Das sächsische Manchester

Zur Bewerbung der Stadt Chemnitz als europäische Kulturhauptstadt 2025
von Tim Detzner und Mike Melzer

„Was ist das schon wieder für eine Idee aus dem Rathaus?“, oder „Totaler Nonsens“, oder „Wieder ein flacher und teurer Versuch des Stadtmarketings, sich bundesweit zu blamieren“. So haben sicherlich viele gedacht, als bekannt wurde, dass Chemnitz sich um den Titel als europäische Kulturhauptstadt 2025 bewerben will. Doch es lohnt sich, diese Idee etwas näher zu beleuchten.

Chemnitz ist einerseits eine Stadt, die stetig schwankt zwischen der Trägheit und Borniertheit einer provinziellen Kleinstadt und dem Anspruch, die dritte sächsische Metropole zu sein. Wir sind eine Stadt, die Urbanität leugnet und ihre Kinder vertreibt, wenn sie Krach machen und sich Freiräume jenseits reglementierter Lebens- und Freizeitgestaltung erschließen wollen. Chemnitz wird von Auswärtigen oft als grau, schlecht gelaunt, verschlossen und extrem verwaltungszentriert beschrieben – und eher als ostdeutsche Lachnummer statt als viertgrößte Stadt der östlichen Bundesländer wahrgenommen.

Auf der anderen Seite ist Chemnitz eine Stadt der Gegensätze und der Superlative, eine Stadt auf den zweiten Blick – den auch die Bewohnerinnen nur selten riskieren. Architektonisch hat Chemnitz eine Menge zu bieten: Eine an den Geschmack des Klassizismus angepasste kleine Raubritterburg, ein mittelalterliches Kloster, eines der größten Gründerzeitviertel Europas, das drittgrößte Plattenbaugebiet der ehemaligen DDR und das in Gebirgslage mit Fernblick, einen großen Kopf und und und. Es gibt eben nicht nur „verfallende“ und wiederaufgeblühte Industriearchitektur und eine neue hoch verdichtete und von weltberühmten Architekten entworfene Mini-Innenstadt, wie sie von Aachen bis Wuppertal überall stehen könnte.

Chemnitz ist mit vielen Traditionen verbunden. Es hat sich von einer kleinen Wegkreuzung am Erzgebirgsrand zu einer bedeutenden Arbeiter- und Industriestadt entwickelt. Hier gab es den ersten Frauenstreik, hier gab es starke Arbeiterorganisationen. Wir sind das Tor zum Erzgebirge und damit auch kulturell mit der Bergbautradition verbunden. Und auch vonseiten der Kunst haben wir viel zu bieten. Wir haben eine weltbekannte Oper, ein bundesweit renommiertes Theater und eine Kunstsammlung mit Seltenheitswert. Wir haben eine interessante Kunstszene, von einer off-Bühne über kleine Lesecafés bis zu einem Bandbüro und einem Bürgerradio. Und diese Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen.

Chemnitz war und ist ein Brennglas europäischer Wandlungsprozesse und Integration. Viele Entwicklungen, die verschiedene Regionen Europas prägen, belasten und verändern, fanden oder finden auch in Chemnitz statt. Die Stadt ist als „sächsisches Manchester“ nicht nur beispielgebend für die industrielle Revolution, sondern genauso für den postindustriellen Wandel, der sich hier durch Wiedervereinigung und Turbokapitalismus in atemberaubender Geschwindigkeit vollzog. Chemnitz steht damit auch für Schrumpfung und eine massive Veränderung der Altersstruktur, die uns schon den Titel der „Ältesten Großstadt Europas“ einbrachte. Und Chemnitz durchlebte in nur einem Jahrhundert fünf politische Systeme, ohne damit am Ende der Geschichte angekommen zu sein.

Eine durch falsche Förderinstrumente der alten BRD künstlich herbeigeführte Zersiedlung der Stadt durch Eigenheimsiedlungen am Stadtrand hat nicht nur zur sozialen Entmischung der Bevölkerung beigetragen. Es hat uns auch die Gefahr der zunehmenden Entstädterung nahe gebracht und zu dem polemisch überzeichneten Bild des größten Dorfes Europas geführt. Und was ist heute? Plötzlich wächst Chemnitz entgegen allen demografischen Prognosen wieder leicht, wird bunter und multikultureller.

Ist nach dieser kurzen Bestandsaufnahme eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas vielleicht doch eine geile Idee? Führt uns dieses zum Teil sicher sehr negativ wirkende Bild nicht vor Augen, wie lebendig, wie pulsierend und wie europäisch unsere Stadt ist?

Eine Bewerbung kann sogar unabhängig von ihrem Erfolg ungeheuer wichtig und nutzbringend für Chemnitz sein. Doch dazu muss die Stadt die Bewerbung in erster Linie als eine Möglichkeit einer gemeinsamen Verständigung aller BewohnerInnen über ihre Stadt und deren Zukunft sehen. Ein kollektiver Zukunftsdiskurs kann die Identität dieser Stadt festigen, ihr Bild in der Wahrnehmung der Menschen verändern und damit deren Bindung zu bzw. Identifizierung mit Chemnitz stärken. Und quasi nebenbei kann in so einem breiten Beteiligungsprozess ein Ideenpool entstehen, von dem Chemnitz viele Jahre lang profitieren kann.

Darüber hinaus sehen wir in einem solchen Weg die einzige Möglichkeit, überhaupt (Außenseiter-)Chancen auf den Titelgewinn zu haben. Eine Bewerbung im Sinne der üblichen Kampagnen der OB und des Stadtmarketings – die ein Bild davon zeichnen, wie toll, vielfältig und lebenswert es hier sei – kann nicht funktionieren und wird von den hier Lebenden auch nicht angenommen und mit Leben erfüllt werden.
Wenn sich Chemnitz als Stadt des Wandels, der Kontinuitäten und Brüche gleichermaßen zeigt und ihre Schattenseiten offen und kritisch einsetzt, dann könnte die Bewerbung tatsächlich funktionieren. Wichtig scheint es uns dafür zu verstehen, dass Kultur nicht nur Kunst, sondern das ganze Leben mit Wohnen, Spielen, Arbeiten, Bewegung und Sport umfasst. Es geht um Leben und Lieben, um das Aufziehen von Kindern, um das Jungsein und Altwerden in unserer Stadt.

Und bei all diesen Fragen muss sich auch DIE LINKE als Partei und Stadtratsfraktion positionieren und eine praktische Utopie entwerfen, wie ein soziales, ein solidarisches, ein weltoffenes und urbanes Chemnitz aussehen soll und kann.

Seien wir mutig und fordern wir mehr von unserer Stadt. Wir jedenfalls sehen die Idee zur Bewerbung als spannendes Projekt, das, wenn es richtig betrieben wird, Chemnitz wieder zu einem sächsischen Manchester entwickeln kann.

Und übrigens: Manchester war nach der Desindustrialisierung eine schrumpfende Stadt, hat auf Kultur gesetzt und ist heute eine prosperierende Metropole in Großbritannien.