Vom Palast bis zur Platte

von Wulf Skaun

Architektur und Architekturgeschichte in der DDR

„Mutter aller Künste“ pries der alte Römer Vitruv die Architektur. Caesars und Augustus’ Baumeister, Architekt und erster Architekturtheoretiker der Geschichte formulierte drei noch heute gültige Tugenden, die Architektur zu beherzigen habe: Firmitas (Festigkeit), Utilitas (Nützlichkeit) und Venustas (Schönheit). Ob und in welchem Grade die Baukunst der DDR „tugendhaft“ zu nennen war, erfuhren die Teilnehmer des 20. Jour-fixe-Gesprächskreises im Dezember 2016. Im überfüllten Leipziger Domizil der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen hieß Mitbegründer Manfred Neuhaus den Kunsthistoriker Professor Thomas Topfstedt (Jahrgang 1947) willkommen – wie Vitruv ein Pionier seiner Zunft. Als erster in der DDR widmete er sich bewusst und ernsthaft der Architektur- und städtebaugeschichtlichen Forschung zur Baukultur des versunkenen Landes. Seine Antworten auf das Jour-fixe-Thema „Das bauliche Erbe der DDR ? eine Altlast?“ schloss auch die über das Vitruv-Postulat ein. Vorweggenommen: Man baute auch in der DDR robust, zweckdienlich und wohlgestaltet. Ehe jedoch der frühere Dekan an der Universität Leipzig, Autor des Grundlagenwerkes „Städtebau in der DDR“ und anerkannter Aktivist für die Bewahrung von Leipzigs historischer Architektur das Wort nahm, verhieß Manfred Neuhaus dem Auditorium eine vorweihnachtliche Bescherung: Der Gast werde mit seinem bebilderten Vortrag einen Hör- und Sehgenuss stiften, der dem twenty-Jour-fixe-Jubiläum eine lehr- wie unterhaltsame Note verleihe.

Das war nicht zu viel versprochen, zumal Neuhaus ihm die Zügel schießen ließ. Grünes Signal also für Thomas Topfstedts architekturgeschichtliche Bildungsreise mit Halt an speziellen Info-Stationen. So erfuhr das aufmerksame Publikum en détail über geschützte Architekturdenkmäler zwischen Ahlbeck und Zittau. Ihr gemeinsames Merkmal: Sie entstanden als steinern-bauliche Zeugnisse des sozialistischen Aufbaus. Vom 1952 eingeweihten Hochhaus an der Berliner Weberwiese wusste jedes Schulkind in der DDR. Etliche Bauten aus den Tagen seit Republikgründung rotteten aus ökonomischen Zwängen in diesen geheiligten Status hinein, was Topfstedt sarkastisch kommentierte: „Die DDR war damit nolens volens ein Freilichtmuseum ihrer eigenen Architekturgeschichte.“ Erst wenn verschlissene Ex-Vorzeigeobjekte als baufällige Halbruinen Gefahr für Leib und Leben beschworen, durfte die Abrissbirne walten. Beispiel: die anlässlich der III. Weltfestspiele der Jugend 1951 aus dem Boden gestampfte Deutsche Sporthalle an der Berliner Stalinallee. Ein eigenes Zeitreisekapitel widmete der Architekturexperte auch den jähen Wendungen nach der politischen Wende 1989/1990. Zwei Praktiken bestimmten das nun marktwirtschaftlich begründete Baugeschehen: Bauboom auf grüner Wiese und in Innenstädten, vor allem in Berlin, Leipzig, Dresden, Chemnitz und Rostock, und Abriss politisch gebrandmarkter Baukultur (Palast der Republik!) sowie realsozialistischer Plattenbauten in Größenordnungen (Berlin Marzahn, Leipzig-Grünau, Eisenhüttenstadt). Auch als Denkmale klassifizierte öffentliche Objekte wurden nicht selten privaten Verwertungsinteressen geopfert. „Diese Praxis hat zu einem Denkmalschwund großen Ausmaßes geführt.“ Doch widerfuhren dem baulichen Erbe der DDR auch „mildere“ Schicksale unterhalb des Totalabrisses. Wiederum anhand prominenter Beispiele klassifizierte Topfstedt solche Verfahren als „denkmalpflegerische Sanierung“ (selten realisiert), als „Vernachlässigung und Leerstand“ sowie als „Überformung“ (überwiegend praktiziert). Zu den original sanierten Zeitzeugen der Neubauprojekte in den 1950er Jahren gehörten auch das Ringwohnensemble mit Ring-Café und das Opernhaus in Leipzig. Der Leipziger Bowlingtreff hingegen, 1987 eröffnet, gilt als vernachlässigtes und brachliegendes Beispiel, obwohl es als Zeugnis der Postmoderne in der DDR ein erklärtes Baudenkmal ist. Um auch Leipziger Exemplare der Überformung anzuführen, ließ der Referent Fotos im Originalzustand und nach der Umgestaltung aufscheinen: vom Messehaus am Markt, von der früheren Hauptpost am Augustusplatz, vom Häuserblock auf der Nordseite der Jahnallee.

Es versteht sich, dass die vom Autor dieser Zeilen herausgegriffenen Seiten aus dem „Topfstedtschen Reisetagebuch“ über Bauten der deutsch-sozialistischen Ära das Thema nur skizzenhaft beleuchten können. Doch lässt sich die Frage, ob die Architekten, Baumeister, Denkmalpfleger der DDR ihr Erbe als Altlasten hinterlassen haben, klar verneinen. Fast drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall ist es weiter fester Bestandteil vieler Stadtbilder. Dabei bietet ostdeutsche Architektur mehr als eintönige Neubaugebiete. Vielfach überrascht sie mit gewagten Lösungen. Thomas Topfstedt bilanziert: Sicher habe es in der baulichen Entwicklung in Ost und West Kontraste gegeben. Doch verstecken musste sich die DDR-Baukultur nicht, viele architekturhistorische Linien verliefen parallel. „Dass wir auf Augenhöhe mit dem Westen waren, beweist das gesamtdeutsche Interesse an der tieferen Erforschung der DDR-Baugeschichte.“