberg schickt. Bezeichnend für das neue Denken der Adenauer-Republik; die zu Kriegsverbrechen verurteilten hohen Herren von Wehrmacht und SS durften das Gefängnis eher verlassen als derjenige, der letztlich von ihresgleichen in den letzten Kriegstagen noch zum Tode verurteilt wurde. Und der schon erwähnte SS-Offizier aus einem Lazarett steht eines Tages als Mitarbeiter des bayerischen Justizministeriums in Landsberg vor seiner Zellentür.

Nur wegen Ebershagens schlechter Gesundheit hat der Spuk von Landsberg drei Jahre vor dem Ablauf der ursprünglichen Haftdauer ein Ende.

Die letzte Szene zeigt die Ebershagens. Er geht durch die damals noch offene Grenze am Brandenburger Tor auf sie zu, sie rennt auf ihn zu, und ihm in seine Arme – wiedervereint!

Schließlich nach Hause gefahren werden sie vom damaligen Fahrer des Obersten, da er selbst nun General der bewaffneten Organe der DDR ist.

Inzwischen ist die DDR jedoch auch Geschichte, deren Ende das historische Vorbild – Rudolf Petershagen – aufgrund seines Todes 1969 nicht erleben musste. Er wäre nur Zeuge weiterer trauriger, teils verbrecherischer Kapitel in seinem ohnehin von harten Prüfungen durchzogenen Leben geworden. Dann noch ein Land begleiten zu müssen, dem die Geschichte bedingt durch das Vertun von Chancen und das Verbauen von Möglichkeiten wieder nur ein Urteil zuließ: Untergang! Wieviel kann ein Menschenleben aushalten, wann ist es genug?

Das Film-Ehepaar Ebershagen, Geschonneck/Keller, konnte dem jedenfalls nicht entrinnen, dass für die „graue DDR“ 1989/90 die letzte Klappe fiel: Sie starben 2008 und 2017.

Doch wozu mahnt ein solcher Film seine Zuschauer noch heute? Kadavergehorsam, Geheimdienste, Kriege sind schlecht. Auch ein „Klassenauftrag“ macht sie nicht besser. Also weg damit! Ein Hoch auf die Courage, aber Krieg den Geheimdiensten und Krieg dem Kriege! Ferner macht der Film deutlich: Wer mit Blindheit durch die Geschichte geht, ist dumm dran. Er läuft Gefahr, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Auch hierfür könnte diese DEFA-Serie stehen: Verstehen wir sie als dauerhaften Aufruf, aufrührerisch zu sein, wenn Geschichtsvergessenheit und Geschichtsklitterung Einzug in den öffentlich Diskurs halten wollen.