Neue Töne im Umgang mit DDR-Geschichte

von Dr. Rolf Ziegenbein

Verfolgt man den Umgang mit der DDR-Geschichte in der etablierten Geschichtsschreibung und Politik, so fällt auf, dass in letzter Zeit vor allem in Veröffentlichungen mit wissenschaftlichem Anspruch neue Töne zu hören sind, die mehr Sachlichkeit und Differenziertheit anmahnen. Fast überdeutlich meldet sich dazu der in Sachsen an der TU Chemnitz und im Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden tätige Professor Dr. Lothar Fritze zu Wort. Im Berliner Wissenschaftsverlag erschien kürzlich eine Arbeit von ihm unter dem Titel „Delegitimierung und Totalkritik. Kritische Anmerkungen zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit“. Berücksichtigt man die beruflichen Positionen des Professors, so lässt sein Anliegen doppelt aufhorchen.

Er hält die Zielsetzung der Delegitimierung zwar weiterhin für vertretbar, aber er hält sie gleichzeitig für ein „zweischneidiges Schwert“, das den, der es in der Hand hält, selbst verletzen und beschädigen kann. Diese Zweischneidigkeit erkennt er vor allem darin, dass mit der Forderung nach Delegitimierung der DDR das Ergebnis der historischen Untersuchung praktisch schon vorgegeben und eine ergebnisoffene Forschung nahezu unmöglich gemacht wird. Die Glaubwürdigkeit der so erzielten „Forschungsergebnisse“ sinke damit erheblich.

Der Autor lehnt die Charakterisierung der DDR als „totalitär“ nicht von vornherein ab, aber er schreibt wörtlich, dass die bisherige Forschung nichts zutage gefördert hat, „was die Charakterisierung des Gesamtsystems als totalitär bekräftigen würde“. Er warnt vor zerstörerischer schwarz-weiß-Malerei und vor der Selbstgerechtigkeit der Sieger, die letztlich zur Blindheit gegenüber den Mängeln in der eigenen Gesellschaft führten. Aus einem solchen Blickwinkel lehnt er die Totalkritik der DDR und ihre Charakterisierung als Unrechtsstaat ab. Er fordert, neben negativen auch immer die positiven Seiten des Systems zu untersuchen. Insofern versteht er den Realsozialismus nicht nur als Parteiherrschaft, sondern auch als soziales Experiment, mit dem sich Hoffnungen und Erwartungen von Millionen verbanden. Er bescheinigt der Idee des Marxismus eine ethische Zielsetzung und den berechtigten Anspruch einer zivilisatorischen Neuorientierung. Er spricht von der Faszinationskraft der kommunistischen Ideologie und macht aufmerksam, dass die Menschheitsprobleme bei weitem nicht gelöst sind. Aus dieser Sicht, so schreibt er, sollte nicht verteufelt werden, worauf die Menschheit vielleicht nochmals zurückkommen muss.

Auch mit Begriff und Sinn vom „Unrechtstaat“ setzt sich der Autor auseinander. Der Begriff gilt ihm als juristisch unbestimmt und politisch ungenau. Er fälle „ein undifferenziertes, politisch missbrauchbares Unwerturteil über die DDR“. Weiter heißt es: „Jawohl, es gab in der DDR massive Menschenrechtsverletzungen; sie verkörperte aber keine in jeder Hinsicht menschenfeindliche Ordnung, in der ein geregeltes und innerhalb der geltenden Gesetze selbstbestimmtes Leben nicht möglich gewesen wäre. Für die allermeisten war die DDR gerade nicht der Inbegriff des moralisch Verwerflichen“.

Fritze hält es für sinnvoll, statt der ungerechtfertigten Gleichsetzung der DDR mit dem Nationalsozialismus die DDR mit der BRD zu vergleichen, indem er schreibt: „Mit dem Realsozialismus ist 1989 ein alternativer Gesellschaftsentwurf untergegangen. Ganz gleichgültig, wie man zu diesem stehen mag: In dieser Gesellschaftspraxis und in ihrem Scheitern sind Erfahrungen akkumuliert, aus denen man, so ist jedenfalls zu vermuten, lernen kann. Wäre es nicht sinnvoll, die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Praxis – statt unter dem wissenschaftsfremden Gesichtspunkt ihrer Delegitimierung – mit dem Ziel zu betreiben, diesen Erfahrungsschatz für das bessere Verständnis der Gegenwart zu heben und, wo möglich, für die Beherrschung anstehender Herausforderungen, aber auch für die Vermeidung von Irrwegen nutzbar zu machen?“ Dafür werden in der Arbeit eine Reihe Denkansätze aufgeführt.

Als problematisch erscheinen dem Autor auch die Erklärungsmuster für immer noch vorhandene Unterschiede in Denkansätzen in Teilen der Bevölkerung in Ost und West. Mit der stärkeren Zuwendung zur AfD im Osten wächst die Problematik erneut. Dem Durchschnitts-Ostdeutschen wird unterstellt, er sei mit Orientierungen und Wertvorstellungen ausgestattet, die schwer zu den Bedingungen und Anforderungen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung passten, er habe diesbezüglich mentale Defizite, die ihn heute empfänglicher für Populismus machten. „Mit den Mutmaßungen über ostdeutsche Anpassungsdefizite wurde ein stets nutzbares Reservoir fragwürdiger Erklärungsmöglichkeiten geschaffen.“ Dabei wird übersehen, dass die heutige Gesellschaft möglicherweise über Defizite verfügt, die der Ostdeutsche gern überwunden sehen würde. Als Fazit schreibt er: „Warum eigentlich sollte man es soweit kommen lassen, dass viele Ostdeutsche das Gefühl gewinnen, die eigentliche Demütigung habe nicht in der DDR stattgefunden, sondern bei dem Versuch ihrer ,Aufarbeitung‘?“

Mit den dargestellten Betrachtungen rückt der Autor doch erheblich vom gewünschten Meinungsbild der politisch Herrschenden, in vielem auch von den geistigen Produkten des Hannah-Arendt-Institutes ab, obgleich er selbst in diesem Institut schon über Jahrzehnte wirkt. Es bleibt abzuwarten, welche Lösung der Widerspruch findet, ob er ein einsamer Rufer in der Wüste bleibt oder ob er gehört wird.

So oder so, zur Kenntnis nehmen sollte man den Vorstoß eines ehemaligen DDR- Bürgers, der heute eine geisteswissenschaftliche Professur innehat, schon, auch wenn er dem Bestreben der Delegitimierung der DDR nicht vollständig abschwört. Denkanstöße zur Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR bietet er jedenfalls reichlich und die können durchaus auch für die LINKE nützlich sein, der der Umgang mit eben dieser Geschichte noch immer schwer fällt.

Fritze, Lothar, Delegitimierung und Totalkritik. Kritzische Anmerkungen zur Aufarbeitung der Vergangenheit, Berliner Wissenschafts-Verlag, 2016, 111 S.