Stadt des Ungehorsams

von Dr. Volker Külow

Für den rasanten (Wieder)Aufstieg Leipzigs in den letzten Jahren, zuletzt symbolisiert durch den Sprung vom Brauseclub RB auf einen Bundesligaspitzenplatz, sind diverse Erklärungsmuster und Bezeichnungen im Umlauf. Zu den nichtssagenden bis grässlichen zählen gewiss „Heldenstadt“ und „Hypezig“. Schon fast totzitiert ist auch Goethes Spruch aus dem Faust I „Mein Leipzig lob ich mir…“. Der Dichterfürst rühmt aber in seinem bekanntesten Drama nur scheinbar das „klein Paris“, denn die Sentenz legt er absichtsvoll einem versoffenen und etwas verkommenen Studenten namens Frosch in den Mund.

Will man das Erfolgsgeheimnis Leipzigs, den besonderen genius loci der Sachsenmetropole ernsthaft lüften, muss man tief in die tausendjährige Stadtgeschichte eintauchen. Im November 2014 trafen sich im Leipziger Rathaus zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum 7. Tag der Stadtgeschichte, um unter dem Motto „Unruhiges Leipzig“ die Historie der Stadt unter dem Blickwinkel von Kritik und Widerstand zu durchforsten. Das beeindruckende Themenspektrum der Vorträge kann man jetzt dank dem Engagement des Universitätsverlages nachlesen. In einem kurzen Vorwort haben die beiden Herausgeber anknüpfend an das Werk „Rebellische Städte“ des namhaften marxistischen Sozialtheoretikers David Harvey ihr Verständnis der Stadtgeschichte dargelegt. Als deren roten Faden betrachten sie das hohe Maß an „Unruhe“, an Protest, Kritik, Opposition und Widerstand, das in „Verdichtung und Qualität… doch in besonderer Weise“ Leipzigs Geschichte prägte. Über Jahrhunderte war die Messe- und Buchmetropole ein Zentrum politischer, sozialer, religiöser und geistiger Auseinandersetzungen. „Leipzig ist voll von der Pluralität und Heterogenität dieser Kämpfe“, lautet einer der Schlüsselsätze. Hier sehen die Herausgeber auch eine Erklärung dafür, dass Leipzig insbesondere im 19. Jahrhundert ein zentraler Ort der Erfindung neuer Assoziationsformen wurde. Hier soll nur auf die revolutionäre deutsche Arbeiterbewegung um Lassalle, Bebel und Liebknecht und auf die fast zeitgleichen Anfänge der Frauenbewegung um Louise Otto-Peters sowie der Kleingartenbewegung verwiesen werden.

Der auf gediegenem Papier gedruckte und mit zahlreichen Illustrationen und Fotos solide ausgestattete Band präsentiert insgesamt 22 Konferenzbeiträge. Das zeitliche Spektrum reicht dabei vom ersten, allerdings gescheiterten Leipziger Bürgeraufstand 1215/16 bis zu den Anti-Legidaprotesten 2015, denen bekanntlich vor wenigen Wochen Erfolg beschieden war. Einen armutsgeschichtlichen Zugang zum unruhigen Leipzig wählte die Historikerin Elke Schlenkrich. Dazu zeichnet sie die Konturen der Armen- und Bettlerpolitik im vormodernen Leipzig nach. Zur Bekämpfung des „Ungehorsams“ der Armen und der durch sie angeblich erzeugten „Unordnung“ setzten die herrschenden Eliten auf die „gute Policey“, ein Synonym für den erwünschten Idealzustand des städtischen Gemeinwesens. Der Beitrag des Publizisten Ralf Zerback „Als Ohnmacht Macht wurde“ dokumentiert das über Jahrhunderte und bis in die Gegenwart währende Spannungsverhältnis zwischen der Stadt und der Landesobrigkeit in Dresden anhand des sogenannten „Leipziger Gemetzels“ im August 1845. Nach einem Blutbad des sächsischen Militärs mit acht Toten kam es unter der Führung des charismatischen Robert Blum zu einer Volkserhebung, die für einige Tage das vormärzliche Herrschaftssystem auf den Kopf stellte und ein Vorbote der Revolution von 1848 war. Auch spätere Revolutionen kommen im Sammelband nicht zu kurz, wie die Novemberrevolution 1918/19 und der Kapp-Putsch im Jahr 1920.

Der schon genannten Frauenbewegung widmet Susanne Schötz, Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der TU Dresden, unter der Überschrift „Alle für Eine und Eine für Alle?“ einen spannenden und mit 60 Seiten sehr umfangreichen Beitrag. Das Motto war der Wahlspruch der wohl bedeutendsten deutschen Feministin des 19. Jahrhunderts, Louise Otto-Peters. Die Verfasserin legt neue Forschungsergebnisse zu den frauenemanzipatorischen Bestrebungen im Umfeld der Revolution von 1848/49 vor, die später in die Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) 1865 in Leipzig einflossen, von dem bis weit ins 20. Jahrhundert Impulse für die deutsche Geschichte ausgingen.

Nach einigen interessanten Beiträgen zur Protestgeschichte in der DDR wie z.B. zum Schwarzwohnen in Leipzig, endet der Band mit einer bemerkenswerten Chronik der Proteste in Leipzig 1991-2015, die der renommierte Stadtsoziologe Dieter Rink verfasst hat. Selbst engagierten Zeitzeugen dürfte die Vielfalt und Wirkmächtigkeit der analysierten Arbeiter- und Sozialstaatsproteste 1991, 2004 und 2008, der siegreiche Bürgerentscheid gegen die Teilprivatisierung der Stadtwerke 2008, die Friedensproteste 1991, 2003 und 2014, die Montagsdemos und Friedenswachen und last but not least die linken antifaschistischen Mobilisierungen gegen die zahlreichen Naziaufmärsche von Christian Worch in den 1990er Jahren zu Legida in der Gegenwart kaum noch in ihrer Gesamtheit in Erinnerung sein. Rinks Schlussresümee lautet: Das in Leipzig 1989 kreierte Protestparadigma hat mittlerweile Eingang in das gesamtdeutsche und ansatzweise sogar europäische Protestgeschehen gefunden. Die Proteste in Leipzig sind Seismographen der politischen und sozialen Stimmungslage in Ostdeutschland. Das dürfte auch in der Zukunft so bleiben.

Unruhiges Leipzig. Beiträge zu einer Geschichte des Ungehorsams in Leipzig. Herausgegeben von Ulrich Brieler und Rainer Eckert. Leipziger Universitätsverlag 2016, 524 Seiten, 62 Euro.