70 Jahre Junge Welt

Geschmäht, ignoriert, fast vernichtet, doch einfach nicht tot zu kriegen – die junge welt hält Kurs
von Ralf Richter

Doch: Es ist schön, dass es sie noch gibt. Petra Pau, Gregor Gysi und Katja Kipping lieben sie nicht gerade – andere hassen sie gar. Der Umgang mit ihr ist ein Sinnbild für die innere Zerrissenheit des linken Lagers, die sich im Umgang mit der linken Presse durch die Linken widerspiegelt. Sogar im Umgang der Linkspresse mit der Linkspresse. Was liegt näher, als in der Feuilletonredaktion beim neuen deutschland nachzufragen, ob dort der freie Mitarbeiter Hans-Dieter Schütt einen Beitrag zum 70. Geburtstag der jungen Welt schreiben wird? Doch in der Redaktion winkt man ab, das sei doch nicht der Rede wert, der 70. Geburtstag der jungen Welt. Maximal kann man sich eine kurze Nachricht vorstellen. Erstaunlich, beschäftigte man doch im Feuilleton des nd über lange Jahre den ehemaligen Chefredakteur der jungen Welt, eben jenen Hans-Dieter Schütt. Ob sich die Kollegen beim nd vorstellen können, dass der von seinen Kollegen einst „Schütti“ genannte bei der großen Feier im Kino International auf der Karl-Marx-Allee auftreten wird? Aber sicher, er habe ja keine schlechten Kontakte zu seiner ehemaligen Zeitung.

Das ehemalige Premierenkino der DDR liegt nicht weit vom Alex entfernt. Man läuft zehn Minuten. Im Großen Saal sollen etwa 600 Gäste Platz finden. Die Saalmiete sei sehr teuer gewesen, hört man. Auf der anderen Straßenseite sieht man das Cafe Moskwa – es ist noch alles da: Die junge Welt, der Alexanderplatz mit der Weltzeituhr, die Karl-Marx-Allee, das Kino International. Mehr DDR-Erinnerungen an einem Ort kann man sich kaum vorstellen. Es herrscht ein wenig familiäre Atmosphäre, schließlich waren die Betriebe der DDR auch so etwas wie Familien: Wurde jemand 50 oder 60, dann stand der halbe Betrieb schon mal für einen Moment fast still – die Gratulanten kamen und ließen sich Zeit. In den Zeiten, als Zeit nicht Geld, sondern Leben war. Wer am 25. Februar den Weg ins Kino ging, kennt diese Zeiten wahrscheinlich – die Besucher waren zum großen Teil älter als 60. Viele waren einst Mitarbeiter dieser Zeitung, die 1947 erstmals als Wochenblatt erschien.

Als ich das erste Mal die junge Welt in die Hand nahm, war ich 14. Damit lag ich absolut im Plan – denn in der Schule startete der Jungpionier mit der ABC Zeitung, bevor der Thälmannpionier die Trommel nahm. Dann schließlich, in der achten Klasse als FDJler, brach die Zeit der jungen Welt an. 15 Pfennige kostete das Blatt – und ich las es natürlich im Abo, das meine Eltern für mich abgeschlossen hatten. Auch wenn mich Sport nie besonders interessiert hat, einmal im Jahr packte einen das Thema doch: Dann wurde der Sportler, die Sportlerin oder die Mannschaft des Jahres gewählt – jeder Leser war angesprochen, seinen Tipp abzugeben. Bei 17 Millionen Einwohnern der DDR brachte es die junge Welt bis 1989 auf 1,3 Millionen Leser! Konnte man sich das nach der „Wende“ noch vorstellen? Die Jugend eines Landes liest eine Jugendzeitung? Vergleichbares hat es im Westen Deutschlands zu keinem Zeitpunkt gegeben. Heute ist das Sportarchiv der jungen Welt das beste Sportarchiv einer Zeitung zum DDR-Sport überhaupt.

Leider konnte Täve Schur nicht kommen – der 86jährige ist erkältet, aber nach wie vor ein großer Fan und Leser der jungen welt, der noch täglich mit einem Freund an der Elbe entlangradelt. 30 Kilometer in eine Richtung und wieder zurück. Täve, die Legende, lebt so wie der Erinnerungen an die Rubrik „Unter vier Augen“ von Jutta Resch-Treuwerth. Diese zwei Spalten musste man lesen – wie spricht man ein Mädchen an? Wer bezahlt, wenn man miteinander ausgeht? Die Aufklärung der DDR-Jugend hatte einen Namen: Jutta Resch-Treuwerth. Und Hans-Dieter Schütt, der alte Demagoge? Er kommt zum Zeitungsgeburtstag nicht auf das Podium. 2009 hat er mit der jungen Welt und seiner eigenen Arbeit hart abgerechnet in seiner Biographie „Glücklich beschädigt. Republikflucht nach dem Ende der DDR“: „Ich kenne niemanden mit einem auch nur mittelmäßig wachen Geist, der einem SED- oder FDJ-Medium in der Rückschau noch mehr zubilligt, als nur Windmacher für das Fahnenflattern gewesen zu sein.“ Die harte Selbstabrechnung eines Linientreuen, der die Stellung hielt, bis es keine Linie mehr gab.

Heute erscheint die junge Welt mit 20.000 Exemplaren – aber sie wächst. Es gibt immer mehr Genossen, die sie quasi als Hausbank finanzieren, und auch die Auflage steigt wieder. Im letzten Jahr klappte es dann endgültig mit der Westausdehnung: Vom Druckstandort Dreieich bei Frankfurt am Main wird das Rhein-Main-Gebiet, der Rhein-Neckar-Raum sowie Bayern, Baden-Württemberg und Österreich abgedeckt. Die junge Welt ist heute eine von sechs überregionalen Zeitungen in Deutschland. Links, marxistisch, radikal und unbequem wie keine andere. Nicht mehr blutjung, aber alles andere als alt und gestrig. Wer will, kann sich von der Qualität des Blattes im Netz überzeugen. Unter www.jungewelt.de ist am Vorabend schon ein großer Teil der neuen Ausgabe im Netz zu lesen. Wer kein Internet hat, braucht einen guten Kiosk in der Nähe.