„Am Anfang war der Tango“

von Jens-Paul Wollenberg

So beginnt der Leipziger Sänger Peter Wassiljewski über die Gründung und Entwicklung seines „Leschenko-Orchesters“ zu erzählen. Es war seine Lebensgefährtin, die zufällig auf einen Zeitungsartikel über den sowjetischen Chansonnier Pjotr Leschenko stieß. Leschenko wurde als König des russischen Tango bezeichnet. Als sich das Paar eine CD mit authentischen Aufnahmen aus den 30er Jahren anhörte, wurde beiden auf Anhieb klar, dass das „ihre“ Musik ist, zumal Peter Wassiljewski mit der russischen Sprache, Musik und Kultur von Anfang an sehr vertraut war. Sein Vater war Offizier der Roten Armee und in Peters Heimatstadt Frankfurt an der Oder stationiert, weshalb Peter zweisprachig aufwuchs. Die Liebe zu den alten russischen Liedern weckte sein Großvater, der ihm, wenn er in der DDR weilte, sich begleitend auf der typisch russischen siebensaitigen Gitarre alte Lieder vorsang. Und da Peter als kleiner Junge fast täglich mit russischen Kindern zwischen den Kasernengebäuden herumstrolchte, kam es oft vor, dass er auf ein kleines Ständchen in die Wohnungen der Eltern eingeladen wurde. Also begann seine musikalische Karriere relativ früh, zumal der Junge auch zu Hause ständig mit Musik in Berührung kam. Denn sein Vater verehrte die italienische Oper, das Tonbandgerät lief von früh bis spät. Mit fünf Jahren erhielt er Geigenunterricht von einem liebevoll geduldigen Lehrer, der sich der alten russischen Geigenschule bediente. Da fast täglich Freunde in die Wohnung der Wassiljewskis kamen, wurde ständig gesungen und musiziert.

Anfang der 80er Jahre wurde Peter mit dem Aufkommen des deutschsprachigen Folkrevivals konfrontiert. Schulkameraden sangen Songs von Hannes Wader oder Zupfgeigenhansel – da sprang der Funke über. Das gefiel auch dem inzwischen Siebzehnjährigen, und er tauschte die Violine gegen die Gitarre oder Mandoline, wenn er, wie fortan oft, Straßenmusik machte. Nach der Öffnung Russlands durch die Perestroika reiste er mehrmals in die ehemalige Sowjetunion nach Smolensk, Moskau und Rostow, wo er bei Partys oder abends am Lagerfeuer junge Sängerinnen und Sänger kennenlernte, die ihre typischen Romanzen oder Gaunerlieder vortrugen. So kamen ihm erstmalig die Songs von Wladimir Wyssozki und Bulat Okudshawa zu Ohren; insbesondere der letztere eroberte sein Herz.

Später, während eines Auslandsstudiums wieder einmal in Moskau – Peter Wassiljewski begann inzwischen ein Pädagogikstudium als Englisch- und Russischlehrer –, wuchs in ihm das Interesse, speziell die Lieder der russischen Roma zu singen. Die Filmmusik des sowjetischen Streifens „Ein Zigeunerlager zieht in den Himmel“ überzeugte ihn zutiefst.

Anfang der Neunziger traf Peter ukrainische Jazz- und Rockmusiker in Leipzig, mit denen er in Kneipen und auf den Straßen der Messestadt auftrat, bevor er mit ukrainischer, englischer und russischer Besetzung „Kremeltingpott“ gründete, ein Ensemble, das Traditionelles mit Rock, Swing und eigenen Liedern verband. Für kurze Zeit war er auch Mitglied der Leipziger Folkband „Wimmerschinken“, der es wahrscheinlich zu verdanken war, dass er seine zukünftige Muse Cornelia Plänitz kennenlernte. Sie gehörte dieser Szene anfangs noch an– in der Folkgruppe „Lummich“. Conny, wie sie sich lieber nannte, spielte Violine bei „Cäsar und die Spieler“ (alias Peter Gläser, einst charismatischer Frontmann der legendären „Klaus Renft Combo“) und bei den „Bierfiedlern“ (ehemals „Folkländer“). Seitdem leben beide zusammen, und sie beschlossen alsbald, gemeinsame musikalische Wege zu gehen.

Man stieß also auf den russischen Tangokönig der 30er, 40er und 50er Jahre, Pjotr Konstantinowitsch Leschenko. Der Mann wurde zu einer wahren Legende. Geboren wurde er am 14. Juni 1898 in einem Vorort der ukrainischen Stadt Odessa. Seine Jugend verbrachte er in Moldawien, wo auch Rumänisch gesprochen wurde. Dort erlernte er auch das Gitarrenspiel. Aufgrund der politischen Ereignisse nach dem ersten Weltkrieg vereinnahmte Rumänien dieses Gebiet, so dass Leschenko die rumänische Staatsbürgerschaft zugesprochen wurde. Später wurde ihm das zum Verhängnis.

Leschenko nutzte sein musikalisches Talent und absolvierte schon sehr früh erste Auftritte mit seiner Frau, die aus Lettland stammte. Das Sangespaar wurde rasch berühmt und bekam Auftrittsangebote in Vordererasien und Europa. Dank eines Auftritts vor russischen Exilanten in Riga 1930 erlangte Leschenko den Titel „König des russischen Tango“. Sein Konzert wurde gefeiert, weil er es spielerisch verstand, mit seinem außergewöhnlichen Gesang die Herzen seines Publikums zu erreichen. Schon bald füllte er die Konzerthallen in London, Paris, Wien oder auch in Serbien. Sein Repertoire umfasste neben alten Zigeunerweisen und russischen Romanzen hauptsächlich neukomponierte Tangos, zu denen er eigene Texte verfasste.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung durch die Rote Armee wurde Moldawien von Rumänien abgetrennt und als Sowjetrepublik ausgerufen. Leschenko sah sich Repressionen ausgesetzt, galt von nun an als „Landesverräter“. So wurde er Opfer der stalinistischen Säuberungsaktionen. Seine Schallplatten wurden aus den Läden verbannt, er erhielt Auftrittsverbot. 1954 starb er auf rätselhafte Weise in der Krankenstation des rumänischen Arbeitslagers Târgu Ocna.

Seine Musik galt in der Sowjetunion seitdem als unerwünscht, doch spätestens 1988 erfolgte seine Rehabilitierung. Beim Staatslabel „Melodia“ erschienen die historischen Aufnahmen auf Vinyl und später auf CD. Leschenko war einer derjenigen, die es in der stalinistischen Ära wagten, einfache Empfindungen wie Liebe oder Melancholie in ihrer Musik zu thematisieren, Trauer oder Leid ohne kitschige Schwülstigkeit und vorbei am martialischen Mainstream zu behandeln. Und hier spiegelt sich das Anliegen Wassiljewskis wider. „Weg vom Kalinka-Klischee! Die Musik, die wir spielen, umfasst nicht nur die Musik Leschenkos. Vielmehr sind wir bestrebt, einen musischen Gesamteindruck slawischer Empfindsamkeiten zu kreieren, der die kulturelle Vielfalt dieses großen Landes umfasst.“ Das „Leschenko-Orchester“ scheut nicht davor, rumänische Folklore, Musik der Roma und Sinti, Klassik á la Mozart mit russischen Romanzen zu verschmelzen, ohne auf Humor zu verzichten. Selbstverständlich spielt auch die russische Melancholie eine wesentliche Rolle, gespeist aus der Mannigfaltigkeit von modernen Symphonien eines Dmitri Schostakowitsch bis zu einfachen Gassenhauern, deren Texte oft zum Teil durch die sehr ordinäre Poesie der Gauner und Ganoven geprägt waren. „Wenn die Straßenlaternen im Abendlicht / Kreischend zu schaukeln beginnen / Und wenn es nicht grad ratsam ist / Sein Haus zu verlassen / Dann wanke ich aus dem Lokal / Niemanden erwartend / Denn meine Kraft, zu lieben, ist dahin / Ach, du verdammtes Luder / Was hast du gemacht? / Hast fünf Jungs von uns / Verpfiffen an die Obrigkeit / Hast vier von uns an die Wand genäht / Und ich bin für lange Jahre in den Knast.“ So heißt es zum Beispiel im Gassenhauer „Fonariki“ (Straßenlaternen) auf der ersten CD „Russischer Tango“ des Ensembles von 2004.

Durch sehr effektive Probenarbeit entstehen gekonnt strukturierte Arrangements, an denen alle Mitglieder des Ensembles beteiligt sind, wobei Wert darauf gelegt wird, dass die Stücke auch tanzbar sind. Überhaupt ist es ein Anliegen der Musiker, die beinahe verloren gegangene Tugend des Gesellschaftstanzes wiederzubeleben. Das gelingt, wenn das Publikum beim stets ausverkauften „Russenball“, der jährlich am 2. Weihnachtsfeiertag in der Leipziger „Schaubühne Lindenfels“ stattfindet, kurz nach dem Beginn eines Konzertes zu tanzen beginnt. Zum Leschenko-Orchester gehören: Uwe Stager (Bajan), Maria König (Piano, Gesang), Henning Plankel (Saxophon, Klarinette, Flöte), Yumiko Tsubaki (Violine), Sascha Werchau (Cello), Matthias Buchholz (Kontrabass), Cornelia Plänitz (Violine, Gesang), Peter Wassiljewski (Gesang, Gitarre, Mandoline).

Der russische Tango war der Beginn einer endlosen Entdeckungsreise in die große Welt der Musik! Na dann, am Anfang war der Tango.