Grandola – ein Lied für die Nelkenrevolution

von Jens-Paul Wollenberg

Am 25. April im Jahre 1974 machte ein Lied von sich reden, das von einem Lissaboner Privatrundfunksender ausgestrahlt wurde. Es bestätigte symbolisch den Sieg der sogenannten Nelkenrevolution. Ein Militärputsch stürzte unblutig das faschistische Regime, die Soldaten steckten Nelken in ihre Gewehrläufe. Trotz seiner Funktion als revolutionärer Aufruf beinhaltete der Text des Liedes kaum Rebellisches; der von José Afonso leidenschaftlich vorgetragene Song, der den Wunsch nach einem friedlichen Miteinander in Solidarität und Freiheit besang, glich einer Hymne auf die Menschlichkeit. „Grandola, vila morena“ – „Grandola, du dunkelbraune Stadt / Im brüderlichen Land, das vom Volk regiert wird / Dir gilt mein Schwur, Dir Kamerad zu sein / Im Schatten eines starken Baumes, dessen Jahre ungezählt …“

José Afonso wurde am 2. August 1929 als Sohn einer Lehrerin und eines Juristen geboren. Seine Kindheit verbrachte er teils in Portugal, Mosambik und Angola. Seine Schulzeit beendete er 1949 in Coimbra, wo er auch sein Studium der Philosophie und Geschichte aufnahm. Zeitgleich wuchs sein Interesse an Literatur, und er begann, erste Gedichte zu schreiben. Weil ihn der traditionelle portugiesische Musikstil Fado faszinierte, seine Atmosphäre in ihm eine unbeschreibliche Kraft entfaltete, wagte Afonso das Experiment, dieser Musik neue Akzente zu setzen.

„Fado“, aus dem Portugiesischen übersetzt „Schicksal“, wird häufig als der portugiesische Blues bezeichnet. Er ist tatsächlich eng mit der Tiefe der portugiesischen Seele verbunden, in ihm spiegeln sich die innigsten Emotionen eines Volkes. Es heißt, den Fado hätten einst nordafrikanische Seeleute nach Portugal importiert, aber das ist nicht mehr nachweisbar. Ende des 19. Jahrhunderts wurde er durch die begnadete Sängerin Maria Severa einem breiteren Publikum bekannt und gewann rasch an Popularität. Die Sängerin begleitete sich auf der portugiesischen Gitarre, einer mit doppelten Stahlspitzen bespannten Lautenform, die einen ganz eigentümlichen, fast klagenden Klang hervorbringt. Ein Meister auf diesem Instrument war übrigens ein Freund und Kollege Afonsos, der Gitarrenvirtuose Carlos Paredes. Der saß wegen der Diktatur achtzehn Monate lang im Gefängnis und baute in dieser Zeit ein eigenes Instrument. Meisterhaft war auch Jorge Fernando, einst Gitarrist der berühmtesten Fadista (so werden die Fado-Sängerinnen genannt) Amalia Rodriguez.

Nach dem Zerfall der Salazar-Diktatur verlor der Fado allmählich an Beliebtheit. Der jüngeren Generation schien er veraltet und konservativ, zumal er zunehmend als Folklore abgetan wurde. Dieser Meinung schien auch Afonso gewesen zu sein, als er begann, seine Gedichte zu vertonen. Er bevorzugte die herkömmliche Konzertgitarre als Begleitinstrument. Seine ersten Schallplatten, die 1953 erschienen, waren noch unpolitisch; er sang damals noch hauptsächlich harmlose Liebeslieder über das Studentenleben. Nach seinem Studium begann er 1955 eine Tätigkeit als Pädagoge und wirkte in verschiedenen Schulen des Landes. Danach erhielt er für vier Jahre eine Anstellung in Mosambik. Wieder in Portugal, wurde er als Sänger Teil des Ensembles „Orfeao“ und des Studentenchors „Tuna Academica“. Es folgten mehrere Soloauftritte in Westeuropa und Afrika.

1960, während einer weiteren Tournee durch Angola und Mosambik, wurde er mit der Resistenzbewegung gegen das unmenschliche Kolonialregime konfrontiert. Fortan trugen die Inhalte seiner Lieder politische Züge, was zur Folge hatte, dass er schnell als wichtigster Sänger der Opposition bezeichnet wurde. 1964 erschien seine erste Langspielplatte, „Cantares de José Afonso“, danach die Scheibe „Baladas e Canções“ und 1966 ein erstes Buch mit Liedtexten. Spätestens in diesem Jahr geriet er ins Visier der staatlichen Geheimpolizei „PIDE/DGS“ und wurde mit Sanktionen bedroht. Aus diesem Grund sah er sich gezwungen, Konzerte und Plattenproduktionen ins Ausland zu verlegen. Die portugiesischen Behörden entzogen ihm die Lizenzen als Lehrer und als Sänger. Doch da sein gerade erschienenes Album „Contigas do Maio“ auf großes internationales Interesse stieß und er daraufhin zahlreiche Konzertangebote aus ganz Europa bekam, war es ihm vergönnt, weiter als Musiker zu existieren.

Während einer Tourneepause Anfang 1973 wurde Afonso allerdings in Portugal verhaftet und saß wochenlang im Gefängnis. Dort nutzte er die Zeit, um etliche Prosastücke und Liedtexte zu verfassen. Nach seiner Entlassung produzierte er sein wohl erfolgreichstes Album bei ORFEU „Grandola, vila morena“. Kurz darauf folgten der besagte Staatsstreich und die Rehabilitierung Afonsos.

In der Folgezeit engagierte er sich aktiv in der „LUAR“, einer oppositionellen Initiative, die seit der Mitte der Sechziger im Untergrund fungierte und nun linksorientierte Kulturaktionen förderte. 1974 und 1975 gastierte José Afonso erstmalig in der DDR beim „Festival des politischen Liedes“, wo er so euphorisch gefeiert wurde, dass das staatliche DDR-Label Amiga ein Jahr darauf die LP „José Afonso / Grandola / Lieder aus Portugal“ herausbrachte. 1976 komponierte er für einen Dokumentarfilm des bekannten portugiesischen Regisseurs Antonio da Cunha Telles den Titelsong „Com as Minhas Tamanquinhas“, der im selben Jahr auf Platte erschien und sehr erfolgreich war. Ebenfalls 1976 kam die LP „José Afonso in Hamburg“ auf den Markt, eine Dokumentation seiner Deutschlandtour, die auch durch die DDR führte.

Bereits kurze Zeit nach dem Zusammenbruch der Diktatur veränderte sich Afonsos Lyrik merklich. Seit dem Wegfall der politischen Zensur wurden seine Texte konkreter, sie benötigten nicht mehr das poetische Versteckspiel in Form surrealer Metaphern. Vielmehr waren seine Texte jetzt von sarkastischer Spitzfindigkeit durchzogen. Anstelle früherer Protestsongs behaupteten sich nun politisch-satirische Pamphlete in der portugiesischen Liedermacherbewegung. Auch die Musik erfuhr eine Metamorphose. Bis dahin vom Staat verpönte westliche Rockmusik hielt Einzug und beeinflusste maßgeblich die Begleitmusik der Liedermacher. Afonso verstand es geschickt, Formales mit Modernem zu mischen. Dank seiner Liebe zur Folklore Mosambiks bezog er auch afrikanische Elemente in seine Arrangements ein.

In den frühen Achtzigern erkrankte José Afonso an einer schweren Nervenkrankheit, die als unheilbar galt. Trotz seines Leidens gab er weiterhin regelmäßig Konzerte und produzierte noch einige Alben: „Como se Fora Seu Filho“ und „Ao Vivo no Coliseu“. 1985 erschien seine letzte Platte „Galinhas do Mato“, auf der er allerdings nur noch zwei Titel selbst singen konnte, was seinem sich stetig verschlimmernden Gesundheitszustand geschuldet war. Die restlichen acht Songs übernahmen die befreundeten Sängerinnen Né Ladeiraz, Luis Represas sowie die charmante Helena Vieira.

Nach mehreren Aufenthalten in amerikanischen und europäischen Spezialkliniken verstarb José Afonso am 23. Februar in Setubal. Er wurde 57 Jahre alt. Seine Gedichte und Lieder beeinflussten unzählige Sänger und Interpreten, so beispielsweise den weitaus jüngeren Songpoeten Sergio Vesely, den man getrost als ebenbürtigen Nachfolger bezeichnen kann. Er erlangte zwar bei weitem nicht den Bekanntheitsgrad des Meisters, stand ihm jedoch in den folgenden Jahren gesanglich und poetisch keineswegs nach:

„Singe, Sänger, sing‘, Poet
In diesen kalten Nächten
Weil die Sprache, die Deinem Liede Schmied ist
Weil der Wunsch einer tiefen Empfindung
Weil das Korn, das Deine Hand aussät
Dem kommenden Morgen das Leben einhaucht“