Verzerrte Geschichte

von Dr. Rolf Ziegenbein

Derzeit wird in der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung ein Geschichtsband unter dem Titel „Von Stalingrad zur SBZ, Sachsen 1943 – 1949“ kostenlos allen Bürgern angeboten. Das Buch ist vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden erarbeitet worden und stellt gleichzeitig Bd. 60 der Schriftenreihe des Instituts dar. Das Gesamtanliegen des Buches und die Art und Weise der Geschichtsdarstellung in der Mehrzahl der Beiträge des Sammelbandes verlangen energischen Widerspruch. Die Ereignisse in Sachsen in dieser Zeit werden einerseits aus den historischen Zusammenhängen herausgerissen und weitgehend isoliert dargestellt, andererseits werden Zusammenhänge konstruiert, die es so nie gab. Die Aussagen enthalten Elemente der Geschichtsfälschung. Vor allem jungen Lesern, die mit dem Buch über die Schulen erreicht werden sollen und die diese Zeit nicht selbst erlebt haben, wird ein völlig verzerrtes Bild der tatsächlichen Geschichte vermittelt. Im Folgenden soll auf wesentliche Verzerrungen aufmerksam gemacht werden.

Hinterfragt man allein den Titel des Buches, stößt man auf nicht unwesentliche Probleme. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Stalingrad und der Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland wirklich? Im Buch wird keiner erklärt, nicht in einem einzigen Beitrag. Gewiss, Stalingrad war eine entscheidende Schlacht im Zweiten Weltkrieg. Für die deutschen Aggressoren brachte sie eine vernichtende Niederlage und sie stellte einen Wendepunkt im Kriegsverlauf dar. Sie war aber bei weitem nicht die einzige durch die Sowjetarmee gewonnene Schlacht. Ja, die Sowjetarmee kam von Stalingrad nach Deutschland, sie kam aber auch von Moskau und Leningrad, vom Kaukasus und von der Krim. Nicht in Stalingrad, sondern in Teheran 1943 und in Jalta 1944 wurde die spätere Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen durch die Siegermächte, also auch durch die westlichen Alliierten, beschlossen. In diesem Zusammenhang, und nur in diesem, kam es zu einer sowjetisch besetzten Zone in Deutschland. Die letztliche Ursache dafür lag aber weder in Stalingrad noch in Teheran oder Jalta, sie lag einzig in der wahnwitzigen Aggression Nazideutschlands und deren Folgen. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Stalingrad und der SBZ. Die Wahl eines solchen irreführenden Titels durch Historiker, gar durch ein wissenschaftliches Institut lässt vermuten, dass hier etwas ganz anderes suggeriert werden soll: Der Name Stalins kommt in „Stalingrad“ vor und die sowjetisch besetzte Zone wird in den Buchtexten als durchgehend stalinistisch geprägt dargestellt. Es geht den Herausgebern offensichtlich überhaupt nicht um Stalingrad, weder um die Stadt noch um die Schlacht, was ja auch mit Sachsen nur indirekt zu tun hätte, es geht um die Konstruktion eines direkten Weges des Stalinismus von Stalingrad in die sowjetisch besetzte Zone. Mit diesem Ziel kann und muss man wohl die tatsächlichen historischen Zusammenhänge schon mal weglassen und neue konstruieren.

Der Untertitel mit den Jahreszahlen 1943-1949 weist auf ähnliche Konstruktionen hin. Bekanntlich war 1945 das Jahr der endgültigen Niederlage des deutschen Aggressors, der Beendigung des 2. Weltkrieges und der Befreiung Deutschlands vom Faschismus. Es war ein Epochenbruch, ein Jahr, das Europa und seine Landkarte veränderte. Es war auch ein tiefer Einschnitt in der Geschichte Sachsens, der so wie in Deutschland insgesamt einen völligen Neubeginn erforderte. Genau diese Zäsur wird überdeckt, wenn die Herausgeber im Einleitungstext des Buches schreiben: „Dennoch steht das Jahr 1945 nicht für die Stunde Null; der radikale politische und gesellschaftliche Umbruch schloss neben Brüchen auch Kontinuitäten ein“. Und genau auf letztere kommt es den Herausgebern an, auf die Kontinuitäten, in denen sie eine Forschungslücke für Sachsen zu erkennen glauben: Die Kontinuität zwischen dem faschistischen Sachsen und dem Sachsen des antifaschistischen Um- und Aufbruchs sei nicht hinreichend erforscht. Welche Kontinuität soll das denn sein? Natürlich gibt es für jede Zäsur auch ein Vorher und ein Nachher, ja, es gab vor 1945 Schwarzmarkt und Prostitution und auch nachher, um Beispiele zu nennen, aber war das für die Gesellschaften vor und nach der Zäsur prägend, wesentlich? Nein, für die Herausgeber und Autoren des Buches gibt es eine wesentliche Kontinuität: Sie besteht für sie darin, dass vor 1945 faschistische und nach 1945 stalinistische Diktatur in Sachsen herrschte. Das Buch fußt durchgehend auf dem Vergleich und der weitgehenden Gleichsetzung des faschistischen Deutschlands mit den Verhältnissen in der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR, also auf der Theorie von den zwei Diktaturen im Osten Deutschlands. Die Jahre 1943 bis 1949 wurden einzig deshalb ausgewählt, um den Nachweis anzutreten, dass Diktatur vor der Zäsur gleich Diktatur nach der Zäsur war. Damit wird die Zäsur selbst ad absurdum geführt. Genau darin besteht das Ziel, denn von der Befreiung vom Faschismus spricht man in manchen Kreisen noch immer nicht gern. Es gab ja Kontinuität.

Es gibt einen weiteren prinzipiellen Einwand, der wiederum nahezu alle Buchbeiträge betrifft. Bekanntlich wurde Anfang August 1945 durch die vier alliierten Mächte das Potsdamer Abkommen beschlossen, in dem verbindlich geregelt wurde, wie die Siegermächte mit dem besiegten Deutschland zu verfahren gedachten. Das Abkommen enthielt die Ziele und Regelungen für die Entnazifizierung und die Entmilitarisierung sowie für die Demokratisierung Deutschlands. Die Sowjetunion hat das Abkommen mit unterzeichnet und war an seinen Inhalt gebunden. Maßstab für die Beurteilung der in Sachsen in der Nachkriegszeit seitens der Sowjetunion getroffenen Maßnahmen muss daher für jeden Historiker zunächst sein, inwieweit sie mit dem Potsdamer Abkommen übereinstimmten. Dieses Abkommen aber wird im Buch nicht einmal erwähnt, geschweige denn als Maßstab genommen.

Diese grundsätzliche Kritik des Buches, die sich am Titel und seinem Grundkonzept festmacht, trifft nicht auf jenen Teil zu, der sich ausschließlich mit der nationalsozialistischen Herrschaft in Sachsen in den Jahren 1943-1945 befasst. Die dazu geschriebenen Beiträge sind durchaus informativ. Die Verfälschung setzt mit dem Neubeginn im Osten 1945 ein, der eben angeblich keiner war. In nahezu allen Maßnahmen, die unter Veranlassung oder Kontrolle der sowjetischen Besatzungsmacht in den Jahren nach 1945 in Sachsen realisiert wurden, wie Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher, Bodenreform, Verwaltungs- und Bildungsreform sieht man zu aller erst eben nicht die Umsetzung des Potsdamer Abkommens, sondern die Verwirklichung sowjetischer und kommunistischer Machtansprüche. Dafür hat man die Vokabel „Diktaturdurchsetzung“ gefunden, die durchgängig verwandt wird und die der Totalitarismusdoktrin entspricht.

Ja, lupenreine Demokratie herrschte in der SBZ nicht. Es gab in wohl vielen Fällen eine Bevorzugung von Kommunisten bei der Neubesetzung der von Nazis verlassenen Ämtern oder in der Verwaltungsreform. Aber die Kommunisten waren auch die entschiedensten Nazigegner gewesen und hatten während der Nazizeit außerordentliche Opfer gebracht. Viele von ihnen kamen aus den Konzentrationslagern, aus der Illegalität oder aus der Emigration und sie waren oft auch die einzigen, die als glaubhafte Antifaschisten zur Verfügung standen.

Als ob der oben bereits zitierte und auch am Hannah-Arendt-Institut tätige Professor Fritze seinen Kollegen direkt widersprechen wollte, schreibt er: „Als Kommunisten nach 1945 in Ostdeutschland die Macht ergriffen und damit begonnen hatten, ihre Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen, betrachteten sie die Bodenreform und die Verstaatlichung der Betriebe auch als eine Art ,struktureller Entnazifizierung‘. Darüber hinaus sollte ihr gesellschaftliches Projekt als ein soziales Experiment beschrieben werden, das viele faszinierte und mit dem sich Hoffnungen verbanden.“

Es wäre wünschenswert, dass die Linken in Sachsen sich der aktuell produzierten und praktizierten Verfälschung der Geschichte ihres Bundeslandes widersetzen, zumal die Verfälschung mit sächsischem Steuergeld in die Öffentlichkeit gebracht wird.

Schmeitzner, Mike, Vollnhals, Clemens, Weil, Franziska (Hg) Von Stalingrad zur SBZ, Sachsen 1943 bis 1949, Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen, 2016, 572 S.