Fokus Afghanistan

Zum Ende des vergangenen Jahres sorgten die ersten Sammelabschiebungen aus Deutschland nach Afghanistan für Empörung. Das Ziel, über komplexe Themen unserer Zeit aufzuklären, verlangt kompetente Gesprächspartner. Im Dresdner Hygienemuseum kann man seit geraumer Zeit sogenannte „Länder-Abende“ erleben, veranstaltet vom European Direct Information Center (EDIC) Dresden. Der jüngste lief am 13. Dezember 2016 unter der Überschrift „Fokus Afghanistan – Zwischen Terror und Wiederaufbau am Hindukusch“. Als wichtigster Gast war Thomas Ruttig angekündigt. Er wirkte von 1988 bis 1989 als Diplomat der DDR in Kabul und ist heute Co-Direktor des Afghanistan Analyst Network (AAN), einer gemeinnützigen Organisation für politische Analysen, die er mitbegründet hat. Leider war Thomas Ruttig aus gesundheitlichen Gründen verhindert. Ralf Richter erreichte den Experten, der sich seit über 35 Jahren mit Afghanistan beschäftigt, telefonisch.

Wie haben Sie die Situation Ende der 80er Jahre in Afghanistan erlebt – konnten Sie durch das Land reisen? Wie sicher war es damals?

Man konnte sich in Kabul ziemlich frei bewegen und mit dem Auto etwas aus Kabul rausfahren – das ist schon mehr, als heute möglich ist. Mit dem Flugzeug habe ich andere Städte erreicht, aber es herrschte damals auch schon Krieg. Bombenanschläge gab es zwar, aber sie hatten Seltenheitswert. Heutzutage ist das Alltag. Um Kabul herum hatten die sowjetischen und afghanischen Truppen drei Verteidigungsringe installiert – das hat man auch jetzt versucht, aber damals funktionierten sie besser.

Ist die damalige afghanische Armee stärker gewesen als die heutige?

Wenn man Afghanen fragt, so sagen sie, dass die damalige Armee unter dem Präsidenten Nadschibullah besser organisiert und geführt gewesen sei. Zwar hat damals der äußere Verteidigungsring um Kabul nicht immer gehalten, die Raketen der Mudschaheddin erreichten insbesondere die Außenbezirke, wo die ärmere Bevölkerungsschicht lebte, und es gab immer wieder Tote und Verletzte. Heute sehen viele Afghanen, die damals Nadschibullah sogar aktiv bekämpften, in ihm einen der besten Politiker, die das Land je hatte.

Wie ist es heute?

Heute gibt es Kabul den so genannten Ring of Steel, den Ring aus Stahl, eine Postenkette der afghanischen Polizei um das Stadtzentrum. Aber zum Feierabend hin wird der Ring recht dünn, da gleicht der Stahl eher Schweizer Käse.

Seit über zehn Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan „engagiert“ und man hat seither den Eindruck, dass es zwar viele Informationen über Afghanistan gibt, die aber letztlich nicht zu Wissen führen. Woran liegt das?

Es gibt schon gute Informationen in Medien und akademischen Publikationen, aber die kann man heutzutage nirgendwo mehr zusammenführen. Man muss also viele Quellen anzapfen, und es ist auch hilfreich, wenn man Englisch kann, weil das Meiste und Beste in Englisch publiziert wird. Was von der Bundesregierung kommt, ist natürlich interessengeleitet. Hier geht es um eine Positivdarstellung – Probleme werden eher nicht benannt. Doch inzwischen haben die meisten Leute mitbekommen, dass da einiges nicht stimmt. Man sieht das im Moment auch an der Debatte darum, ob Afghanistan für Abschiebungen „sicher“ ist. Meine Organisation tut auch einiges zur Aufklärung – im Internet findet man uns unter www.afghanistan-analysts.org

Viele Migranten kommen wohl nicht umsonst aus Afghanistan …

Das hat natürlich mit dem Krieg dort zu tun und auch damit, dass er seit vierzig Jahren anhält. Es gab immer wieder die Hoffnung, dass er beendet wird, die aber ständig aufs Neue enttäuscht wurde. Da kann man die Leute schon verstehen, wenn sie sagen, ich halte es zu Hause nicht mehr aus. Wenn man diese Menschen dann als Wirtschaftsflüchtlinge hinstellt, finde ich das zynisch.

Die Fluchtursachen sind vielfältig.

Natürlich gibt es auch sozialökonomische Ursachen. Aber Armut und Unterentwicklung sind auch Resultate der Kriegsjahre und sind im Kriegszustand auch nicht zu überwinden. Der Wiederaufbau geht schleppend voran, und was vorne aufgebaut wird, wird hinten wieder weg gesprengt. Wenn der Bundesinnenminister sagt, wir haben so viel in Afghanistan reingesteckt, da müsste man doch auch erwarten können, dass die Leute da bleiben – dann ist das eine überaus verkürzte Sicht auf die Dinge, die den aktuellen Umständen nicht gerecht wird.

De Maiziere sollte das besser wissen.

Er weiß es besser. Mit solchen Statements übertüncht man auch, dass die Bundesregierung als großer Geldgeber und Truppensteller eine Mitverantwortung dafür trägt, dass in Afghanistan keine Ruhe herrscht.

Was hat denn der gesamte Einsatz der Bundesrepublik in Afghanistan bewirkt?

Die Bilanz ist gemischt. Man hat dazu beigetragen, dass sich das Leben vieler Afghanen tatsächlich für eine Weile verbessert hat. Das kann man auch im Afghanistan-Fortschrittsbericht der Bundesregierung von 2014 nachlesen. Aber man weiß nicht, wie nachhaltig das alles sein wird. Man rechnet – und das war zu DDR-Zeiten auch nicht anders – lieber Erfolge als Misserfolge ab.

Was sagen eigentlich linke Afghanen zum militärischen Einsatz des Westens?

Linke Afghanen oder solche mit einer linken Vergangenheit haben sich immer gewünscht, dass die westlichen Soldaten stärker gegen die Taliban vorgehen, dass man aber auch gleichzeitig politisch gegen die Korruption und den „Warlordismus“ auf der Regierungsseite kämpfen möge. Die vereinfachte Darstellung, dass sich eine „gute Regierung“ und „böse Taliban“ gegenüberstehen, unterschlägt, dass die Hälfte der Probleme in Afghanistan durch die Regierung verursacht wird. Die afghanischen Linken hatten gehofft, die demokratischen Staaten des Westens würden ihnen dabei helfen, das zu ändern. Der Westen hat aber nie Afghanistans politischen Pluralismus auch institutionell anerkannt. Es gab nur immer Karzai und die Taliban, doch die Zivilgesellschaft und die Parteienlandschaft wurden kaum wirklich gefördert. Die vielen fortschrittlichen Afghanen sind hängen gelassen worden, und das rächt sich heute.

Junge Afghanen haben beim Länderabend berichtet, dass sie nicht unbedingt vor den Taliban geflohen sind, sondern dass sie von der eigenen Regierung gar nichts erwarten und auch nicht wünschen, dass diese vom Ausland weiter unterstützt wird. Was muss denn aus Ihrer Sicht passieren, damit das Land zur Ruhe kommt?

Wenn der Westen die Unterstützung für die Regierung einstellt, bricht diese zusammen und die Taliban könnten wieder an die Macht kommen. Das würde diesen Afghanen auch nicht gefallen. Der Krieg muss beendet werden, damit sich das Land friedlich entwickeln kann. Es braucht ferner Druck, damit sich auch die Regierungsführung zum besseren ändert und endlich beginnt, sich um die Lebensumstände der Bevölkerung zu kümmern. Die lebt fast zur Hälfte unter der Armutsgrenze.