Als ob die Arbeit bei der Reichsbahn weniger wert gewesen wäre …

Eine ostdeutsche Rentenbiografie
von Katja Kipping

Vor kurzem kam eine Dresdnerin in mein Wahlkreisbüro und erzählte mir von ihren Erfahrungen mit der Rente. Sie sprach ganz ruhig darüber, dabei hätte ich es mehr als verstanden, wenn sie dabei wütend oder laut geworden wäre. Von 1970 bis 2000 arbeitete sie bei der Bahn. Danach folgten – wie bei so vielen im Osten – befristete Jobs oder andere Maßnahmen. Da es mit 63 verdammt schwer ist, einen neuen Arbeitsplatz zu bekommen, ging sie mit Abschlägen in Rente. Nach vielen Jahren Arbeit und der Erziehung zweier Kinder bekommt sie nun eine Rente von rund 840 Euro. Ihrem Mann ergeht es ähnlich. Sie sind froh, dass sie zusammen ihre Wohnung und ihr kleines Auto auch in der Rente weiter halten können. Aber große Sprünge oder größere Reisen sind nicht drin. Sie weiß aus ihrer eigenen Familie, dass es anderen noch schlechter geht, insofern beklagt sie sich nicht darüber. Was sie zu mir brachte, war der Bescheid über ihre Betriebsrente. Das Schreiben der Deutschen Bahn AG besagt, dass ihr eine Betriebsrente von 24,18 Euro zustehe. Zugrunde gelegt ist dafür eine Betriebszeit von 78 Monaten.

Nur 78 Monate, also 6,5 Jahre, wurden bei der Betriebsrente angerechnet. Dabei hat sie doch seit 1970 (mit einer kleinen Unterbrechung wegen Erkrankung ihres Kindes) bei der Bahn gearbeitet. Das Dokument zur Dienstzeitberechnung belegt dies eindeutig: Seit 1970 ist sie bei der Bahn tätig, im Februar 1997 feierte sie ihr 25jähriges Dienstjubiläum. Aber da sie im Osten gelebt hat, war sie eben formal erst ab 1994 bei der Deutschen Bahn AG tätig, davor arbeitete sie für die Reichsbahn, der Bahn in der DDR. Und somit, so der Bescheid, steht ihr nur eine Betriebsrente für 78 Monate zu. Sie schaute mich an und fasste ihren Ärger ganz einfach zusammen: Es ist als ob die Arbeit bei der Reichsbahn weniger wert gewesen wäre.

Die Beschäftigten der Reichsbahn sind eine Gruppe von vielen, neben Beschäftigten in der Braunkohle-Veredelung, neben Balletttänzerinnen oder DDR-Geschiedenen, die bei den Regelungen zur Rentenüberleitung deutlich benachteiligt wurden. Immer wieder hat unsere Partei im Bundestag Anträge zur Behebung dieser Diskriminierung ostdeutscher Biografien gestellt. Immer wieder haben die Regierungsparteien diese Anträge abgelehnt. In der Rente gibt es offensichtlich auch so viele Jahre nach der Einheit noch viele kleine Mauern. Diese Mauern müssen fallen. Ich meine: Zur wirklichen Einheit gehört, die verschiedenen Biografien anzuerkennen.